Gier nach Wunderzeichen

30. August 2013, 19:43
2 Postings

Über Andrea Roedigs gesammelte Texte, Reportagen und Glossen, in denen es immer um etwas geht, das sich nicht fügen will

Die Kirche, diese "Parallelwelt mit ihrer eigentümlichen, widerständigen und manchmal verbrecherischen Triebökonomie", begann sie zu interessieren, als der schwer an Parkinson erkrankte Papst Johannes Paul II. nicht einfach abtrat. Neun katholische Geschichten finden sich in Andrea Roedigs Essaysammlung, zwei davon beschäftigten sich mit Johannes Paul beziehungsweise seinem Nachfolger Benedikt. Was bedeutet das öffentliche Siechtum und der Prozess der Petrifizierung einer weltöffentlichen Person, was überhaupt ist ein Papst, und wer spricht, wenn der Papst spricht? Was Johannes Paul II. am Rücktritt hinderte, schreibt Roedig, war nicht persönliche Eitelkeit oder Starrsinn, sondern der tiefe Glaube an seine Bestimmung: Er begriff sein Pontifikat als Martyrium, als Blutzeuge Christi zwang er der Welt sein Bild auf. Gegen dieses monströse körperliche Exerzitium konnte Josef Ratzinger in der Nachfolge wenig mehr setzen als eben seinen Rücktritt. Benedikt ist im Gegensatz zu Karol Woityla bei Roedig dann auch nicht Thema ausführlicher Analyse, er erscheint ihr als Traumgestalt. Der Benedikt in ihrem Traum trägt die Brillen vom späten Freud, und die Deutung ihres Traumes stellt sie dem lieben Gott anheim.

Es ist kein geringes Verdienst dieser Autorin, die sich als waschechte, wenngleich auch teilweise abtrünnige Feministin bezeichnet, wie sie ohne Ressentiment, aufklärerisch, manchmal sogar mit kritischer Empathie den Katholizismus und sein Leidens- und Opferpersonal durchleuchtet, egal, ob eine schlagende Nonne oder ein schwuler Priester im Mittelpunkt stehen. In fünf Themenblöcke hat sie ihre Reportagen, Glossen und Essays aus Zwölf Jahren gegliedert, neben den katholischen Geschichten mit den Kapitelbezeichnungen Obsessionen des Alltags, Geschlecht & Co, Magie des Verlangens und Leben im Loop überschrieben. Erst in der Textsammlung wird sichtbar, was durch die disparate Publikation in Tages- und Wochenzeitungen oft verborgen bleibt, nämlich die themenübergreifende Stringenz der als Publizistin bislang viel zu wenig anerkannten Andrea Roedig. Eine Unterschätzung, die auch mit ihrem 2007 erfolgten Umzug von Berlin nach Wien zu tun hat. In Berlin leitete sie die Kulturredaktion des Freitag, in Wien schlägt sie sich als freie Autorin mit "wilder Migrationserfahrung" durch. Bislang nur im Freitag erschienen und in Wien deshalb vorerst sträflich nicht zur Kenntnis genommen ist der Essay Lost in Migration über Österreich als generelle Standardvarietät. Eine literarische Petitesse ersten Ranges ist die Reportage über das geheime Leben der kleinen Geschäfte in der Wiener Leopoldstadt. Die welkenden Wachsblumen in der Auslage der Weinhandlung Löscher in der Franzensbrückenstraße oder die über einem verblichenen Teppichbodenteil schwebenden Mäntel im Schaufenster des Pelzgeschäftes Skoda sind Bilder, die eher eine Außenstehende wahrnimmt als eine Einheimische. Auch Get Nailed! Die wunderbare Welt der Nagelstudios ist ein Text, der sich sowohl durch soziologisch genaue Beobachtung als auch durch exzellentes Beschreibungsvermögen auszeichnet.

Der Dinge Verhalten zum Körperlichen und die Objekthaftigkeit der Körper in merkantilen Zurichtungsprozessen sind Themendispositive, die Roedigs Texte grundieren. Ihren soziologisch an der kritischen Theorie geschulten Blick führt sie dabei nie in einen akademischen Jargon, und es sind nur scheinbare Alltäglichkeiten, die sie in der Tiefe auslotet. Ihre kleine Phänomenologie der Damenhandtasche ist ein Beispiel für diese Schreibtechnik, die intensive Recherchearbeit nie ausstellt und gelassen immer wieder auch Witz und Selbstironie durchspüren lässt. Ihre Gesprächspartner spiegeln noch im Abgründigsten ihre intelligentesten Seiten, zum Beispiel in einem Interview mit zwei Sadomasochisten. Machtverhältnisse dokumentiert Roedig dabei in einer beneidenswert plastischen Unaufdringlichkeit.

Roedigs Texte erscheinen auf eine einzigartige Weise gelungen, weil sie auktoriale Kompetenz mit Zurückhaltung gegenüber ihrem Personal und dem sozialen Setting ihrer Themen zu verbinden weiß, die bei allen Differenzen in erster Sicht dann doch ein inhaltliches Kontinuum darstellen. In einer Glosse über das lesbische Outing der deutschen Fernsehmoderatorin Anne Will findet sich der Satz: "Beim Sex geht es, wie beim Fressen, doch ganz banal um Eifersucht und Habenwollen." Und im nächsten Absatz: "Schönheit ist Macht. Schönheit ist der weibliche Phallus. Die schöne, weibliche Lesbe hat ihn, und sie ist, um noch eins draufzusetzen, die reine Rache der Camouflage - sieht heterosexuell aus, ist es aber nicht." Sätze, die auf eigenwillige Art korrespondieren mit Roedigs Essay über Johannes Paul II., wo sie schreibt: "Durch und durch dialektisch und immer mit doppeltem Boden funktioniert das katholische Christentum: Es ist geprägt von der Verachtung des irdisch Sichtbaren, und ihm gnadenlos verfallen in der Gier nach Wunderzeichen. Es verdammt den Körper und ist vollständig von ihm besessen."    (Walter Famler, Album, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)

Andrea Roedig, "Über alles, was hakt. Obsessionen des Alltags". € 19,90 / 256 Seiten, Klever-Verlag, Wien 2013.

Hinweis: Roedig stellt ihr Buch am 4. September vor, um 19 Uhr im Literaturbuffet Lhotzky, Rotensterngasse 2, 1020 Wien.

  • An der kritischen Theorie geschult, aber niemals dem akademischen Jargon verfallen: Alltags-Analytikerin Andrea Roedig.
    foto: klever-verlag

    An der kritischen Theorie geschult, aber niemals dem akademischen Jargon verfallen: Alltags-Analytikerin Andrea Roedig.

Share if you care.