Eine Karriere voller Missverständnisse

30. August 2013, 19:00
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Von der Underground-Szene bis zur Biennale: Zum Siebziger von Robert Crumb

Venedig/Wien - Sie zählen zu den ungewöhnlicheren Beiträgen auf der diesjährigen Biennale von Venedig: 207 Blätter, aneinandergereiht an den Wänden einer großen Halle des Arsenals, zeigen das Buch Genesis aus dem Alten Testament als Bildgeschichte. Den detaillierten, mit akribischen Schraffuren angereicherten, ernsten Comic Strip der Schöpfungsgeschichte hat ein Künstler geschaffen, von dem man radikal anderes gewohnt war: Robert Crumb.

Dass er antreten würde, die Bibel zu illustrieren - 2009 kam sein Buch Genesis heraus -, konnten die Fans kaum glauben, für die er immer noch der legendäre Meister der Underground-Comics aus den späten 1960ern war. Ihm selber bereitete es weniger Probleme. Nicht nur wurde er gut bezahlt dafür - zumindest glaubte er das, bis sich die Arbeit an den tausenden Bildern auf vier Jahre erstreckte.

Es war ihm auch ein Anliegen, die Geschichten, an die er sich bruchstückhaft aus dem Religionsunterricht erinnerte, Wort für Wort zu studieren. Er fand sie teilweise völlig verrückt und wunderte sich, wie jemand an all das glauben kann.

Immer woanders

Aber war er selbst nun doch altersweise und fromm geworden? Das wäre eines der Missverständnisse, die sich durch seine Karriere ziehen. Er war immer woanders als dort, wo andere ihn gerne hätten. 1943 in eine autoritäre, religiöse Familie in Philadelphia geboren, zog er sich schon als Kind aufs Zeichnen zurück. Nach einem Job bei einer Grußkartenfirma und ersten Begegnungen mit Cartoonisten, vor allem aber nach dem ersten LSD-Trip explodierte seine Fantasie und beförderte ihn direkt ins Zentrum der gerade aufblühenden Hippie-Kultur, an die Westküste.

Dort wurde er bald als der beste der zeichnenden Chronisten bekannt und mit seinen Sujets identifiziert. Aber das war ein weiteres Missverständnis. Mit der damaligen Mode, mit den spinnerten Gurus und vor allem mit dem Krach auf den Bühnen hatte er nichts am Hut, auch wenn er unter anderem das legendäre Cover von Janis Joplins Cheap Thrills schuf. Er machte sich über die Alternativkultur ebenso lustig wie über eigene Obsessionen, die Frauen mit großem Hintern und noch größeren Stiefeln galten.

Auch diese tatsächlich getriebenen und verstörenden Bildgeschichten wurden für bare Münze genommen, statt als verschämte Offenbarungseide. Er schuf sich mit ihnen jede Menge politisch korrekter Feinde. Sie verfolgten ihn noch, als er zuerst San Francisco und schließlich die Vereinigten Staaten verließ, um sich mit seiner Frau, der Zeichnerin und Autorin Aline Kominsky, und Tochter Sophie in der südfranzösischen Provinz niederzulassen.

Was manche seiner Kritiker und Verehrer bis heute übersehen: dass er mittlerweile wunderbare Hommagen an frühe Blues-Sänger zeichnet und autobiografische Storys über das Altern, dass er hellsichtig Amerika mit Frankreich vergleichen kann; dass er heute einer der großen US-Künstler ist und - unmissverständlich - ein intelligenter, radikal ehrlicher Wertkonservativer, der am liebsten in der zweiten Reihe mit Musette- und Country-Bands stromlos Banjo und Mandoline spielt.

Aline Kominsky wurde Anfang des Monats 65, und am Freitag feierten die Crumbs Roberts Siebziger mit Freunden in ihrem französischen Dorf. Keep on trucking, Bob!      (Michael Freund, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)

  • Der altmeisterliche Zeichner und Chronist einer Welt aus den Fugen, der am liebsten im Hintergrund musiziert: Robert Crumb an einem Sommerabend in seiner zweiten Heimat Südfrankreich.
    foto: michael freund

    Der altmeisterliche Zeichner und Chronist einer Welt aus den Fugen, der am liebsten im Hintergrund musiziert: Robert Crumb an einem Sommerabend in seiner zweiten Heimat Südfrankreich.

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