"Der Fußballer ist eine Ware"

Interview31. August 2013, 13:14
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Rudolf Novotny, Geschäftsführer der Gewerkschaft, über arbeitslose Kicker, Lohndumping und falsche Versprechungen in einer zum Teil künstlichen Welt

STANDARD: Was fällt einem Gewerkschafter ein, wenn er hört, dass Real Madrid für Gareth Bale 100 Millionen Euro ausgeben will?

Novotny: Playstation. Dem Herrn Bale ist es zu gönnen, aber das ist eine nicht vergleichbare Fußballwelt. Die ist künstlich aufgebaut.

STANDARD: Die Transferzeit endet am Montag. Wie schaut die Lage in Österreich aus. Steigt die Zahl der arbeitslosen Kicker?

Novotny: Sie steigt seit Jahren kontinuierlich. Das ist einerseits eine Folge der guten sportlichen Ausbildung in den Akademien, die anderseits zu einer Art Lohndumping führt. Die Jungen wollen rein, quasi um jeden Preis spielen. Es gibt bei uns keine Erhöhung der Klubbudgets, seit fünf Jahren gelten die Schlagworte "sparen" und "reduzieren". Die Gehälter steigen in Österreich definitiv nicht. Red Bull Salzburg ist eine Ausnahme.

STANDARD: Wie hoch ist die Arbeitslosenquote?

Novotny: Jeder Kader besteht aus rund 25 Kickern, ergibt bei 20 Profiklubs 500 Arbeitsplätze. Einhundert haben keinen Job, die Quote liegt bei 20 Prozent.

STANDARD: Wie viel verdient ein Erstliga-Profi im Schnitt?

Novotny: Definitiv unter 2000 Euro im Monat.

STANDARD: Und in der tipp3-Liga?

Novotny: Da liegt der Schnitt bei ungefähr 5000 Euro.

STANDARD: Auf dem Arbeitsmarkt sind ältere Menschen schwer vermittelbar. Gibt es diese Tendenz auch im Fußball? Alt ist man ja mittlerweile mit 25 oder 26.

Novotny: Klar gibt es die. Es wird den Spielern vorgeworfen, dass sie keinen Wert auf Vereinstreue legen. Umgekehrt existiert aber die Treue der Vereine zu den Spielern auch nicht mehr. Der Fußballer ist eine Ware. Und die junge Ware ist billiger. Spieler, die einen Weg mit dem Verein mitgehen wollen, werden ersetzt. Der Kostendruck ist natürlich vorhanden. Innerhalb Österreichs fließt bei Wechseln kaum eine Transfersumme. Es gibt maximal Ausbildungsentschädigungen. Oder man ist ablösefrei. Der Transfermarkt ist praktisch abgeschafft.

STANDARD: Ist das gut oder schlecht?

Novotny: Es zeigt, dass zwei Jahrzehnte nach dem Bosman-Urteil bei uns der Transfermarkt immer irrelevant gewesen ist. Es hat sich alles nur im Kreis geht, manchmal stand der eine Verein besser da, manchmal der andere. Das Denken der Klubs hat sich insofern verändert, als sie besser ausbilden. Das ist positiv.

STANDARD: Geht die Schere zwischen vermögenden und nichtvermögenden Fußballern immer weiter auf?

Novotny: Ja, sie wird größer. Das ist eine Folge des TV-Marktes, der bei uns praktisch keine Rolle spielt.

STANDARD: Wäre die Einführung einer Gehaltsobergrenze, wie sie in den amerikanischen Profiligen üblich ist, sinnvoll?

Novotny: Das würde das Lohniveau nur weiter senken. Es wäre auch nicht durchführbar. Was sollte man mit den Austria-Spielern machen, die sich für die Champions League qualifiziert haben? So etwas muss honoriert werden, zumal es dem Verein viel Geld bringt. Wir haben ein Prämiensystem, die Klubs gehen davon nicht weg. In den großen Ländern werden nur für herausragende Leistungen Prämien bezahlt. Da muss man an der Champions League nicht teilnehmen, man muss sie gewinnen.

STANDARD: Was raten Sie Fußballern, die keinen Job finden?

Novotny: Man muss die Spieler auf diesen speziellen Arbeitsmarkt permanent vorbereiten und sie begleiten. Damit es keine Einbahn wird. Viele machen die Schule fertig, es gibt aber immer noch einige, die eine Ausbildung abbrechen. Sie hoffen mit 17 auf einen Profivertrag. Und dann glauben sie, wenn sie tatsächlich einen bekommen haben, dass sie auf einem Planeten gelandet sind, der in eine unendliche Galaxie führt. Dass man abstürzen kann, und zwar sehr rasch, ist in ihrem Denken nicht verankert. Nicht die Ausbildung vor oder nach der Karriere ist entscheidend, sondern jene während der Karriere. Da passiert zu wenig, die Spieler werden alleingelassen. Sie unterliegen Einflüssen, die für junge Menschen nur schwer rational zu verarbeiten sind. Sie sind medial präsent, verdienen im Vergleich zu Alterskollegen überdurchschnittlich gut, es entsteht ein soziales Prestige. Sind diese Aspekte nicht mehr gegeben, fallen sie umso tiefer. Der Fußballer muss bereit sein herunterzukommen.

STANDARD: Was passiert mit den Heruntergekommenen, die trotzdem noch Fußballspielen wollen?

Novotny: Man muss organisatorische Voraussetzungen schaffen. Die Überlegungsfrist für jene, die in den obersten Spielklassen nicht mehr gebraucht werden, ist zu kurz. Sie müssen bis zum 15. Juli eine Entscheidung getroffen haben. Das geht aber nicht, weil sie ja immer noch auf einen Job ganz oben hoffen. Dabei könnten sie auch in den Regionalligen arbeiten. Dort wären sie willkommen, es gibt immer noch Mäzene oder Firmen, die einen Job neben dem Fußball anbieten. Man wird in einem anderen Bereich gefördert, das macht durchaus Sinn. Aber die Manager erwecken falsche Hoffnungen, reden immer noch von Madrid oder Mailand. Das klappt dann natürlich nicht. Der Spieler merkt, es tut sich nichts mehr. Es ist zu spät, und auf einmal steht er auf der Liste der Arbeitslosen. Es sind mehr als hundert. Auch ein arbeitsloser Fußballer ist einer zu viel. (Christian Hackl, DER STANDARD, 31.8.2013)

Rudolf Novotny (59) ist Gründungsmitglied und Geschäftsführer der Vereinigung der Fußballer (VdF).

  • Die Tottenham-Freunde werden künftig ohne Gareth Bale glücklich werden müssen.
    foto: reuters/wermuth

    Die Tottenham-Freunde werden künftig ohne Gareth Bale glücklich werden müssen.

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