Diana, mon amour

30. August 2013, 19:11
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Irgendwie waren wir aufeinander zugeflogen. So dicht, dass wir uns hätten berühren müssen. Ein Sommermärchen zum 31. August 2013 von Peter Roos

Diana küssen, einmal im Leben! Als sie angeblich starb, war ich in Paris. In einer Seitenstraße kam sie mir entgegen. Am nächsten Tag. Irgendein Hauseingang, den sie zügig verließ. Ich erkannte sie sofort, sie mich auch. Jahre, Jahre zuvor hatten wir uns kennengelernt, auf einer Party in London, als die Wohngemeinschaft meiner englischen Brieffreundin ein Fest feierte mit der Wohngemein-schaft im gleichen Haus, in der sie lebte. Natürlich wusste ich damals nicht, wer sie war, wer sie ist, wer sie sein würde. Jedenfalls.

Irgendwie waren wir aufeinander zugeflogen. Wir saßen den ganzen Abend nebeneinander, dicht nebeneinander. So dicht, dass wir uns hätten berühren müssen. Wenn wir uns gegenübersaßen, so nah, dass die Knie hätten zusammenstoßen müssen, haben wir nur uns ins Auge gefasst. Auch beim Tanz nichts - so war es in diesen Jahren üblich. Alle Songs der Kinks kannten wir auswendig, obwohl sie so viel jünger war als ich. Rasch war ich nicht mehr wirklich auf dieser Party; wir waren nur noch zusammen. Plötzlich war sie weg.

In der Rue Pasquier ging ich auf sie zu, sie zwinkerte mich an, sagte, ohne gefragt zu sein: "No, I'm not!" und wollte weitergehen. "Yes, you are!", sagte ich. Sie nahm mich am Arm, kehrte um, halb zog sie mich, halb ging ich mit, zur Hausnummer 9, und als wir hinter der geschlossenen Tür standen, legte sie mir ihren Zeigefinger auf meine Lippen. Sie nahm meine Hand. Als die Wohnungstür zugefallen war, umarmte sie mich. Zwei Stunden lang? Dann löste sie sich von mir, nahm meinen Kopf in ihre offenen Hände und küsste mich auf meine Lippen.

Das hätte sie besser damals schon tun sollen, sagte sie später. Sie sei so unbeschreiblich fassungslos in mich verliebt gewesen, so schnell, so sofort, so bedingungslos. Wie gelähmt, wie krank, tagelang, wochenlang, Minute für Minute. In der WG-Party-Nacht habe sie fliehen müssen, wo sie doch nichts hätte lieber gehabt haben wollen, als einmal im Leben geküsst sein, wie nur ich sie hätte küssen können. Sie habe natürlich gewusst, wer sie gewesen sei, aber ich, und eben dann auch noch ein Deutscher! Alle in den beiden Wohngemeinschaften hätten natürlich gemerkt. Irgendwann sei meine Brieffreundin mit der Eröffnung herausgerückt, dass mein Großvater ein unehelicher Sohn des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand gewesen sei, der Franz Ferdinand, der 1914 als Thronfolger erschossen worden wäre. "Entweder waren wir Zwillinge oder Eheleute!", habe sie damals gedacht.

Stundenlang geweint, geweint, die Tränensäcke hingen am Hals.

"Warum hast Du mich nicht einfach entführt?"

Sie wollte meinen Namen

Drei Monate haben wir zusammengelebt in dieser Einzimmerwohnung in der Rue Pasquier Numero 9, der Seitenstraße zum Boulevard Haussmann. Sie wollte mich heiraten. Sie wollte meinen Namen. Sie wollte ein normales Leben. "Kussleben". Kussleben war ihr Lieblingswort. Falls sie auf der Straße angesprochen wurde, kam's wie aus der Pistole geschossen: "Je ne le suis pas!" Immer hatte sie englisch reagiert, verräterisch reagiert, bis ich ihr eine französische und eine deutsche Antwort nahelegte: "Ich bin's nicht!"

Wir gingen Pizza essen, wir gingen in den Plattenladen, wir streiften durch die Stadt, Hand in Hand. An einer Straßenecke blieben wir stehen, um uns in Ruhe oder heftig zu umarmen. Kleider anprobieren, ohne zu kaufen, und kichernd die Edelboutiquen zu verlassen. Niemand interessierte sich für uns. Nur wir für uns. Nah, ganz, sehr, verschlungen, schön.

Wir haben viel geweint

Natürlich auch Ärger. Sie wollte nicht, dass ich arbeitete. "Are you crazy!" Ich habe einen Beruf, und der ist Berufung. Zänkisch, gekränkt, zickig, bis der Ärger wie Nichts war. Wir haben viel geweint. Über ihr Leben. Nicht über meines. Dass ich Partnerin und Beruf hatte, war ihr Störfaktor und Anlass zu Kaskaden von Wutanfällen - sie schlug sich die Fäuste an der Tischkante blutig, das Geschirr sprang auf und nieder, sie schrie, als sei sie in schierer Lebensgefahr, man hat ihre Hilferufe vorn an der Oper gehört.

Einmal hat sie mich geohrfeigt.

Sie forderte final, mich innerhalb von 60 Sekunden von Frau, Beruf, Land zu trennen, mit ihr zum Notar zu gehen und sofort danach zum Standesamt. Sie wolle mich ganz, ich solle sie für mich allein besitzen, ihr nicht ganz unbescheidenes Vermögen wäre zur Hälfte das meine und das unserer Kinder sowieso.

Verhütung lehnte sie rigoros ab. Sie liebte meinen Namen, den sie gerne englisch aussprach; er erinnere sie an ihre Lieblingsblume, während ich Magnolien mag.

"Nein!" Ich brauchte nur eine Sekunde.

Die Wohnungstür krachte so laut ins Schloss, dass die Holzleibung zitterte, die Bilder ihrer beiden Söhne gingen zu Boden.

Diana.

Ich fand sie dann in irgendeinem Giacometti-Museum.

Sie hatte wundervolle Brüste.

Selbst der Herzbusen war nicht stärker als der der Rechten.

"Cup my boobs!" oder "Darf ich Dir meinen Pudding in den Handteller füllen?", flüsterte sie mir abends im Kissen ins Ohr - sofort schlief sie ein.

Ich war ihr erlegen. Aber mit Verstand.

Meine Frau bat ich um Aufschub. Sie gewährte. Postlagernd schrieb sie, sie sei nicht eifersüchtig, sie sei neidisch - "Einmal im Leben ein Mann sein und dann Diana küssen!"

So soll es bleiben!

Selbst Weinen mit ihr war schön. Obwohl sie X-Beine hatte. Unvorstellbar unsicher. Aber von schönster Seele. Irgendwie auch innen schön. Und dort hatte sie einen Ofen. Und lächeln. Und die Augen, die Augen sowieso. "Warum fühlst Du Dich wieder so unwert?", ich habe sie oft gefragt. "Wo ich für einen einzigen Deiner Blicke in die Knie geh!" Und wie witzig war sie, wie witzig. "Listen!", rief sie mir manchmal aus der Dusche zu, und als ich am Badevorhang stand, sagte sie: "Ich schenke Dir jetzt einen Blick!" Schon stand ich unter der Brause mit ihr in voller Montur, und in der Kochnische ging die Frühstücksmilch über Bord.

Dass ich sie eine "durchunddurchige Durchlaucht" nannte, als sie meine ewige Liebe erpressen wollte, dass ich von ihren "Hegemonialansprüchen im Himmelbett" sprach, hat sie mit der Ohrfeige quittiert, für die sie dann später auf die Knie gegangen war.

Kein Gloss auf den Lippen. Sie aß am liebsten "Croque-Monsieur" und orderte in ihrem hübschen Anglofranzösisch: "Un bol de café au lait!" Gelegentlich dachte jemand, und wir sahen es ihm an: "Dumme Ziege - wie die auf Diana macht!" Hihi. Wir trollten uns.

Dass ich, wiewohl unehelich, aus dem österreichischen Kaiserhaus stammen sollte, war wichtig für sie. "Warum, verdammt?" Nicht nur einmal hatte ich geschrien. "Mein Vater - so hätte er diese Heirat gesegnet!"

Wenig sprach sie davon, dass sie ihrem Double die Auflösung des Arbeitsvertrages gestattet hatte, um Geliebte ihres Verehrers Dodi zu werden. Hätte sie sie davon abhalten können?

Mit mir sei sie "happy". Ich könne sie auch adoptieren. Wir kauften auf dem Flohmarkt Fünf Freunde-Romane und lasen uns die Enid-Blyton-Übersetzungen gegenseitig in unserem Kryptofranzösisch vor und kugelten uns auf dem Sofa umeinander vor Vergnügen. "So soll es bleiben!" wünschte sie. Happy.

Weit weg von allem. Drei Monate. Schieres Glück. Aber, ein toter Vogel unterm Baum aufm Boulevard, ein überfahrener Igel - suddenly war sie ohne jeden Boden, ohne Haftung, kein Arm konnte sie halten, kein Kuss schmeckte, und es war wie selbst überfahren, wie selbst vom Baum gefallen. Trostlos, für Tage trostlos, und es waren doch nur 90, die wir für uns hatten. Wenn diese Unfallfotos aus dem Tunnel im TV aufschienen, sagte sie, die Rechte an der Herzbrust: "Ich bin gar nicht tot!" Ohne Maskerade jedenfalls, und ihre Ausgelassenheit war nicht trügerisch.

Aber wehe, das Böse trat ins Zimmer oder an unser Bett - sofort war ihre Welt wie slime, Blei, Mehltau und Sekundenkleber, und es kostete Kraft für Jahre, sie aus ihrem Hades herauszuschmusen.

Nach einem besonders glücklichen, geradezu schwerelosen Tag, den wir löffelnd eingeschlafen beschlossen, wurden ihre Lippen beim Küssen blau, das Gesicht kalt, und schließlich hatte ich einen gläsernen Kopf in meinen Händen.

Diana war weg.

Ich erwachte.  

(Peter Roos, Album, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)

 

Peter Roos, geboren 1950 in Ludwigshafen, lebt als Schriftsteller im Alten Rathaus Zimmern bei Marktheidenfeld am Main und in Wien. Werke u. a. "Die wilden 40er. Porträt einer pubertären Generation" und "Hitler lieben. Roman einer Krankheit".

  • Wir gingen Pizza essen, wir gingen in den Plattenladen, wir streiften durch die Stadt, Hand in Hand. An einer Straßenecke blieben wir stehen, um uns in Ruhe oder heftig zu umarmen.
    foto: escudero patrick/hemis/corbis

    Wir gingen Pizza essen, wir gingen in den Plattenladen, wir streiften durch die Stadt, Hand in Hand. An einer Straßenecke blieben wir stehen, um uns in Ruhe oder heftig zu umarmen.

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