Selbstinszenierung: Ja, aber

31. August 2013, 08:10
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Die Arbeitswelt der Zukunft ist multimedial und lebt von Inszenierung. Aktuelles Beispiel: Marissa Mayer, die polarisierende Chefin von Yahoo

Sie machte Schlagzeilen, als sie bei Yahoo die Home-Office-Option einschränkte und Zusammenarbeit im Büro forcierte. Obwohl sie damit gegen den Trend arbeitet und fast nur Kritik erntet, liegt sie mit ihrer zukunftsorientierten Reorganisation vollkommen richtig.

Jetzt macht sie wieder Schlagzeilen, und dabei liegt sie wieder richtig: diesmal in einer genialen Kombination aus elegant und sexy auf der Liege im Garten - wobei sich dieses Foto nicht in einer langweiligen Computerzeitschrift findet, sondern in der angesehenen Modezeitschrift Vogue.

Schon das Foto ist absolut professionell und innovativ: von der Position auf der Liege bis hin zum selbstreferenziellen Ausschnitt auf ihrem weißen Tablet-Computer, der anknüpfend an ihre Google-Vergangenheit (Mitarbeiter Nummer 20) anscheinend auch kein iPad von Apple ist.

Natürlich kommt Kritik an ihrer Selbstinszenierung, überwiegend von Frauen: Denn Marissa Mayer schaut gut aus, verbindet die Rolle der Mutter genial und ohne Jammern mit der Rolle als Chefin eines Riesenunternehmens, ist hochintelligent, verdient 37 Millionen Dollar in einem halben Jahr und hat vor allen Dingen so richtig Spaß an ihrem Job.

Korrekt: Kein Wert an sich

Dass jetzt wegen dieses Fotos ein Verlust an "Werten, Ethik und von Moral" beklagt wird, passt ebenso ins Bild einer oft verstaubten Unternehmenskommunikation wie die vernichtende Kritik in einer deutschen Wirtschaftszeitung: "In Deutschland gilt aber, dass man sich korrekt verhält und bestimmte Regeln einhält."

Sicherlich darf man aus Marissa Mayers Auftritt nicht folgern, dass Selbstinszenierungen generell gut sind. Dazu ist die Liste der missglückten Aktionen zu lang: Sie beginnt mit dem legendären Foto von Ulrich Schumacher mit seinem Infineon-Porsche und reicht bis zu Managern, die sich über ihre Frauen inszenieren wollen. Ganz zu schweigen von Fotos im österreichischen Wahlkampf von Männern mit nacktem Oberkörper.

Was aber ist korrekt, und was sind die Regeln für die Arbeitswelt der Zukunft? Zunächst einmal ist "korrekt" kein Wert an sich. Vieles hängt von der Branche und vom Umfeld ab. Zudem ist nichts schlimmer als der krampfhafte Versuch, immer "korrekt" zu erscheinen. Dann gibt es klare Regeln für Selbstinszenierungen: Sie müssen authentisch zum Lebenslauf und zu anderen Fotos passen, müssen professionell gemacht sein, der Unternehmenskultur entsprechen und eine zumindest implizite Botschaft haben, die dem Unternehmen nützt.

Bei Marissa Mayer sind alle diese Anforderungen erfüllt, einschließlich "Nutzen für das Unternehmen". Denn Yahoo gilt nicht als sexy und trendy, sondern hat immer noch das Image eines verstaubten, alten Unternehmens. Genau das will und muss Marissa Mayer mit aller Kraft und vollem Risiko ändern. Und dazu gehört auch eine richtig gemachte Selbstinszenierung. (Christian Scholz, Leadership, STANDARD, 31.8./1.9.2013)

Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gründungsdirektor des MBA-Programms an der Universität des Saarlandes.

  • Geniale Selbstinszenierung oder krampfhafter Versuch, im Gespräch zu bleiben? Yahoo-Chefin Marissa Mayer ist Kritik gewohnt. Für den Vogue-Auftritt gab's vor allem Kritik von Frauen.
    foto: vogue/screenshot

    Geniale Selbstinszenierung oder krampfhafter Versuch, im Gespräch zu bleiben? Yahoo-Chefin Marissa Mayer ist Kritik gewohnt. Für den Vogue-Auftritt gab's vor allem Kritik von Frauen.

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