Die große Venus aus Wien

30. August 2013, 19:49
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Seit Mai "versilbert" Unicef Deutschland sein Erbe: Bislang summierten sich die Verkäufe aus der Sammlung Rau auf rund 27 Millionen Euro. In Köln und London stehen nun weitere Auktionen bevor.

Als Gustav Rau 2002 verstarb, hinterließ der Industrieerbe und Arzt ein auf vier Stiftungen verteiltes Vermögen und eine Kunstsammlung, um die - aufgrund teils widerrufener Testamente - jahrelang ein erbitterter Rechtsstreit tobte. Kein Wunder, der Wert der etwa 800 Kunstwerke umfassenden Kollektion beginnt irgendwo bei realistischen 200 oder kolportierten 500 Millionen Euro.

Im Dezember 2008 entschieden die Gerichte zugunsten der Unicef Deutschland. Die Filetierung der legendären Sammlung Rau hatte da längst begonnen. Im Auftrag des gerichtlich bestellten Nachlassverwalters ließ man beispielsweise bei Sotheby's im Juli 2008 acht Altmeistergemälde zum Gegenwert von netto 6,7 Millionen Euro versteigern. 400.000 Euro kamen entsprechend dem Wunsch des Erblassers dem von ihm gegründeten Kinderkrankenhaus in Ciriri (Kongo) zugute, die verbliebenen 6,3 Millionen wurden veranlagt bzw. zur Deckung laufender Kosten (u. a. Versicherung, Lagerung, Rechtsanwälte) verwendet. Abgesehen von einem knapp 150 Kunstwerke umfassenden Kern der Sammlung (Leihgabe Arp-Museum Bahnhof Rolandseck bis 2026) sollte der Rest - auf ausdrücklichen Wunsch Gustav Raus - versteigert werden.

Vor einem Jahr startete eine anonymisierte Ausschreibung, an der sich acht Auktionshäuser beteiligten, darunter auch Christie's, Koller (Zürich) und das Dorotheum. Der Unicef-Vorstand entschied sich im März 2013 schließlich für Lempertz, Bonhams und Sotheby's. Die Erlöse aus der Versteigerung der rund 530 Positionen "fließen in die Unicef-Stiftung", so der offizielle Wortlaut.

Seither kam ein erster Schwung auf den Markt: Bei Lempertz (Köln) summierten sich 34 Zuschläge in der Auktion Moderne (25. 5.) auf 1,86 Millionen Euro, zum Spitzenlos war Max Slevogts mit 439.000 Euro honoriertes Porträt der japanischen Tänzerin Sadayakko avanciert. Deutlich höher schlugen mit 24,61 Millionen Pfund (28,56 Mio. Euro) die in drei Sparten notierten Verkäufe bei Sotheby's in London zu Buche, wobei El Grecos Gemälde des im Gebet versunkenen Heiligen Dominikus - einem spendierfreudigen Käufer sei Dank - mit umgerechnet 10,78 Millionen Euro das größte Scherflein beitrug.

30 Prozent unverkauft

Von den von Mai bis inklusive Juli offerierten 128 Gemälden und Skulpturen wechselten inklusive Nachverkäufen 89 (rund 70 Prozent) zum Gegenwert von netto (exklusive Aufgeld) rund 26,7 Millionen Euro den Besitzer, wie Unicef auf Anfrage mitteilt. Für die unverkauften Objekte prüfe man im Einzelfall das weitere Vorgehen, einiges könnte als Leihgabe ins Arp-Museum wandern.

In den nächsten Wochen kommt nun die nächste Tranche auf den Markt. Bei Sotheby's (London) warten etwa Gemälde ("19th Century Paintings", 20. 11.) auf neue Besitzer und ruft man vorab ("Collections", 24. 9.) 41 Positionen auf, die mit etwa 450.000 Euro zu Buche schlagen sollen: darunter eine interessante, um 1700 ausgeführte Steinskulptur von Venus und Cupid, die mit partiellen Ähnlichkeiten zu einem Ensemble von Giovanni Giuliani im Stadtpalais Liechtenstein aufwarten kann. Das auf 34.500 bis 57.500 Euro taxierte und 1,8 Meter hohe Werk eines unbekannten Bildhauers war bis 15. Dezember 1971 in Wien beheimatet, wo es der deutsche Philanthrop bei Reinhold Hofstätter erwarb.

In Köln versammelt Lempertz im November (15./16. 11.) abschließend rund 250 Exponate der Kategorien Kunstgewerbe und Gemälde Alter Meister im Wert von etwa acht Millionen Euro.

Das mit Abstand wertvollste Exponat der Sammlung Rau absolviert dann am 5. Dezember bei Bonhams (London) seinen vorläufig letzten öffentlichen Auftritt: Jean-Honoré Fragonards Porträt des Herzogs von Harcourt, das bis vor wenigen Wochen im Getty Museum (Los Angeles) als Leihgabe gastierte. Die monetären Erwartungen belaufen sich dem Vernehmen nach auf zehn Millionen Pfund (circa 11,63 Mio. Euro), ein neuer Künstlerrekord, den man für das doublierte Werk zu erzielen hofft. Den bislang höchsten Zuschlag notierte Christie's 1999 für das Gemälde "Le Verrou" bei 5,3 Millionen Pfund.

Ein Debüt für das Auktionshaus: Denn gemäß einschlägigen Kunstpreisdatenbanken handelt es sich um das allererste Ölgemälde des Rokokokünstlers, für das man einen Käufer sucht. Und offenbar liebäugelt Bonhams mit der in der Schweiz angesiedelten kaufkräftigen Klientel. Anlässlich der Eröffnung der ersten Schweizer Niederlassung in Genf hält dort nämlich jetzt Fragonards Herzog vom 24. bis 26. September Hof.    (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)

  • Im Umfeld Giovanni Giulianis mutmaßt man den Kreateur dieser (ehemals in Wien beheimateten) um 1700 ausgeführten Skulptur von Venus und Cupid.
    foto: sotheby's

    Im Umfeld Giovanni Giulianis mutmaßt man den Kreateur dieser (ehemals in Wien beheimateten) um 1700 ausgeführten Skulptur von Venus und Cupid.

  • Etwa zehn Millionen Pfund will Bonhams für Fragonards Porträt eines Herzogs erzielen.
    foto: unicef / h. scheib

    Etwa zehn Millionen Pfund will Bonhams für Fragonards Porträt eines Herzogs erzielen.

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