"Ein Rückhalt bei Goethe stärkt"

Interview30. August 2013, 18:32
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Der Goethe-Biograf Rüdiger Safranski über Leben und Werk des "Jahrhundertgenies"

STANDARD:  Herr Safranski, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind mehrere gewichtige Goethe-Biografien erschienen. Was hat Sie dennoch bewogen, sich einer neuen, großen Goethe-Biografie zuzuwenden?

Safranski: Ich bin mit meinen zuvor geschriebenen Büchern über Schopenhauer, über Schiller, die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, aber auch die Romantik und E. T. A. Hoffmann immer wieder um Goethe herumgeschlichen. Er war für mich stets in Sichtweite. So blieb die vielleicht größte Herausforderung in meiner biografischen Schreibkarriere, seine Biografie anzugehen. Ihre Frage kann ich daher lakonisch beantworten: Es gibt viele Goethe-Biografien, aber noch keine von mir. Natürlich habe ich auch eine wichtige Idee, die ich in all den Biografien, die ich kenne, nicht auf hinreichende Weise zum Vorschein gebracht finde. Goethe war nicht nur ein großer Künstler, der ein Werk hinterlassen hat, sondern wie kein anderer hat er es verstanden, das Leben selbst zu einem Werk zu machen. Dieser Gestaltungswille, der vom künstlerischen Werk auf das Werk des Lebens überspringt, ist es, was uns weiterhin so an ihm fesselt.

STANDARD:  Sie bezeichnen Goethe denn auch als "Meister des Lebens". Hat er selbst sein Leben als gelungen empfunden?

Safranski:  Als harmonisch und friedlich geglättet darf man sich Goethes Leben nicht vorstellen. Es war eher ein Kampf. Goethe stand immer wieder vor Abgründen und Zweifeln, vor Anfällen von Lebensekel und Lebensüberdruss. Er war bedroht von Zerstreutheit und Zerfahrenheit. 1779/80 aber gibt es bei ihm einen lichterlohen Moment, in dem er meint, man müsse das Leben zu einer Pyramide formen. Ob er die Pyramide zuspitzen könne, hänge vom Schicksal ab. In diesem Bild zeigt sich, wie er die Gestaltungsidee, die im künstlerischen Werk lebt, auf das Leben überträgt. Das vollzieht er ganz bewusst, und das geht ihm auch nicht verloren.

STANDARD:  Wirkt dieses Lebenskunstwerk Goethes für uns heute noch inspirierend?

Safranski:  Wir können das, was Goethe uns da vorlebt, nicht in dem Sinne aktualisieren, dass es ein Modell oder ein Vorbild für uns wäre. Aber man befasst sich mit so einem Leben nicht nur, um Goethe gerecht zu werden, sondern auch um sich selbst zu verstehen. Im Spiegel der Auseinandersetzung mit Goethe begreift man etwas vom eigenen Leben, seiner eigenen Zeit. Und wenn man ihn in seinem Leben verfolgt, bekommt man Lust aufs Leben.

STANDARD:  Es gibt kaum einen Bereich aus diesem Leben, der nicht schon - zumeist vielfach - aufgearbeitet wurde. Konnten Sie dennoch Fakten finden, die ein neues Goethe-Bild vermitteln?

Safranski:  Goethe ist der am intensivsten durchforstete und durchforschte Autor. Die Quellenlage ist einmalig. Der Philologenfleiß von zwei Jahrhunderten hat alles zusammengetragen. Da brauchen wir nicht zu hoffen, noch irgendetwas Neues zu finden. Aber eine Figur wie Goethe ist reich. Das ist ein Kosmos an Zusammenhängen, die alle darzustellen unmöglich ist. Jeder Blick offenbart etwas Neues. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der 18-jährige Goethe berichtet einem Freund über seine Liebesgeschichte mit "Käthchen" Schönkopf, und in einem zündenden Augenblick beim Briefschreiben entdeckt er, dass er Literatur schreibt, und zwar eine neue Art von Literatur. Als geniales Wunderkind hat er früher schon Verse noch und noch geschmiedet, doch waren die wie in den Jahrhunderten zuvor aus Literatur gefertigt. Jetzt aber stellt er fest, dass man Literatur aus Leben machen kann. Solche Sternstunden des Schöpferischen gibt es bei Goethe zuhauf. Und wenn man sie in den Quellen findet, wundert man sich, dass bisher so wenig Aufmerksamkeit darauf verwandt wurde.

STANDARD:  "Worauf er nicht irgendwie produktiv antworten konnte, das ging ihn nichts an", beschreiben Sie seine Zugewandtheit zur Welt. Wie ist es zu erklären, dass trotz dieser Zeitverbundenheit seine Werke nicht veraltet wirken?

Safranski:  Goethe ließ nicht einfach etwas durch sich hindurchgehen. Vielmehr wollte er unter Beteiligung des Eigensten von ihm eine produktive Antwort geben. Er hat etwas begriffen, was wir heute dabei sind zu vergessen: Nicht nur als biologische, sondern auch als Kulturwesen brauchen wir ein Immunsystem. Wir müssen eine Lebensklugheit entwickeln, das in uns aufzunehmen, was uns weiterbringt und mit dem wir produktiv etwas anfangen können, und das auf Distanz zu halten, was uns bloß zerstreut oder gar zerstört. Goethe vermochte das großartig. So war er bei dem, was er tat, immer mit allen Lebensgeistern dabei. Diese vollkommene Präsenz schuf die Magie der Ausstrahlung seiner Werke. Doch um einer Idealisierung vorzubeugen: Wir finden bei Goethe durchaus Texte, die einem heute nicht mehr viel sagen und die man bloß noch aus philologischer Gewissenhaftigkeit zur Kenntnis nimmt.

STANDARD:  Ein Werk zieht sich durch Goethes gesamtes Leben, nämlich die "Faust"-Tragödie. Liegt darin die Essenz seines dichterischen Lebens?

Safranski:  "Faust" ist Goethes Lebenswerk. In den frühen Siebzigerjahren fasst er die Idee dazu, und kurz vor seinem Tod legt er es aus den Händen. Es ist die ostinate Begleitmusik zu seinem gesamten Leben, der Basso continuo, der manchmal auch voll trällerndem Gesang ist. Zugleich wirkt es lebensstützend. In wichtigen Umbrüchen seines Lebens kommt Goethe stets darauf zurück. Als er 1797 seine große Reise antritt, regelt er seine Erbschaftsangelegenheiten und bestellt Schiller zu seinem Nachlassverwalter, verbrennt Briefe, was er bei solchen Gelegenheiten häufig tut, und setzt sich an den "Faust". Immer wenn das Leben bricht, tritt wie eine heiße Lava der Fauststoff hervor. Schließlich ist daraus ein Riesendrama geworden, ein Werk, mit dem wir nie fertig werden. Ein Stück Weltweisheit ist darin eingeschlossen, und die kann immer wieder zur Aktualität erweckt werden.

STANDARD:  Auch auf verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten war Goethe tätig. Welche Bedeutung erlangten diese Studien damals, und wie bewerten Sie sie aus heutiger Sicht?

Safranski:  Goethes "Farbenlehre" zum Beispiel hat sich, abgesehen davon, dass sie ein wunderschön geschriebenes Buch ist, gegen die Newton'sche Lehre nicht behaupten können. Als Farbpsychologie aber sind Goethes Beobachtungen in hohem Maße weiterführend. Wir sind heute von einer Naturwissenschaft umgeben, die höchst erfolgreich und wirkungsvoll ist, bei der uns aber zunehmend Hören und Sehen vergeht. Trotzdem leben wir in der gehörten und gesehenen Welt. Existenziell geht für uns nach wie vor die Sonne auf. Und diese Welt beschreibt Goethe. Es gibt vielleicht keinen Autor, der die sinnlich erschließbare Wirklichkeit so lebendig, geradezu haptisch handhabbar zur Darstellung gebracht hat wie er. Darum kann er gar nicht aufhören, aktuell zu sein. Denn das ist nach wie vor unsere Welt.

STANDARD:  Seit Goethes Tod 1832 hat das rezipierte Goethe-Bild viele Wandlungen erfahren. Der Verleger Siegfried Unseld sprach einmal von "Goethe, unserem Zeitgenossen". Wie nah oder fern sind uns Goethe und sein Werk heute?

Safranski:  Beschäftigt man sich mit Goethe, wird man aufs Höchste vertraut mit ihm und seiner Welt. Kommt ein anderer Moment und man ist in anderes verwickelt, rückt er wieder fern. Es wäre unehrlich, wenn ich sagte, er bleibe uns immer nah. Aber das macht seine Lebendigkeit aus. Es pulsiert. Mal ist er nah, mal rückt er fern, und wir spüren den ungeheuren zeitlichen Abstand. Dann merken wir, dass wir in einer Welt mit ganz anderen Herausforderungen stehen. Aber wir stellen auch fest, dass uns ein Rückhalt bei Goethe stärkt, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen und Torheiten zu vermeiden.

STANDARD:  Kein Autor der neueren Zeit sei "von so vielen Meinungen, Mutmaßungen und Interpretationen" zugedeckt worden wie Goethe. Eignet er sich besonders dafür?

Safranski:  Goethe ist die immerwährende Gelegenheit, sich in seinen Filiationen zu zeigen. Deswegen umschwirren ihn Meinungen und Gedanken wie ein Nebel. Aber jeder, der auf ihn zutritt, wird nur dann Freude an ihm haben, wenn er sich trotz dieser Meinungen seine eigene bildet.

STANDARD: Welche seiner Texte sollten heute noch gelesen werden?

Safranski: Manche Werke Goethes sind unablässig neu und aktuell. Dazu zählen auf jeden Fall "Die Leiden des jungen Werthers". Da begreift jeder junge Mensch sofort: Tua res agitur. Goethe ärgerte sich bisweilen darüber, dass er bis ins hohe Alter als der Autor des "Werther" angesprochen wurde. Aber es ist schon etwas Ungeheures um diesen Roman. Ebenfalls zu nennen sind die "Wahlverwandtschaften". Auch "Faust" - zumindest "Faust I" - wird nicht von der Bühne verschwinden, sondern immer ein großes Vergnügen bereiten, weil er etwas von höherem Kasperletheater hat. Und dann muss man die Lyrik nennen, diese hingehuschten Gedichte, die Goethe immer gleich als Ganzes einfallen. Er beschreibt, wie er nachts aufspringt und nicht einmal Zeit findet, das Papier gerade hinzulegen, damit ihm das nicht entwischt. Diese Gedichte sind geniale Fische, die man nicht festhalten kann.     (Ruth Renée Reif, Album, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)

Rüdiger Safranski, 1945 in Rottweil geboren, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte. Seit 1987 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er moderierte (2002- 2012) das "Philosophische Quartett" (ZDF). 2012 bestellte ihn der Akademische Senat der Freien Universität Berlin zum Honorarprofessor. Von ihm erschienen u. a.: "E. T. A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten" (1984), "Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie" (1987), "Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit" (1994), "Nietzsche. Biographie seines Denkens" (2000), "Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus" (2004), "Romantik. Eine deutsche Affäre" (2007), "Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft" (2009) und "Goethe. Kunstwerk des Lebens" (2013).

  • Autor Rüdiger Safranski: "Es gab viele Goethe-Biografien, aber noch keine von mir."
    foto: isolde ohlbaum

    Autor Rüdiger Safranski: "Es gab viele Goethe-Biografien, aber noch keine von mir."

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