Seamus Heaney 74-jährig gestorben

30. August 2013, 17:35
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Der form- und traditionsbewusste Lyriker und Essayist, der sich nur widerwillig als irischer Nationaldichter bezeichnen ließ, wurde 1995 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet

Dublin - Gedichte hatten für Seamus Heaney "die Authentizität archäologischer Funde, wobei die vergrabene Tonscherbe nicht weniger zählt als die Ansiedlung; Dichtung als Ausgrabung also, als das Ans-Licht-Holen von Fundstücken, die am Ende als Pflanzen dastehen."

Er war selber einer der großen grabenden Erkunder, von Bildern, von unterirdischen Bedeutungsströmen, von Sprache. Von mehreren Sprachen eigentlich, denn Heaney war im Englischen genauso zu Hause wie im Gälisch-Irischen seiner Heimat. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lotete er mit diesen beiden Mitteln Geschichte, Natur und Mythos aus. Er stellte die Fragen nach kultureller und nationaler Identität nicht rhetorisch, sondern als drängende Suche auch nach dem Ich. Er stellte sie aus unmittelbarer Nähe wie aus transatlantischer Entfernung und verlor dabei nicht seinen Bezugspunkt aus den Augen: den Glauben an die befreiende Kraft der Worte.

Seamus Heaney wurde als ältestes von neun Kindern in eine Bauernfamilie in Derry, Nordirland, geboren. Er besuchte eine katholische Internatsschule und studierte englische Philologie in Belfast. Als knapp 19-Jähriger schrieb er erste Prosaskizzen und Gedichte - vermutlich in einer Mischung aus Selbstironie und tatsächlicher Unsicherheit unter dem Pseudonym "Incertus".

1965 heiratete er Marie Devlin. Damals war er noch Lehrer an Mittelschulen, doch bald wurden Colleges auf seine Veröffentlichungen aufmerksam. Nach einer Gastdozentur an der UC Berkeley ließ er sich als freier Schriftsteller in der Republik Irland nieder.

Damit entzog er sich der Eskalation der Gewalt zwischen Katholiken und Protestanten, was ihm Kritiker als Verantwortungslosigkeit ankreideten. Doch so sehr er als katholischer Ire definiert war, so wenig wollte er aktuell politisch Partei ergreifen. Dass er sich damit "im Exil", und sei es auch nur im inneren, befand, wurde ihm geradezu zum Motto. Das Zusammenprallen der Kulturen deutete er auf seine Art: Er sah im schöpferischen Prozess laut dem Heaney-Experten Walter Bohnacker "das Irische als das feminine und vokalische, die literaturgeschichtliche Anregung durch das Englische hingegen als das maskulin konsonantische Element".

Im Exil war er auch physisch immer wieder, als häufiger Gastdozent in Liverpool, Oxford und vor allen an der Universität Harvard. Sein Ruhm wuchs ständig und mit ihm die Anerkennung in Form von Preisen. Sie gipfelte im Literaturnobelpreis 1995, sie drückte sich aber auch darin aus, dass er in seiner Heimat, dem vielleicht "literarischsten" europäischen Land, quasi als Nationaldichter verehrt wird.

In einem Gespräch mit dem Standard vor vier Jahren reagierte er verhalten auf diese Zuschreibung. Irische Dichter hätten immer die Rolle nationaler Barden einnehmen sollen. Aber heute würden sie auf diese Tradition zu Recht "vorsichtig, oft ironisch, manchmal sogar mit Spott" reagieren. Kein Dichter könne es sich leisten, zum Sprachrohr einer Parteilinie zu werden.

Sehr wohl kann er aber für ungewöhnliche Poesie das Wort ergreifen. So lobte Heaney einmal unter den verwunderten Blicken der anwesenden Philologen die "verbale Energie" des Rappers Eminem.

Am  Freitag starb Seamus Heaney im Alter von 74 Jahren. Er hinterlässt seine Frau, drei Kinder; und den wohl bedeutendsten Beitrag zur irischen Poesie der Nachkriegszeit.   (mf; APA, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)

Zur Nachlese:
Der Sprung von der Prä- in die Postmoderne
Der irische Dichter und Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney war 2009 in Wien - Ein Gespräch über die Rolle des Dichters, Eminem und die Kennedys

  • Ein Dichter, der an die befreiende Kraft der Worte glaubte: Der in Nordirland geborene Dichter und Poet Seamus Heaney stellte seine Texte jedoch nicht in den Dienst tagesaktueller Belange.
    foto: standard / robert newald

    Ein Dichter, der an die befreiende Kraft der Worte glaubte: Der in Nordirland geborene Dichter und Poet Seamus Heaney stellte seine Texte jedoch nicht in den Dienst tagesaktueller Belange.

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