Vermeintlicher Pferde-Jäger dürfte Vegetarier gewesen sein

31. August 2013, 18:00
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Der furchterregende Riesenvogel Gastornis hat wohl nur Pflanzen gefressen, deuten Isotopenanalysen seiner Knochen an

Bonn - Manch einer erinnert sich vielleicht an die Worte aus der BBC-Dokumentationsreihe "Walking With Beasts" ("Die Erben der Saurier"): "Das Eozän war ein Zeitalter, in dem Vögel Pferde fraßen". Schauplatz der Folge war Mitteleuropa vor knapp 50 Millionen Jahren. In der Opferrolle: Ein Propalaeotherium, ein Urahn der heutigen Pferde von den Ausmaßen eines mittelgroßen Hundes. Die Täterrolle übernahm ein Gastornis, ein ca. zwei Meter großer flugunfähiger Vogel mit mächtigem Schnabel.

Räuberische Riesenvögel

Gastornis wurde nicht nur in der Serie, sondern auch lange Zeit in der Wissenschaft die Rolle eines Top-Räubers seiner Epoche zugeschrieben. Man sah ihn in einer vergleichbaren ökologischen Nische wie die bekannten Terrorvögel (Phorusrhacidae), die im geografisch isolierten Südamerika über viele Millionen Jahre hinweg an der Spitze der Nahrungskette gestanden hatten.

Diese Vermutung basierte aber allein auf äußeren Ähnlichkeiten, die auf eine konvergente Evolution hinzudeuten schienen - denn eine Verwandtschaft zwischen diesen Vögeln besteht nicht. Die gewaltigen Terrorvögel gehörten einer eigenen Ordnung an, von der nur zwei jeweils kaum mehr als ein Kilo schwere Arten heute noch leben, die Seriemas. Gastornis hingegen wird zur großen Verwandtschaft der Hühner- und Gänsevögel gezählt.

Und wie es aussieht, dürfte er auch die in seiner Verwandtschaft vorherrschende Ernährungsweise geteilt haben: Der vermeintliche furchterregende Räuber ist wahrscheinlich ein Vegetarier gewesen, berichtet die Universität Bonn. Sein gewaltiger Schnabel mag dabei allen möglichen Zwecken gedient haben - aber wohl nicht dem Ergreifen kleiner Säugetiere und dem Brechen von Knochen.

Indizien

Schon früher gab es Zweifel an der Einstufung des Riesenvogels, der in Europa und Nordamerika vom Paläozän bis zum Eozän (ca. vor 60 bis 40 Millionen Jahren) lebte. So wurden Gastornis zugeschriebene fossile Fußspuren gefunden, die jedoch keine Abdrücke von Krallen aufweisen, wie man sie bei einem Räuber erwarten würde. Auch die eher kurzen Beinknochen des Gastornis weckten Zweifel daran, ob er ähnlich agil war wie ein jagender Terrorvogel.

Ein neuer Ansatz zur Klärung der Frage wurde vor kurzem auf der internationalen Goldschmidt-Tagung für Geochemie in Florenz präsentiert. Deutsche Forscher um Thomas Tütken von der Uni Bonn haben die Kalzium-Isotopenzusammensetzung in 47 bis 44 Millionen Jahre alten Gastornis-Knochen analysiert, die in Sachsen-Anhalt gefunden worden waren. Eine solche Isotopenanalyse ermöglicht Aussagen darüber, aus welcher Nahrung ein Tier seine Körpersubstanz aufgebaut hat. Und im Falle des Gastornis lautete die Antwort: Pflanzen.

Vergleiche mit anderen Spezies

Zumindest wiesen die Kalziumisotope in den Knochen des Riesenvogels ähnliche Werte auf wie die von pflanzenfressenden Säugetieren und pflanzenfressenden Dinosauriern - und sie waren ganz anders als die Werte von Fleischfressern. Das konnten die Forscher deshalb so klar feststellen, weil sie zuvor die gleichen Analysen bei Tieren durchgeführt hatten, deren räuberische Lebensweise außer Frage steht - seien es heutige Fleischfresser oder der Tyrannosaurus rex.

Zusätzlich wollen die Wissenschaftler nun noch die Knochen verschiedener Spezies, die sich einst den Lebensraum mit Gastornis teilten, analysieren. Darunter auch die Fossilien ebenjener Pferde-Vorfahren, die Gastornis vermeintlich fraß. "Dies wird uns die notwendigen Vergleichsdaten liefern, um endgültig zu klären, was diese riesigen Vögel gefressen haben", sagt Tütken. (jdo, derStandard.at, 31. 8. 2013)

  • Der Bonner Wissenschafter Thomas Tütken neben einer Rekonstruktion von Gastornis. Bislang zumindest hat man solchen Rekonstruktionen gerne einen aggressiven Look gegeben - das könnte sich in Zukunft ändern.
    foto: thomas tütken/uni bonn

    Der Bonner Wissenschafter Thomas Tütken neben einer Rekonstruktion von Gastornis. Bislang zumindest hat man solchen Rekonstruktionen gerne einen aggressiven Look gegeben - das könnte sich in Zukunft ändern.

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