Dekorative Inkonsequenz

30. August 2013, 17:58
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Schreibmöbel aus dem Biedermeier sind gefragt. Bisweilen dienen sie als Vorbilder für spätere Reproduktionen

Ungekünstelt, schlicht und von großem Materialbewusstsein: Das sind die wesentlichen Gestaltungsprinzipien, wenn es um Mobiliar aus der Zeit des Biedermeiers geht. Über die Reduktion des Ornaments und den weitgehenden Verzicht auf Dekorfülle war Anfang des 19. Jahrhunderts damit stilistisch eine bewusste Abkehr vom napoleonischen Empire erfolgt.

Ein gewisser Hang zur Repräsentation sollte sich dennoch erhalten, wovon beispielhaft der meist überaus raffiniert ausgestattete Schreibsekretäre zeugt. Formal wie auch handwerklich avancierte dieser Möbeltyp zu einem der am aufwändigsten gestalteten, ganz besonders in Österreich.

Das niedersächsische Auktionshaus Schloss Ahlden offeriert aktuell eine dekorative Kreation, die, wie Pressesprecherin Anna-Maria Rumland nicht ohne Stolz schildert, bereits im Vorfeld der mit 2200 Positionen bestückten Herbstauktion (7./8. 9.) starkes Interesse seitens österreichischer Klientel hervorgerufen habe: Ein auf 14.500 Euro taxierter "Biedermeier-Globensekretär mit Geheimfach", gefertigt in "Österreich, Wien, 19. Jhd.".

Fachliteratur oder Vergleichsbeispiele sucht man im ("wissenschaftlich bearbeiteten") Katalog allerdings ebenso vergeblich wie Angaben zur Provenienz. Wo und wann der Einlieferer, ein auf Asiatika spezialisierter niederländischer Sammler, das Möbel erwarb, sei nicht in Erfahrung zu bringen gewesen, erklärt Rumland auf Anfrage. Über einen hauseigenen Möbelexperten verfüge man nicht, die Zuordnung sei auf Basis "vergleichbarer Objekte aus Wien" erfolgt, die man in der Vergangenheit im Angebot hatte.

Vom Standard kontaktierte Fachleute teilen diese Einschätzung nicht: Mit Österreich und Wien habe dieses Globusmöbel schon stilistisch definitiv nichts zu tun, versichert Christian Witt-Dörring, der Experte für österreichische Tischlerkunst des 19. und 20. Jahrhunderts (bis 2004 Sammlungsleiter am Museum für angewandte Kunst, Wien), nach einem Blick in den Onlinekatalog.

Nach historischem Vorbild

Ähnliche Schreibmöbel, ergaben Recherchen, wechseln sporadisch bei Christie's und Sotheby's zu Werten um die 50.000 Euro den Besitzer. Diese stammten jedoch nachweislich von Morgan & Sanders (London), die "ihren" 1807 patentierten Globensekretär ab 1809 produzierten. Der Ahldener Typ unterscheidet sich jedoch in vielen Details maßgeblich von den britischen Artgenossen.

Im Standard-Gespräch zweifeln Fachleute außerdem eine Entstehung in diesem Zeitraum an. Auf Basis vorgelegter Detailfotos vermuten sie eine Reproduktion nach einem historischen Vorbild.

Darauf würden mehrere Merkmale verweisen, etwa auch die fehlende Symmetrie des Furniers oder die offene, statt der üblichen halbverdeckten Zinkung der Ladenkonstruktion. Für ein Repräsentationsmöbel dieser Epoche sei hier schlicht zu viel improvisiert worden - bei der (inkonsequenten) Konstruktion selbst und ebenso bei der (teils schlampigen) Verarbeitung.  (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)

  • Dekorativer Eyecatcher (Rufpreis 14.500 Euro): "Österreich, Wien, 19. Jhd.", eine Einschätzung, die Fachleute anzweifeln.
    foto: schloss ahlden

    Dekorativer Eyecatcher (Rufpreis 14.500 Euro): "Österreich, Wien, 19. Jhd.", eine Einschätzung, die Fachleute anzweifeln.

  • Historisches Vorbild: Ab 1809 produzierte das in London ansässige Unternehmen "Morgan & Sanders" dieses (1807 patentierte) Modell eines Globensekretärs, wie er bis vor kurzem im amerikanischen Handel (MS Rau Antiques, New Orleans) angeboten wurde.
    foto: ms rau antiques

    Historisches Vorbild: Ab 1809 produzierte das in London ansässige Unternehmen "Morgan & Sanders" dieses (1807 patentierte) Modell eines Globensekretärs, wie er bis vor kurzem im amerikanischen Handel (MS Rau Antiques, New Orleans) angeboten wurde.

  • Im Inneren des raffiniert konzipierten Möbels, schildert Kunsthändler Bill Rau (New Orleans), der das Schreibmöbel jüngst verkaufte, hatte sich noch die originale Firmenplakette von Morgan & Sanders erhalten.
    foto: ms rau antiques

    Im Inneren des raffiniert konzipierten Möbels, schildert Kunsthändler Bill Rau (New Orleans), der das Schreibmöbel jüngst verkaufte, hatte sich noch die originale Firmenplakette von Morgan & Sanders erhalten.

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