Im Sodbrennen des Selbst

29. August 2013, 17:32
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Würfel, Geister und Fälschungen: Schon vor Erscheinen des neuen Romans von Daniel Kehlmann überschlugen sich die Feuilletons vor Lob. Doch "F", so der Titel des nun ausgelieferten Buches, überzeugt nur bedingt

Wien - In Franz Kafkas Parabel Der Aufbruch lässt ein Mann sein Pferd satteln. Der Diener fragt: "Wohin reitet der Herr?" Er wisse es nicht, antwortet dieser, "nur weg von hier (...). Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen." Der Diener insistiert: "Du kennst also dein Ziel." - "Ich sagte es doch", erwidert der Reiter: "'Weg-von-hier' - das ist mein Ziel." Ähnlich fällt Arthur Friedlands Antwort auf eine ihm von einem Hypnotiseur gestellte Frage in Daniel Kehlmanns neuem Roman F aus: "Was wollen Sie?", fragt der große Lindemann, von dem es heißt, er könne das Publikum die Furcht vor seinen Träumen lehren, den armen Arthur auf offener Bühne. "Weg", antwortet Arthur. "Von hier?" - "Von überall."

Man schreibt das Jahr 1984, und es ist ein Ausflug mit seinen drei Söhnen, den 13-jährigen Zwillingen Eric und Iwan sowie ihrem 14 Jahre alten, aus einer früheren Beziehung stammenden Halbbruder Martin, der den erfolglosen Schriftsteller Friedland in Lindemanns Hypnosevorstellung führt. Und eigentlich glaubt Friedland nicht wirklich an den ganzen Hypnose-Hokuspokus. Nachdem er und Iwan auf der Bühne Lindemanns waren, ist man sich - jedenfalls als Leser - über dessen Wirkungslosigkeit hingegen nicht mehr allzu sicher.

Denn was als Kinderausflug begann, endet fatal. Zwar bringt Arthur die drei noch nach Hause, doch dann verschwindet er spurlos aus dem Leben seiner Söhne. Sie sind erwachsen, wenn sie ihn - kurz - wiedersehen. Arthur wird dann ein berühmter Schriftsteller sein - und sie, sie sind längst in ihr eigenes Unglück verstrickt.

Magie und Täuschung

Auch wenn im ersten der sechs Kapitel des Romans die Perspektive der Söhne für ihr Alter zuweilen etwas sehr erwachsen wirkt, ist es eine klare und dichte Roman-Exposition, in der Kehlmann auf wenigen Seiten jene Motive auslegt, die er im Verlauf des Buches komplex verknüpft.

Mit den Themen Lüge und Wahrheit, Vorstellung und Wirklichkeit, Magie und Täuschung, Realität und Fiktion, Schöpfung und Chaos, die auch in F tragende Rollen spielen, hat sich der 1975 geborene Kehlmann seit seinem Romandebüt Beerholms Vorstellung (1997) in fast all seinen Romanen (und Bühnenstücken) auseinandergesetzt. Auch in seinem Erfolgsroman Die Vermessung der Welt (2005) ging es im Grunde um das Aufeinanderprallen (Humboldt und Gauß) zweier wissenschaftlicher und philosophischer Annahmen über die innere und äußere Welt.

In F spielt Kehlmann nun souverän wie ein trotz junger Jahre erfahrener Kartenspieler seine erzählerischen Asse aus. Gekonnt wird hier mit erzählter Vergangenheit und erlebter Gegenwart, mit auktorialem Er und subjektivem Ich gespielt. Zuweilen überkommt einen bei der Spielfreude des Autors der Verdacht, jener vom ungarischen Architekten Ernö Rubik erfundene "Zauberwürfel", der einem der Söhne, Martin - er ist zum stets zweifelnden Priester geworden -, Trost und Freude spendet, auch eine Metapher für das erzählerische Gerüst des Romans sein könnte.

Denn vieles wirkt in diesem Buch disparat, doch man merkt schnell, dass alles miteinander zusammenhängt und durch einen verborgenen Mechanismus verbunden ist. So gehört es zu den gelungensten Kunstgriffen dieses Buches, dass nicht nur der Vater wieder auftaucht, sondern sich auch die verschlungenen Wege der Söhne kreuzen. Und zwar am 8. 8. 2008. An diesem Tag wird um 16.14 Uhr etwas Einschneidendes passieren, das mit Verwechslungen zu tun hat und das Leben oder den Tod der Brüder betrifft. Neben Martin, der zum ungläubigen Priester geworden ist, sind das die Zwillinge Eric und Iwan. Letzterer wollte immer Maler werden, hat es aber dann nur zum Schöpfer "echter" Fälschungen gebracht, die er für den zwar maltechnisch versierten, aber bislang erfolglosen Heinrich Eulenböck malt.

Erfolg stellt sich ein, Eulenböck wird berühmt, und Iwan nach dem Ableben des Maître gleichsam zum Nachlassverwalter seiner selbst. Zum Verwalter, nämlich des Geldes anderer Leute, und zum Finanzhai ist auch der sich von Kindesbeinen an vor Gespenstern fürchtende Eric geworden. Die Finanzkrise wird seinem Tun allerdings ein Ende bereiten. Zufälle und die wohlbekannte, auch in Wirklichkeit verbreitete Mär, keiner habe den Crash des Finanzsystems voraussehen können, führen dann aber nicht zum Absturz Erics, vielmehr wird er zu einem gottgläubigen Zyniker, der davon ausgeht, auserwählt zu sein. Und in der Tat: Lange braucht er nicht zu warten, bis dasselbe Finanzspiel an den gleichen Tischen wieder aufgenommen wird.

Kunst, Form und Leben

Zufall oder Schicksal? Freier Wille oder Zwang? Man weiß es nicht. So kann der diesem Roman den Titel gebende Buchstabe F, so die Intention des Autors, gleich mehrfach gedeutet werden. Nämlich als Fatum, also vorgezeichnetes Schicksal, als Familie, deren Programme und Schicksale fortwirken. Oder als F für Fiktion, F für Fälschung oder als Abkürzung für Friedland.

Es sind Fragen nach Kunst, Form und Leben, Mittelmaß und Mäßigung, nach Einbildung und Wirklichkeit, nach Selbstbetrug und Wahrhaftigkeit, die dieser Roman stellt. Das Sodbrennen des Ich und das Nietzscheanische Postulat "Werde, der du bist" ziehen sich wie ein fernes Echo durch die 380 Seiten des Buches, das am Ende nicht mehr ganz so zwingend ist wie am Anfang.

Im letzten, mit "Jahreszeiten" übertitelten Teil blendet Kehlmann nämlich mit Marie, Erics Tochter, in die nächste Generation der Friedlands. Die eingearbeiteten Reflexionen über die Gefügtheit des Seins wären nicht notwendig gewesen. Sie nehmen dem Text viel von der Wucht, die er auch aus der Ausgesetztheit der Figuren bezieht - oft stellt sich die Frage der Geborgenheit, zumal der kindlichen.

Und doch schwingt auch in diesem Roman eine sanfte, humorvolle Weltsicht mit, die Kehlmann von Anfang an auszeichnete. Die Figuren dieses Autors sind selten glücklich oder wirklich böse, sie sind nur schwach. Das wissen sie und versuchen leicht zu sein. Trotzdem. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 30.8.2013)

Daniel Kehlmann
F
Rowohlt 2013
380 Seiten, 23,60 Euro

  • Figuren, die nicht böse sind, aber schwach: Daniel Kehlmann.
    foto: standard / heribert corn

    Figuren, die nicht böse sind, aber schwach: Daniel Kehlmann.

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    foto: rowohlt
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