Jazzgeschichte revisited

29. August 2013, 17:38
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Michael Mantler führt bis Sonntag seine wegweisenden Kompositionen für das "Jazz Composer's Orchestra " von 1968 erneut auf

Wien - Jemand hat ihn einmal als den berühmtesten unbekannten Musiker aus Österreich bezeichnet, was damit zu tun hat, dass der in Wien geborene und in Sankt Pölten aufgewachsene Michael Mantler schon im zarten Alter von 19 Jahren auszog, um in den USA als Jazztrompeter sein Glück zu suchen und zu finden.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Mantler, der kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte, diese Jazzvergangenheit seit den 1970ern sukzessive abgestreift hatte und sich als Komponist Minimal-Music-beeinflusster, großformatiger Werke mit Solisten wie Marianne Faithfull, Jack Bruce und Robert Wyatt einen Namen gemacht hatte.

Die Minikonzerte

Mit den letzten Arbeiten, Concertos (aus 2008) - Minikonzerten für Kammerensemble und Solisten von Pianistin Majella Stockhausen bis zum ehemaligen Pink-Floyd-Drummer Nick Mason - und For Two (2011), Duostücken für Gitarre und Klavier, näherte sich Mantler zudem weiter als zuvor den Sphären zeitgenössischer Konzertsaalmusik an.

Tatsächlich ist Michael Mantler, der nach vielen Jahren in New York seit 1991 in Kopenhagen und Südfrankreich lebt, neben Keyboarder Joe Zawinul der wahrscheinlich einzige Österreicher, der die Jazzgeschichte um einen allgemein anerkannten, eigenständigen Beitrag bereichert hat.

Legendäres Album

Das legendäre Doppelalbum des stargespickten Jazz Composer's Orchestra, das 1968 unter seiner Leitung entstand, hat Geschichte geschrieben: Die darauf zu hörenden Kompositionen hatte Mantler den geladenen Free-Jazz-Solisten - u. a. Cecil Taylor, Don Cherry, Larry Coryell, Pharoah Sanders - dermaßen perfekt auf den Leib geschneidert, dass ihre berstenden, überschäumenden Improvisationsenergien in elektrisierender Weise stimuliert und dennoch in schlüssige Formen gegos-sen wurden - was so zuvor noch niemandem gelungen war.

Mantler, der diese 20 Männer und seine Ehefrau Carla Bley mittels teilweise grafisch notierter Partituren so sicher lenkte, war zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht einmal 25 Jahre alt und doch schon - als Mitinitiator der Jazz Composer's Guild und der Jazz Composer's Orchestra Association wie auch als Trompeter in Cecil Taylors Unit - eine respektierte Persönlichkeit der New Yorker Avantgarde-Jazz-Szene.

45 Jahre nach der Entstehung werden Mantlers wegweisende Kompositionen, von denen damals nur wenige auch live aufgeführt wurden, endlich wieder zu hören sein. Mantler selbst kam bei der Durchsicht der alten Partituren die Idee, diese in überarbeiteter Form erneut zu klingendem Leben zu erwecken.

Mit guten Solisten

Im Wiener Porgy & Bess werden ab Freitag zudem noch ältere und auch neue Kompositionen unter dem Titel The Jazz Composer's Orchestra Update von der von Christoph Cech geleiteten und um namhafte heimische Szenecracks (Wolfgang Puschnig, Harry Sokal, Radio.String.Quartet.Vienna etc.) aufgestockten Bigband Nouvelle Cuisine intoniert. Wenn alles nach Plan läuft, wird der Mitschnitt dieses denkwürdigen Ereignisses bei ECM auf CD erscheinen.    (Andreas Felber, DER STANDARD, 30.8.2013)

30. 8.-1. 9., Porgy & Bess, 1., Riemergasse 11, 01/512 88 11, 21.00

  • Komponist und Trompeter Michael Mantler - einer der bedeutenden österreichischen Jazzer mit internationalem Flair.
    foto: standard / robert newald

    Komponist und Trompeter Michael Mantler - einer der bedeutenden österreichischen Jazzer mit internationalem Flair.

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