Traurig sein, aber höflich bleiben

29. August 2013, 17:05
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Fred Nicolaus aus New York erzählt als Golden Suits Geschichten aus dem Leben an der Peripherie

Fred Nicolaus hat sein Apartment in Brooklyn verlassen müssen, weil das Gebäude von Ratten heimgesucht wurde. Gut, es könnte regnen. Dafür ist ihm auch noch die Freundin abgepascht. Er verlor weiters die finanzielle Lebensgrundlage - genaueres weiß man nicht - und 20 Kilo Gewicht. Im Rahmen einer Deutschlandreise spürte er dafür gemeinsam mit seinem Vater den Spuren seines im Zweiten Weltkrieg gefallenen Großvaters nach. Er wurde 28 Jahre alt - und hat sich damit das Recht erwirkt, laut seiner Plattenfirma im der CD beigelegten Waschzettel ein interessanter Mensch zu sein.

Früher spielte Nicolaus in der Vorgängerband der heute hymnisch gelobten Indierock-Heroen Grizzly Bear namens Department Of Eagles. Er hat also schon eine mittlere Karriere als geachteter Künstler im Spannungsfeld zwischen Folk und Rock und Beach-Boys- Gesangsharmonien und Frickel-Elektronik verpasst. Mit seinem mit Unterstützung seiner alten Freunde von Grizzly Bear entstandenen selbstbetitelten Albumdebüt Golden Suits baut Fred Nicolaus auch lose auf Kurzgeschichten des leider immer noch nicht im deutschen Sprachraum größere Bekanntheit erzielenden, 1982 verstorbenen US-Autors John Cheever. Dieser erzählte gern vom seelischen Elend in den Vorstädten, von heimlichem Alkoholismus, versteckter Homosexualität, unglücklichen Ehen, regelmäßig gemähtem Rasen und neuen Autos in der Garage.

Das alles zusammen müsste eigentlich bei Golden Suits in ein musikalisches Tränental münden, wie wir es von allzu vielen US-amerikanischen Musikern kennen, denen es schlecht geht, obwohl es ihnen eigentlich gut gehen könnte. Aber, nein, lassen wir ausnahmsweise einmal den Pressetext rattern: "Das Resultat sind zehn Songs, die Nostalgie und Sentimentalität mit persönlichen Geständnissen kombinieren, unter Einbezug schräger Referenzen an eine Geschichte über eine Vorstadtehe in den 1950ern." Das klingt komplizierter, als es sich anhört. Der Opener Swimming In '99 ist ein schwungvoll ratternder und von Graceland inspirierter Ohrwurm."

Hier stürzen keine Berge ein

Graceland von Paul Simon, dem Simon von Simon & Garfunkel, hat zwar exakt nichts mit der Musik von Golden Suits zu tun, aber das macht ja nichts. Fred Nicolaus singt mit einer selbst in heiteren hymnischen Liedmomenten der Lakonie zugeneigten, nicht zu hohen, nicht zu tiefen und von keiner Zigarettenglut angesengten Stimme lakonische, nicht zu verbitterte Alltagsbeobachtungen. Hier stürzen keine Berge ein. Hier erfährt auch nicht das Investmentbanking eine Sinnkrise oder wird die Massentierhaltung kritisiert oder die Tatsache, dass jetzt auch schon in Brooklyn die Finanzhaie wohnmäßig einfallen wie die Heuschrecken und dadurch die Mietpreise steigen.

Man hört menschenfreundliche, nicht allzu aufdringliche Liedkunst, die vom Rock genauso weit entfernt angesiedelt ist wie vom mit Klavier unterstützten Kunstlied. In der Mitte entsteht so eine auf zu weiten Teilen elektrisch unverstärkten Instrumenten gebastelte Musik, die den Hörer nicht überfordert. Das ist eine nette Geste in einem Genre, das sonst gern zum Klotzen neigt, um seine Alleinstellungsmerkmale zu unterstreichen. Wir haben es mit der höflichsten und hübschesten Platte des Jahres zu tun. Das ist nichts weniger als großartig.   (Christian Schachinger , Rondo, DER STANDARD, 30.8.2013)

Golden Suits: "Golden Suits" (Yep Roc / Cargo)

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