Schrebergarten mit Weitblick

29. August 2013, 14:14
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Immer mehr Verbraucher wollen lokal und biologisch produziertes Gemüse konsumieren - ohne Ausstoß von Kohlendioxid. Gar nicht so einfach in einer Wolkenkratzergroßstadt wie Hongkong

Hongkong - Nur wenige Schritte vom Ausgang der U-Bahn-Station Tai Koo auf Hongkongs Hauptinsel liegt einer der größten Gemüsegärten der Stadt. Osbert Lam hat auf dem Dach eines alten Industriegebäudes seine Vision einer grünen Großstadt in Ansätzen verwirklicht.

In Hartplastikboxen - einen knappen Quadratmeter groß, manche rund 20 Zentimeter, andere einen halben Meter tief - stehen Pflanzen. In den meisten Fällen sind es Kräuter und Gemüse. Stadtbewohner haben sie dort angepflanzt, in der City-Farm von Osbert Lam über den Dächern von Hongkong.

Genug von der Fassadenwelt

Hongkong ist eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Rund 6500 Menschen leben durchschnittlich auf einem Quadratkilometer, in vielen Stadtteilen sind es 50.000, in manchen mehr als 100.000. Und die Stadt ist Rekordhalterin: In keiner anderen Metropole stehen mehr Wolkenkratzer. 1250 davon gibt es in Hongkong. Zum Vergleich: New York kommt auf lediglich 582 Wolkenkratzer.

Über viel Landfläche verfügt die ehemalige britische Kolonie nicht. Der größte Teil der Lebensmittel muss importiert werden. Nur sehr wenig wird vor Ort produziert. Geht es nach dem 53-jährigen Lam, soll sich das nun ändern.

Früher verdiente Lam als Regisseur von Werbefilmen sein Brot. Von der Fassadenwelt der Werbung hatte er irgendwann genug. Er wollte zurück zur Natur, wie er dem STANDARD sagt. Dann hat er die Natur in die Stadt geholt.

Sam C. M. Hui von der Universität von Hongkong hat sich 2011 in einer Forschungsarbeit speziell mit dem städtischen Bauerntum beschäftigt. "Die Vorteile urbaner Landwirtschaft sind viel weitreichender als schlichter Nahrungsmittelanbau", sagt Hui. Die Dachäcker holten das Gemeinschaftsgefühl einer Schrebergartenkolonie in die Stadt.

Unproblematischer Umzug

Osbert Lam hat diesen Trend erkannt. "Wir verwandeln die Hausdächer einfach in jedermanns Hinterhof", berichtet er. Vor drei Jahren hat er auf einem Nachbargebäude seiner jetzigen Farm angefangen. Die Resonanz der Bevölkerung war so groß, dass die Fläche schnell zu klein wurde. Da die Farm aber nur aus mobilen Plastikboxen besteht, war ein Umzug kein Problem.

2012 ist er auf das jetzige Flachdach gezogen. 450 Boxen stehen momentan sauber aufgereiht auf rund 185 Quadratmetern. Zwischen 15 und 20 Euro kostet eine Box im Monat, abhängig von der Größe. Das Erdreich, mit dem er die Boxen füllt, importiert Lam aus Deutschland. Was die Mieter letztlich anpflanzen, können sie selbst entscheiden. Die Auswahl an Samen in seinem kleinen Verwaltungsraum ist riesig - und bio.

Biogemüse statt Hai

Veronica Mac, Anthropologin an der Chinesischen Universität Hongkong sagt, die Gesellschaft mache momentan einen Wandel durch. "Die Menschen entwickeln zusehends soziales Verantwortungsbewusstsein", erklärt sie. Früher sei es schick gewesen, Haifischflossensuppe zu essen, heute sei Umweltbewusstsein trendig geworden. Biogemüse aus dem Dachanbau passe da gut dazu.

"Überall wird heutzutage über Bioessen geredet", grinst Osbert Lam. "Hier können die Leute wirklich sehen, was Bioessen ist." In den Neuen Territorien, den Landteilen in Richtung des chinesischen Festlandes, hat er eine zweite Urban Farm aufgemacht. Damit die Menschen von dort keinen so langen Anfahrtsweg haben.

"Eine einmalige Investition"

Grundsätzlich ist Hongkong perfekt für den Gemüseanbau geeignet. "Das Wetter ist das ganze Jahr über wie der Sommer in Europa", lacht Lam. Ähnliche Projekte sprießen mittlerweile zu Hunderten auf den Dächern Hongkongs.

Für den Anfang brauche es lediglich Leute wie ihn, die bereit seien, ein wenig zu investieren. Er habe die Plastikboxen angeschafft. 1000 Hongkong-Dollar, knapp 100 Euro, kostet eine Box, die kleineren die Hälfte. "Das ist eine einmalige Investition", sagt Lam. "Eine Box hält bis zu zehn Jahre lang." Doch all das ist ihm gar nicht so wichtig. "Was die Farm wachsen lässt, ist nicht die Ausstattung. Es sind die Leute." (Malte E. Kollenberg, DER STANDARD, 29.8.2013)

  • Biogemüse vom Wolkenkratzer: Die Kunden mieten eine Box - und können selbst entscheiden, was sie anpflanzen.
    foto: malte e. kollenberg

    Biogemüse vom Wolkenkratzer: Die Kunden mieten eine Box - und können selbst entscheiden, was sie anpflanzen.

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