Engelstrompeten: Nachtschatten-Satchmo

4. September 2013, 17:04
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Latino-Rhythmen sind kein Muss bei der Pflege der Engelstrompete, hört sie doch auf den Namen eines Niederländers

Es begann mit dem Ursprung von Eiter. Von wo kommt er, wohin geht er, was soll er? Diesen Fragen ging Sebald Justinus Brugmans voll Leidenschaft nach, er promovierte darüber zu Groningen 1785 cum laude, wurde trotzdem Professor für Botanik in Leiden, um letztendlich doch als Mediziner berühmt zu werden. Das Studium seiner Biografie zahlt sich so oder so aus, findet man doch darin den Hinweis, dass ihm zu Ehren die Engelstrompete benannt wurde: die Brugmansia.

Als bedecktsamiger Nachtschatten stammt sie ursprünglich aus Südamerika, und dies zu wissen hilft bei der Pflege. Denn wer der Engelstrompete südamerikanische Bedingungen im Garten schafft, hat schon gewonnen. Denn ohne Salsa und Samba verkümmert sie, aber Tanzkurse sind selbst im Bezirksblatt verzeichnet, man hat es also selbst in der Hand.

In Wahrheit sind die Engelstrompeten Andenbewohner und lungern an Schutthalden und Straßenrändern herum, unseren Wegwarten, dem Mohn und den Nachtkerzen nicht unähnlich. Sie fühlen sich dort wohl, wo es andere nicht so schön finden. Mit den krautigen Daturas aus Mexiko haben sie übrigens wenig am Hut, nur alte Literatur pflanzt sie in einen Topf. Das Schöne an Engelstrompeten ist die Möglichkeit, sie zu einem Busch, aber auch zum Baum schneiden zu können.

Von Kastanien beschattet

Sie sind extrem wüchsig, so sie ausreichend Wasser und Futter bekommen. Direkte Sonnenbestrahlung darf nicht zu lange oder zu intensiv sein, da werden die Blätter kleiner und von Zahl geringer, die Pflanze wirkt dann eher "krampert". Am besten stehen die Engelstrompeten an einem Platz, wo sie von Mittag bis in den Nachmittag hinein gut von Kastanien beschattet sind, um an den Tagesrandzeiten doch noch eine anständige Portion Photonen serviert zu bekommen. Nicht jede Engelstrompete duftet, beim Kauf sollte man gezielt danach fragen. Denn wenn sie blüht und duftet, versetzt sie den Trompetenhalter in einen rauschähnlichen Zustand, sodass er die in den Blättern befindlichen, halluzinogenen Alkaloide erst gar nicht rauchen muss - der Duft allein macht süchtig.

Die schönste Form, in die man eine Engelstrompete bringen kann, ist jene des Affenbrotbaums. Dazu muss man für einen starken Stamm sorgen und alle anderen Triebe, die von unten gen oben streben, entfernen. Die Krone gestaltet man ausladend, immer wieder jene Triebe wegzwickend, die nach innen wachsen oder das optische Gleichgewicht stören. Einmal in diese Form und zum Blühen gebracht, hat man ab dann sein Leichtes. Der Rückschnitt bleibt auf blühendem Holz, die Krone bildet sich jedes Jahr neu, noch ausladender und entsprechend dicht blühend. Düngen und Gießen, das ist das Einzige, was man dann noch zu tun hat.

Schwer mit Blüten behangen

Staunend steht man vor einem drei Meter hohen Baum, schwer mit Blüten behangen, die noch dazu in der Nacht weiß oder gelb zu leuchten scheinen (Nachtschatten!). Und man kann sich Freunde machen, in dem man angewurzelte Setzlinge verschenkt, da man ja eh angehalten ist, störende Triebe zu entfernen. Wäre schade um sie am Kompost.

Zweimal im Jahr wird es dann doch stressig. Wenn im Radio von Nachtfrost die Rede ist, müssen die Trompeten raus aus der Erde, rein in einen Topf und ab ins Stiegenhaus, in die Garage oder den Keller. Dazu muss man sie in der Regel gewaltig stutzen, und zwar beidseitig: Wurzelstock und Krone werden auf "ein Eichkatzl" zurückgeschnitten, so überwintern sie problemlos. Im Frühjahr, wenn mit Nachtfrost nicht mehr zu rechnen ist, dürfen sie dann wieder ins Freigehege. Und der Wahnsinn beginnt aufs Neue. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 30.8.2013)

  • Tipp zur EngelstrompeteIm Buch Engelstrompeten von Monika Gottschalk (Verlag blv) werden nahezu alle Sorten und Hybriden vorgestellt. Auch spart sie nicht mit Hinweisen zur optimalen Pflege. Unentbehrlich.
    foto: apa/wolfgang weihs

    Tipp zur Engelstrompete
    Im Buch Engelstrompeten von Monika Gottschalk (Verlag blv) werden nahezu alle Sorten und Hybriden vorgestellt. Auch spart sie nicht mit Hinweisen zur optimalen Pflege. Unentbehrlich.

  • Hier gibt es die dieswöchige RONDO-Coverstory.
    foto: georges desrues
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