Der zerplatzte Traum des Jake Sanders

27. August 2013, 18:52
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Dass Baseball-Klubs Jake Sanders einst wegen seiner Hautfarbe ablehnten, glauben ihm viele Jugendliche heute nicht mehr. Dass die USA aber noch lange nicht jene Gesellschaft sind, von der Martin Luther King träumte, belegen Statistiken

Er kann es noch immer. Das linke Bein anwinkeln und dadurch Schwung holen, den rechten Arm durchziehen und im letzten Moment das Handgelenk drehen, sodass der Ball einen Drall bekommt. Nach knapp zwanzig Metern fliegt die weiße Lederkugel in den Handschuh des Fängers, punktgenau, worauf sich James "Jake" Sanders zufrieden die Basecap aus der Stirn schiebt und den Applaus genießt. Er ist 78 Jahre alt, drahtig und gertenschlank; und er wirkt ein wenig verlegen, als ihn der Stadionsprecher im Shipley Park, einer Arena im Speckgürtel Washingtons, als Legende feiert.

Sanders lebt in Birmingham, Alabama - einer Stadt, deren Name für die schlimmsten Exzesse der Rassentrennung steht. In die Hauptstadt ist er gekommen, um ein Jubiläum zu feiern: 50 Jahre I Have a Dream, die berühmte Rede, in der Martin Luther King auf der Marmortreppe des Lincoln Memorial den Traum eines Landes beschwor, das seine Kinder eines Tages nicht mehr nach ihrer Hautfarbe beurteilt, sondern allein nach ihrem Charakter. Sanders ist kein großer Redner, vor Publikum eher schüchtern. Seine Geschichte ist die eines Baseballprofis, der vielleicht ein großer Star geworden wäre, hätten ihm die Rassenschranken nicht die Karriere verbaut. "Tja, die Dodgers", sagt er melancholisch, "das wäre mein Team gewesen."

Ablehnung trotz Erfolges

Die Dodgers hatten 1958, als sie Sanders testeten, gerade für kräftigen Wirbel gesorgt, indem sie von der Ost- an die Westküste zogen, von Brooklyn nach Los Angeles. Im Training war Jake der Viertbeste, was leicht zu belegen ist: Im Baseball führt man präzise Statistiken über gelungene Würfe und Abwehrschläge. Genommen wurde er dennoch nicht. "Wenn Sie mich fragen, dann lag es allein an der Farbe meiner Haut. Hey, du bist die Nummer vier, und trotzdem schmeißen sie dich raus. Das nehmen dir die Kids heute gar nicht mehr ab."

Sanders weiß, wovon er spricht. Manchmal hält er Vorträge vor Nachwuchsspielern, die ihn in aller Regel anschauen, als würde er flunkern. Als es mit den Dodgers nichts wurde, musste er sich mit den Kansas City Monarchs begnügen, mit der Negro League, der Liga der Afroamerikaner.

Irgendwann erschien Dr. King auf der Bildfläche, und der stille Jake schloss sich den Bürgerrechtlern an. Bei J. J. Newberry, einer Billigkaufhauskette, setzte er sich an einen Lunch-Tresen, an dem nur Weiße Platz nehmen durften. Ein Polizist holte mit einem Holzknüppel nach ihm aus - getroffen wurde er nicht. "Ich war schnell, ich bin weggerannt."

Keeanga-Yamahtta Taylor, an der Northwestern University bei Chicago Dozentin für afroamerikanische Studien, spricht von der amerikanischen Lebenslüge: "Wenn du dich anstrengst, hast du Erfolg, heißt es immer. Und wenn du keinen Erfolg hast, hast du dich nicht genug angestrengt. Allein den Einzelnen zu tadeln, was für eine billige Masche!"

Die Kluft wird größer

Auch Taylor zitiert Statistiken: Lag das Durchschnittseinkommen eines afroamerikanischen Haushalts 2000 bei 64 Prozent eines weißen, so waren es 2011 nur noch 58 Prozent. Breiter wurde die Kluft vor allem deshalb, weil das Platzen der Immobilienblase schwarze Familien, denen besonders häufig Subprime-Kredite aufgeschwatzt worden waren, oft hart traf. Und: 13,4 Prozent aller schwarzen Männer im beschäftigungsfähigen Alter sind arbeitslos, während die Quote bei weißen bei 6,7 Prozent liegt.

Taylor kann es nicht mehr hören, wenn Sonntagsredner die farbenblinden Vereinigten Staaten preisen - exemplarisch abzulesen an Barack Obama im Weißen Haus. "Einfach lächerlich!", sagt sie und erinnert daran, wie der Marsch auf Washington, die Kulisse für Kings mitreißende Rede, im Original betitelt war: "March for Jobs and Freedom" - das Wort Jobs an erster Stelle. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 28.8.2013)

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    foto: dpa/archiv

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