Barbara Psenner: "Erzählerischer Hintergrund ist wichtig"

Interview27. August 2013, 17:35
1 Posting

Das FO.KU.S präsentiert zeitgenössische internationale Fotokunst und angewandte Fotografie

STANDARD: War die erste Ausstellung 2006 "Wahre Bilder" zu Positionen internationaler Foto- und Medienkunst auch programmatische Initialzündung für FO.KU.S?

Barbara Psenner: Ja. Es war die Möglichkeit zu zeigen, was Fotografie alles sein kann: ein wirksames Medium mit dramatischer Entwicklung in Technologie und Produktionsweisen. Vom Video übers Tafelbild bis zum Leuchtkasten gab es alles zu sehen. In dieser Dichte sind Ausstellungen nicht immer möglich, aber in den vergangenen sieben Jahren konnte ich dieses Versprechen fast immer einlösen.

STANDARD: Das Spektrum reicht von Themenausstellungen (China, Alpen) über umfassende Personalen (Inge Morath) bis zu dokumentarischen Präsentationen (Paolo Pellegrin). Muss diese Weite sein?

Psenner: Jede Institution muss sich ein Profil schaffen. Das FO.KU.S ist Teil einer Bank, es ist im Bankgebäude angesiedelt und wird von ihr finanziert. Dadurch muss ich auch beim Programm mitdenken, dass die Fotografie für viele vermittelbar sein muss: ein erzählerischer Hintergrund ist wichtig.

STANDARD: Wie stark spürt man da die Bank im Hintergrund?

Psenner: Ich habe vollständige Freiheit, was mein Programm anbelangt. Natürlich vergesse ich nicht, wo das FO.KU.S eingebettet ist. Aber das ist auch ein Instrument der Kundenbetreuung: wenn Kunden zur Vernissage geladen werden oder Führungen bekommen. So wird die Kunst für viele anwendbar.

STANDARD: Fühlt man sich da nicht als Handlanger einer Bank?

Psenner: Nein, ich habe hier eine bestens ausgestattete, öffentliche Galerie, die allen konservatorischen und musealen Ansprüchen entspricht. Natürlich ist es auch eine Imagegeschichte, aber die funktioniert nur, wenn die Qualität gut ist. Deswegen ist der Anspruch sehr hoch: Wir präsentieren in Österreich noch nie gezeigte Künstlerpositionen, solche, die man sonst nur in München, Zürich oder Berlin sehen kann.

STANDARD: Zum Beispiel Charlotte Dumas, Helen van Meene, Jitka Hanzlová. Es fällt auf, dass oft starke Fotokünstlerinnen gezeigt werden. Die Kunsthalle Krems zeigt gerade Elfie Semotan. Ist das ein allgemeiner Trend oder eine programmatische Ausrichtung?

Psenner: Es gibt in der internationalen Fotokunst einfach so viele tolle Frauen. Natürlich ist es mir ein Anliegen, "Frauen" in der Fotografie zu zeigen, aber sie bieten sich auch durch ihre guten Arbeiten an. Ich suche sie nicht, sie fallen mir einfach zu.

STANDARD: Das spricht für einen sensibilisierten Blick, der Sie eher zu Arbeiten von Frauen lenkt?

Psenner: Der Tornado von Sonja Braas hat mich sofort angezogen, da wusste ich noch nicht, dass er von einer Fotografin ist. Das Gleiche trifft auf Arbeiten von Charlotte Dumas zu. Aber es gibt natürlich spezielle Geschichten, wie bei Helen van Meene, wo man den weiblichen Blick erspürt. Auch bei Inge Morath ist ein einfühlsamer Blick auf die Welt zu erkennen. Ganz im Gegenteil zur Sensationslust ihrer männlichen Kollegen.

STANDARD: Morath meinte: "Ich fotografiere in Farbe dort, wo ich Farbe sehe." Hat sie Situationen sowohl in S/W als auch in Farbe fotografiert, um möglichst viele Informationen zu erhalten?

Psenner: Morath war eine ausnehmend bedächtige Fotografin. Auf Reportagereisen für Magnum ist sie immer doppelt so lange geblieben wie ihre Kollegen. Man erzählt, sie habe sich für Porträts so lange Zeit gelassen, dass die Menschen schon gedacht haben, sie würde das Foto nie machen.

STANDARD: Steht das im klaren Gegensatz zum schnellen Abdrücken ihrer Kollegen?

Psenner: Absolut. Henri Cartier-Bresson, Gründungsmitglied von Magnum, war ihr Lehrmeister. Er war für das "Schießen" im richtigen Moment, und das möglichst heimlich und militärisch. Das war nicht Moraths Art. Es gibt Arbeiten, die technisch nicht perfekt sind, aber das lag dann an den Umständen, weil sie vielleicht aus dem Auto fotografiert hat.

STANDARD: Moraths Farbfotos wurden neu produziert und erstmals im FO.KU.S ausgestellt. Eine Sensation, wenn man bedenkt, dass Firmen wie z. B. Kodak immer mehr ihre Produktion einstellen.

Psenner: Wir sind längst in der digitalen Welt gelandet, sehen aber Dokumente aus einer anderen Zeit. Robert Polidori, ein kanadischer Architekturfotograf, sagt: "Analogue is made to remember, digital to forget."

STANDARD: Wie wird es weiterghehen?

Psenner: Als Nächstes zeige ich Philippe Chancel, der die letzten fünf Jahre an Orte gereist ist, die durch dramatische Ereignisse und mediale Berichterstattung berühmt wurden wie Nordkorea, Kabul, Fukushima u. a. Das OEuvre eines Künstlers muss eben doch schon etabliert sein, um zwei Säle zu füllen. Für jüngere Positionen ist das oftmals noch schwierig. (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 28.8.2013)

Philippe Chancel: "Datazone. World in Progress", 5. 9. - 19. 10., BTV FO.KU.S, Stadtforum 1.

Link

www.btv-fokus.at

  • Barbara Psenner, geboren in Brixen (Südtirol), studierte u. a. Geschichte und Museumspädagogik, organisierte neun Jahre lang das Fotoforum Innsbruck. 2006 übernahm sie das neu errichtete FO.KU.S in der BTV. 
    foto: btv

    Barbara Psenner, geboren in Brixen (Südtirol), studierte u. a. Geschichte und Museumspädagogik, organisierte neun Jahre lang das Fotoforum Innsbruck. 2006 übernahm sie das neu errichtete FO.KU.S in der BTV. 

Share if you care.