Literar Mechana: Wer online publiziert, verliert

1. Dezember 2013, 15:45
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Wer online publiziert, verzichtet pro Jahr auf bis zu 600 Euro, Wissenschafter müssen zunehmend um ihre Bibliothekstantiemen fürchten - Das veraltete Urheberrechtsgesetz kostet eine ganze Branche bares Geld

Wie bemisst sich der Wert eines Textes in der Zweitverwertung? Geht es nach dem österreichischen Urheberrecht: nach der Anzahl der Zeichen und ob er auf Papier gedruckt wurde. Wer im Netz publiziert, geht leer aus und verliert so pro Jahr den Anspruch auf mehrere hundert Euro.

Wir schreiben das Jahr 2013. Jeder Journalist, Wissenschafter, Schriftsteller und Übersetzer verdient an seinen Urheberrechten. Für die Erstverwertung erhält er ein regelmäßiges Gehalt oder eine einmalige Zahlung. Über die Zweitverwertung wird der Autor für die darüber hinausgehende Verwendung seiner Texte entschädigt, zum Beispiel wenn der Text vervielfältigt oder in einer Bibliothek ausgeliehen wird. Um die Geldverteilung kümmern sich vom Staat legitimierte Verwertungsgesellschaften, im Falle der schreibenden Zunft die national tätige Literar Mechana.

Die Gutenberg-Ära

Die Literar Mechana verwaltet aktuell die Rechte von 17.000 inländischen Autoren. Geld bekommt, wer sich anmeldet und mindestens 10.000 auf Papier veröffentlichte Zeichen nachweisen kann. "Wenn man bei der Tageszeitung DER STANDARD eine regelmäßige Kolumne hat, kann das schon 1.000 Euro pro Jahr bis hin zu einem Monatsgehalt ausmachen", gibt Sandra Csillag, Geschäftsführerin der Literar Mechana, ein Beispiel.

Um die Autoren bezahlen zu können, hebt die Verwertungsgesellschaft Geld über die Reprografieabgabe und die Leerkassettenvergütung ein. Beide Abgaben müssen Händler und Dienstleister zahlen, die ihr Geschäft mit kopierfähigen Geräten oder Kopieträgern machen, also Tech-Anbieter, Copyshop-Betreiber und Bibliotheken.

Einnahmen um die Hälfte gesunken

Dieses Modell funktionierte, bis das Internet kam. Die Textrezeption verlagerte sich zusehends ins Digitale, kaum einer kopiert noch, geschweige denn verwenden die Menschen Leerkassetten. Das hat direkte Auswirkungen auf den Geldfluss der Literar Mechana. Die Einnahmen aus Reprografieabgabe und Leerkassettenvergütung sind seit 2005 um die Hälfte zurückgegangen und damit auch die Tantiemen der Autoren.

Einen Ausweg ortet die Literar Mechana in der Ausweitung der Abgaben. Auch digitale Speichermedien wie Festplatten, USB-Sticks, Computer und DVD-Rohlinge sollen besteuert werden, um die wachsende Zahl an Onlinepublizisten für die Zweitverwertung ihrer Texte zu entschädigen.

Elfenbeinturm Deutschland

In Deutschland gehört diese Diskussion längst der Vergangenheit an. Die Festplattenabgabe wurde bereits 2002 eingeführt und 2008 im Zuge einer großen Novelle ausgeweitet. Seitdem sind sämtliche Speichermedien vergütungspflichtig.

Für die Verteilung der Tantiemen sorgt die VG Wort. Seit 2007 werden frei verfügbare Internet-Texte, die über eine Mindestbesucheranzahl pro Jahr verfügen, nach Zugriffszahlen entlohnt. Die Zählung der Klicks erfolgt über ein in die Seite implementiertes Zählpixel, das in Zusammenarbeit mit den Verlagen entwickelt wurde. Über einen Partnervertrag können auch österreichischen Seiten die Pixel verwenden, entlohnt werden aber nur Zugriffe aus Deutschland.

Bis zu 600 Euro für österreichische Online-Journalisten

Für derStandard.at wagt Sandra Csillag ein Rechenbeispiel für die Gruppe der Onlinejournalisten. "Wir erwarten, dass es zwischen 1.500 und 1.800 Journalisten gibt, die die relevanten Voraussetzungen aufweisen", legt die Geschäftsführerin die Grundlage, "die Mehreinnahmen aus der Reprografievergütung werden auf rund drei Millionen Euro geschätzt."


Rechenbeispiel für Onlinejournalisten.

Davon würden für den Bereich Zeitungen und Publikumszeitschriften 9,34 Prozent aufgewendet, nach allen Abzügen rund 125.000 Euro. "Nach unseren groben Schätzungen können Journalisten mit reinen Onlinepublikationen mit zusätzlichen Erträgen zwischen 25 Euro und 600 Euro pro Jahr rechnen", erklärt Csillag.

Krieg der Lobbyisten

Noch vor kurzer Zeit schien die Gleichstellung von Digital- zu Printwerken auch in Österreich gar nicht mehr so fern. 2012 hatte das Justizministerium unter dem Einfluss der ÖVP ein Arbeitspapier zur Änderung des Urheberrechts ausgearbeitet. "Dieser Entwurf wäre für die Kreativbranche in Ordnung gewesen, und es hätte auch einige Zugeständnisse an die Geräteindustrie gegeben. Doch allen voran Ditech und Firmen wie HP haben einen Marschbefehl ausgegeben, das zu torpedieren", resümiert Csillag.

In der Folge brach ein Lobbyistenkrieg um Speichermedienvergütung und Erweiterung der Reprografieabgabe um den PC aus. Die Literar Mechana unterstützte die von Künstlern betriebene Plattform "Kunst hat Recht", die auf die Bewahrung der Urheberrechte im Digitalen pocht. 

Werbevideo der Initiative "Kunst hat Recht".

Im Gegenzug gründeten 20 Tech-Firmen die "Plattform für modernes Urheberrecht", mit der sie die drohende Mehrbelastung für Kunden und Handel thematisierten und die Angst vor einem volkswirtschaftlichen Schaden schürten. 

Werbevideo der Initiative "Plattform für ein modernes Urheberrecht".

Skurrilles Detail daran: Die Abgabe wird von den österreichischen Händlern bereits vorsorglich eingehoben, um sich für mögliche Rückforderungen finanziell abzusichern.

Verwunderung über die Sozialpartner

Nach einem Jahrzehnt Festplattenabgabe in Deutschland hat sich gezeigt, dass die Menschen trotz des Aufschlags weiterhin neue Tech-Produkte kaufen. Dieser erfolgreiche Testlauf im Nachbarland hinderte die "Plattform für modernes Urheberrecht" aber nicht daran, den öffentlichen Druck mit Unterstützung von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer auf ein derartiges Niveau zu erhöhen, dass sich vor der Nationalratswahl keine Partei mehr an dem umstrittenen Thema die Finger verbrennen wollte und das Projekt auf Eis legte.

Gerald Grünberger, Geschäftsführer des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), wundert sich auf Nachfrage von derStandard.at vor allem über die Positionierung der Sozialpartner: "Die Festplattenabgabe ist für alle Zweige der Content-Industrie ein wichtiges Anliegen, da durch die Miniaturisierung Speichermedien den Platz klassischer Trägermedien eingenommen haben. Umso mehr verwundert der Widerstand jener beiden gesetzlichen Interessenvertreter-Körperschaften, da die Wertschöpfung zum Großteil nicht in Österreich erfolgt. Eine angemessene Vergütung aus Lizenzentgelten gibt es ja bereits in der analogen Welt; diese soll nun auch in die digitale Welt getragen werden."

Der schleichende Tod des Bibliotheksgroschen

Auch abseits der nachrichtlichen Medien erhöht sich der Handlungsbedarf. In Zeiten des Buchdrucks wurde jeder wissenschaftliche Autor nach drei verkauften Ausgaben an Bibliotheken an den Ausschüttungen der Bibliothekstantiemen zu seinem Werk beteiligt. 

Inzwischen stellen aber die Universitätsbibliotheken kontinuierlich auf digitale Ausleihe um. Der internationale Dachverband CISAC (Confederation Internationale des Societes d'Auteurs et Compositeurs) fand in einer Analyse für diese Entwicklung die passenden Worte: "From having collections to having connections."

EU-Direktive

So hat etwa die Bibliothek der Universität Innsbruck einen Vertrag mit dem wissenschaftlich orientierten Springer-Verlag geschlossen, der über einen Code allen Studenten und Universitätsmitarbeitern Zugang zum kompletten digitalen Literaturverzeichnis des Verlags gewährt. Durch den direkten Vertrag zwischen Bibliothek und Verlagen wird die Literar Mechana aus dem Vergütungssprozess ausgeschlossen und kann die Interessen der Autoren in dem gesetzlich vorgesehenen Ausmaß nicht mehr wahrnehmen. Wenn nicht die Verlage selbst die Autoren an den Tantiemen beteiligen, fallen diese in Folge um ihren "Bibliotheksgroschen" um.

Schuld an der Misere sind dabei weder die Verlage noch die Bibliotheken noch die Verwertungsgesellschaften. Der Grund dafür liegt im Urheberrecht. 1993 wurde eine EU-Richtlinie umgesetzt, nach der das Verleihen von Onlinewerkstücken anders geregelt wurde als bei Printwerkstücken. Geändert werden kann das Gesetz nur auf EU-Ebene, derzeit sind bereits mehrere Urheberrechtsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof anhängig.

Sturz des Monopols

Auf europäischer Ebene wird das Modell der Verwertungsgesellschaften äußerst kritisch diskutiert. Nach einer Reihe von Skandalen, bei denen Schindluder mit dem Geld der Urheber getrieben wurde, ist für 2014 eine EU-Direktive zum "Collective Management of Rights" geplant, welche durch eine Liberalisierung des Marktes dem staatlich gestützten Monopol ein Ende bereiten soll. 

Die Verlage und Musiklabels begrüßen die Änderung hin zum freien Markt. Für sie bedeutet die kollektive Lizenzierung durch neue Rechte-Management-Organisationen im besten Fall eine Neuverteilung der Tantiemen abseits der strengen Auflagen.

Forderung nach globaler Rechte-Clearing-Stelle

Mit der Zunahme des internationalen Handels mit geistigem Eigentum wird der Ruf nach einer zentralen Rechte-Clearing-Stelle laut. Denn bei all den institutionellen Schachzügen darf man auf den Urheber selbst nicht vergessen.

Sollten wirklich neue Lizenzverwalter auf den Spielplan treten, wird der Urheber plötzlich vor der Qual der Wahl stehen, wem er seine Rechte anvertraut und ob er tatsächlich den Lohn erhält, der ihm zusteht. Den Überblick über Angebote und den Paragraphendschungel zu behalten dürfte zunehmend komplizierter werden. (Tatjana Rauth, derStandard.at, 1.12.2013)

  • Derzeit gehen Autoren, die ihre Werke digital veröffentlichen, bei der Zweit- und Drittverwertung leer aus. Das betrifft alle von der Literar Mechana vertretenen Gruppen: Journalisten, Wissenschaftler, Autoren und Übersetzer.
    foto: derstandard.at

    Derzeit gehen Autoren, die ihre Werke digital veröffentlichen, bei der Zweit- und Drittverwertung leer aus. Das betrifft alle von der Literar Mechana vertretenen Gruppen: Journalisten, Wissenschaftler, Autoren und Übersetzer.

  • Die Literar Mechana kümmert sich um die Lizenzrechte der schreibenden Zunft, allerdings nur solange die Werke gedruckt existieren. Das derzeitige Urheberrecht hindert die Verwertungsgesellschaft an einer Weiterentwicklung in das digitale Zeitalter. Das kostet alle Betroffenen Geld.
    foto: derstandard.at

    Die Literar Mechana kümmert sich um die Lizenzrechte der schreibenden Zunft, allerdings nur solange die Werke gedruckt existieren. Das derzeitige Urheberrecht hindert die Verwertungsgesellschaft an einer Weiterentwicklung in das digitale Zeitalter. Das kostet alle Betroffenen Geld.

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