Manege für sprunghafte Skulpturen

27. August 2013, 17:44
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Atmosphäre und Geschichte der Zacherlfabrik in Döbling formen eine inspirierende Kulisse für Kunst und Konzerte

Wien – Ein Magnet hält den Bambusstab in der Senkrechten. Gemeinsam mit einem Fiberglasstab, der lapidar an der Mauer lehnt, deutet er ein Entrée an - eine Art Theatervorhang, wie Roland Kollnitz sagt.

In der weiten hohen Halle der Zacherlfabrik in Döbling, die einst das aus der kaukasischen Wucherblume gewonnene Pyrethroid importierte, um daraus ihr Erfolgsprodukt, das Insektenpulver Zacherlin herzustellen, hat der Bildhauer einen Wirkungsraum für und mit seinen Arbeiten entwickelt: Eine Inszenierung, die ein großer Kreis aus Fiberglasstangen zu einer Art Manege fasst. Denn Kollnitz' schlichte Eingriffe würden womöglich sonst vom rohen, angestaubten Industriecharme der k.-u.-k.-Zeit verschluckt werden. Nun stärken Raum und Objekte sich gegenseitig, entwickeln eigene Narrative: Kollnitz Arbeiten – mit der leichtfüßigen Anmutung der Improvisation – werden von ihren Materialien dominiert. Objekten wie einem Stück Tanzboden, der Falten werfend an einer Eisenstrebe hängt, kann man – wegen des darunterliegenden, tiefschwarzen spiegelnden Marmorglases  – quasi "unter den Rock gucken". Mattes trifft auf Hochglanz (ein Staubwedel aus Straußenfedern hilft beim Erhalt des Glanzes) oder auf grelles Weiß: auf einem Sessel hat eine Leuchtstoffröhre Platz genommen. Gleich daneben kann man sich auf eine Doka-Platte lümmeln. Oben "fliegt" ein persisch anmutender Teppich. Kollnitz Arbeiten sind eher sprunghaft, ihre skulpturale Form nehmen sie nur kurz ein, um im nächsten Augenblick in einem Geplänkel mit dem Nachbargegenstand andere Allianzen einzugehen.

Seit einigen Jahren nutzt die Familie Zacherl das einstige, mit Orientalismen spielendene Fabrikareal für Konzerte (heute Mozart, Ehrenfellner und Korngold vom Duo Raskin & Fleischmann an Klavier und Violine) und Ausstellungen (kuratiert von Gustav Schörghofer SJ). Während Heike Schäfer die Architektur um mit Illusion spielende Vorstellungsräume erweitert und Eisabeth Altenburg die vom Zacherlin vertriebenen Insekten als weiße Geister erscheinen lässt, ist der osmanische Kulturexport Ausgangspunkt für Carola Dertnigs Arbeiten: Sie widmet sich dem Reisetagebuch von Anna Zacherl, die ihrem Gatten 1861 nach Tiflis begleitete und spürt in einer Audioinstallation, der man draußen im parkähnlichen Garten auf einer Bank lauschen kann, dem heutigen Bild Georgiens nach. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 28.8.2013, Langversion)

Zacherlfabrik, 19., Nußwaldg. 14, jeweils Mi-Sa 15-19 Uhr, Ausstellung bis 30. 9., Konzert 28. 8., 19.30

  • Installation von Roland Kollnitz in der Zacherlfabrik in Wien.
    foto: roland kollnitz

    Installation von Roland Kollnitz in der Zacherlfabrik in Wien.

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