Rundschau: Queer SF mit Quoten-Heteros

Ansichtssache21. September 2013, 15:55
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coverfoto: lethe press

Sean Eads: "The Survivors"

Broschiert, 222 Seiten, Lethe Press 2013

Probleme kann es einem als Rezensent - nicht als Leser! - auch bereiten, wenn man von einem Buch völlig geplättet ist. Alles, was man darüber schreibt, fühlt sich dann irgendwie unzulänglich an. Bezeichnend auch, dass ich "The Survivors" als erstes Buch für die neue Rundschau begonnen, es dann zur Seite gelegt und als letztes beendet habe. Aus einer merkwürdigen Mischung von "Save the best for last" und "Will ich wirklich wissen, wie das weitergeht?" heraus.

Das Szenario

Ursprünglicher Kaufanreiz war die Prämisse des Romans. Man sollte nicht glauben, dass nach all den unzähligen Alien-Invasionsgeschichten in den 115 Jahren seit H. G. Wells' "The War of the Worlds" noch mal jemand einen neuen Dreh finden würde. Aber US-Autor Sean Eads gelingt's gleich in seinem ersten in Druck gegangenen Roman. - Angenommen, die Außerirdischen landen und ... tun einfach gar nichts. Sie kommunizieren nicht, stehen einfach in der Gegend herum und halten Maulaffen feil. Steht irgendwo eine Tür zu einem Geschäft oder einer Privatwohnung offen, tapsen sie hinein und hängen dann eben dort in vollkommener Ignoranz ihrer menschlichen "MitbewohnerInnen" herum. The invasion of the earth by a race of socially oblivious couch potatoes, wie es in einem Blurb auf der Buchrückseite treffend heißt.

Das ist eher lästig als bedrohlich. Wuchtig, wie die Aliens gebaut sind, hat es aber seine Tücken. Ich-Erzähler Craig Mencken hat gleich zu Beginn des Romans alle Hände voll damit zu tun, nicht zu ersticken, als sich einer seiner "Hausgäste" kurzerhand auf ihn setzt. The aliens had sex again in my bed last night, making a mess on the walls and ceiling, lautet der unsterbliche Eröffnungssatz des Romans. Und Eads holt jede Menge weitere Situationskomik aus dem Szenario heraus. Etwa wenn ein UN-Gesandter seine Kontaktversuche zu einem blöd in die Gegend stierenden Alien frustriert abbricht. "That was the moment of our First Contact with an alien. We just didn't know if it actually counted as the alien's First Contact with us."

Andere lernen bald, dass man mit den Besuchern jede Menge Schabernack treiben kann, da sie auf nichts reagieren. "Jackass"-artige Stunts kommen in Mode: Aliens werden am Bungeeseil in die Tiefe gestürzt oder aus Zirkuskanonen geschossen ... und sehen dabei die ganze Zeit aus, als würden sie auf Godot warten, wie es im Roman so schön heißt. Aber es landen immer mehr.

Langsam wird es dunkler

Schon in der Phase, in der der Roman primär auf Humor setzt, schleichen sich auch beunruhigendere Töne ein. Eine Frau, die Craig trifft, erleidet einen Nervenzusammenbruch, weil sie das Ignoriertwerden nicht mehr verkraftet. Und Craig selbst argwöhnt immer mehr, dass die Aliens ihre Umwelt inklusive der Menschen sehr wohl registrieren, es sich nur nicht anmerken lassen. Da kommt ein neuer Auftrag seines Arbeitgebers gerade recht. Das Lokalblatt in Denver, für das der Jungjournalist arbeitet, ist eine fruchtbare Mischung aus zu viel Geld, zu wenig Professionalität und noch weniger Moral. Craig soll ein Interview mit einem Alien liefern - notfalls gefälscht. Groß ist Craigs Verblüffung, als er seinen Fragebogen eines Morgens ausgefüllt vorfindet: Hat er das selbst im Rausch getan oder haben die Aliens ihr Schweigen tatsächlich gebrochen? 

Die Ereignisse nehmen eine neue Wendung, als Craig wieder Kontakt zu seinem Ex Scott aufnimmt. Der gehört mittlerweile einer geheimen Bürgerwehr an, die sich der außerirdischen Besucher ein für alle Mal entledigen will. He held up the gun. "But you have to experiment on them first. Mengele-style." Da das der offiziellen Beschwichtigungspolitik der US-Regierung nicht ins Konzept passt, taucht ein Agent auf, der Craig darum ersucht, diese Miliz auszuspionieren. Craig wird in der Folge vor einem gewaltigen Loyalitätskonflikt stehen und gezwungen sein, seine Beziehungen und seine Menschlichkeit von Grund auf zu überdenken. Denn die Gewalt gegen die Aliens eskaliert. Sie werden massenweise abgeschlachtet und nehmen auch das ohne jede Regung hin. Aber es landen immer noch mehr.

Auf den Abgrund zu

Der allmähliche Übergang von skurrilem Humor zu abgrundtiefer Trostlosigkeit - bzw. von Slapstick zu Nihilismus, wie es in einer Rezension hieß - ist eine gewagte Herangehensweise, sie holt die LeserInnen weit aus ihrer Komfortzone heraus. Anhand von Craig werden wir vor die Frage gestellt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Den äußeren Takt gibt indessen der erbarmungslos voranschreitende Kollaps der Zivilisation vor. Einen vom Grundprinzip her ähnlichen Handlungsrahmen findet man in Stephen Baxters "Die letzte Flut" oder George Romeros "Dawn of the Dead" (also der alten Version mit ihren stummen, langsamen und unaufhaltsamen Zombie-Massen).

Edward Bryant, Autor der Kurzgeschichtensammlung "Eine Stadt namens Cinnabar", die mich seinerzeit enorm fasziniert hat, ist so etwas wie Eads' Mentor. Er nennt "The Survivors" New Wave (im Sinne der gleichnamigen SF-Strömung in den 70er-Jahren) und zieht Vergleiche mit dem Werk von Thomas M. Disch. Das scheint es mir sehr gut auf den Punkt zu bringen, und nicht nur, weil Eads einen schwulen Protagonisten gewählt hat. Das Werk, das mir "The Survivors" am ähnlichsten scheint, ist Dischs "The Genocides". Hier wie dort erleben wir Schritt für Schritt mit, wie sich der Handlungsspielraum der Menschen immer mehr einengt. Wortwörtlich. Ergänzt um das Hintergrundszenario von Fritz Leibers "Wanderer im Universum", mündet somit das, was so lustig begann, in pures Grauen.

Was soll ich sagen? Ich bin schwer beeindruckt.

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