Russlands letzte Ausgrabungsromantiker

26. August 2013, 17:57
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Der Nordkaukasus ist eine archäologische Schatztruhe - seriöse Wissenschafter haben es aber im heutigen Russland gegenüber professionellen Plünderern nicht leicht

Krasnodar - Mit viel Mühe und Lärm bewältigt der Geländewagen aus Sowjetzeiten die fürchterliche Strecke. Der 47-jährige Aleksandr Sasonow am Steuer blickt sich konzentriert um. Manchmal bäumt sein Wagen sich auf, manchmal legt er sich fast auf die Seite. Aleksandr wird begleitet von seinem Freund und Kollegen, dem 44-jährigen Lazar Golubew. Manchmal verkündet er aufgeregt: "Ein Kurgan!" Seine Augen leuchten dann auf, und er notiert schnell etwas. Der Wagen taucht in Schlammbäder ein, reißt Geäst ab, überwindet quer liegende Baumstämme.

Beide Männer sind Archäologen, "professionelle Archäologen", wie Aleksandr sagt: "Es gibt alle möglichen Archäologen. Der Begriff ist entwertet. Im Interesse der schnellen Realisierung von Bauprojekten lässt man fünf gerade sein. Das geht zulasten der Archäologie. Lazar und ich sind Profis der alten Schule. Wir sind den alten Prinzipien treu geblieben, den Geboten unserer Lehrer. Wir können vor der Denkmalvernichtung nicht die Augen schließen und verteidigen sie gegen Plünderer und die Bauherren mit ihren Planierraupen."

Der Bau von Öl- und Gaspipelines und andere Baumaßnahmen bedrohen archäologische Fundstätten und die Grabhügel, die sogenannten Kurgane. Auch in Sowjetzeiten wurde das eine oder andere vernichtet, doch wurden Großprojekte so abgestimmt, dass die Mehrzahl erhalten blieb. Jetzt drückt man beide Augen zu, um Bauprojekte nicht zu verzögern. "Archäologisch wichtige Stätten sind in den Augen einiger Staatsvertreter nur ein Hindernis, nicht Kultur. Archäologie und Kulturerbe werden als Prügel zwischen den Beinen empfunden. Aber ohne Kultur kann es keine Weiterentwicklung geben."

Schüsse von Plünderern

Aleksandr leitet eine Organisation, die alte Traditionen bewahren will. Sie ist beim Denkmalschutzamt der russischen Region Krasnodar akkreditiert. Lazar ist leitender Archäologe, lebt auch im Krasnodar im Nordkaukasus und fährt von Zeit zu Zeit nach Karatschai-Tscherkessien, wo er mit seinem Vorgesetzten Lew Doletschek auf Expedition geht. Jüngst machten sie einen sensationellen Fund: ein Stein von der Seidenstraße, der eine Art Kreuz symbolisiert. Solche Expeditionen sind nicht immer ungefährlich. "Einmal suchte ich eine Gruppe von Plünderern auf. Sie feuerten auf mich, ich wurde nicht getroffen, doch mein Wagen bekam einige Schusslöcher ab", erzählt Lew.

Lazar und Aleksandr zählen sich zu den letzten Romantikern, zu den Menschen, die sich bei den sowjetischen Großbauprojekten hungrig und halb erfroren in löchrigen Schuhen durch Tundra und Taiga schleppten, in kaputten Zelten übernachteten, alles im Namen einer Idee. "Jetzt aber wird alles auf die Gleise der Kommerzialisierung geleitet", sagt Aleksandr.

Ein Beispiel sei Sotschi, Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. "In Sotschi gibt es einzigartige Festungen, die bei kluger Konzeption der olympischen Bauten kein Hindernis, sondern im Gegenteil eine köstliche Ergänzung darstellen könnten", meint Lazar.

Lazar und Aleksandr sind zum zweiten Mal im Rajon Apscheronsk. Sie haben eine staatliche Ausschreibung gewonnen, weil sie für ihre Arbeit den niedrigsten Preis angesetzt hatten. Sie registrieren neue archäologische Denkmäler und dokumentieren sie für das staatliche Register. Sie müssen 60 Objekte aufsuchen, topografische Pläne erstellen und Erfassungskarten samt Bericht anfertigen. Rund 40 der Wissenschaft unbekannte Objekte haben sie bereits entdeckt. Ihr Ziel ist auch die Nachuntersuchung der geplünderten Grabstätten. In ganz Russland arbeiten zurzeit nur wenige Expeditionen nach solchen Schemata.

Bund mit Einheimischen

Insbesondere suchen die zwei Freunde nach Grabstätten der Kimmerer, die mit der hiesigen Bevölkerung, den Protomaioten, in einem Bund lebten. Dies ist in Russland und Südosteuropa eines der ersten schriftlich erwähnten Völker. Damals erregte es Furcht, heute ist es durch den Film Conan, der Barbar bekannt, in dem Arnold Schwarzenegger einen Kimmerer spielt.

Der Rajon Apscheronsk ist bekannt für seine zahlreichen antiken Grabstätten. Dem Auge unsichtbare kimmerische Grabstätten befinden sich unter den Kurganen, den "Pyramiden der Steppen", und es gibt sogar Kurgane, die unter einem neuzeitlichen Friedhof liegen, was sie vor Plünderern schützt. Diese arbeiten gelegentlich sogar mit Baggern. Um an die Artefakte zu kommen, ruinieren sie rücksichtlos alles, was für sie uninteressant ist. Einiges haben die Wissenschafter noch nie gesehen, vieles wird ins Ausland geschmuggelt.

Erfüllung eines Traums

Die Arbeit, die die Männer hier leisten, wird absurderweise den Plünderern dienen. Denn die staatlich registrierten Denkmäler werden auf frei zugänglichen Karten eingetragen. Aber auch die Plünderer leisten einen "Beitrag". "Aufgrund der operativen Informationen über Plündererfunde mithilfe der Einheimischen ging mein Traum in Erfüllung. Wir fanden eine gut erhaltene, sehr perspektivreiche kimmerische Grabstätte aus der Zeit um 800 vor Christus: typische Speerspitzen, Keramikreste, Pferdegeschirr, wie bei den Funden aus der Hallstattzeit - und damit den Beweis, dass die Kimmerer hier waren", verkündet Aleksandr. "Wir werden sicher einzigartige Funde machen, wenn wir es schaffen, sie vor den Plünderern zu schützen."

Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Die Archäologen erwischten später Plünderer und fotografierten deren Autokennzeichen. Sie gaben der Polizei die Fotos, aber nichts wurde unternommen. Auch die Gesetze wurden bis heute nicht verschärft. Doch die archäologischen Romantiker geben nicht auf. Sie vertreiben den Gedanken, dass viele ihrer Kollegen korrupt sind, reparieren immer wieder ihren Geländewagen und machen weiter. (Alexandre Sladkevich, DER STANDARD, 27.8.2013)


Wissen: Reitervolk aus der Steppe

Die Heimat Conans war das Land der Kimmerer. Es handelte sich um ein Reitervolk der Antike, das zwischen der Krim und Südrussland und im Nordkaukasus ansässig war. Nach mehreren historischen Quellen zogen die Kimmerer ab dem späten 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung nach Anatolien, wo sie das Reich der Phryger zerschlugen und jahrzehntelang eine Bedrohung für die griechischen Städte Kleinasiens und das Lyderreich waren. In Mitteleuropa wurde der sogenannte Thrako-Kimmerische Horizont (vor allem Dolche mit durchbrochener Griffplatte und bestimmte Formen von Pferdetrensen) auf die Kimmerer zurückgeführt. Östlicher Einfluss zu Beginn der Hallstattkultur, et­wa das Auftreten größerer Pferde, wird ebenfalls oft diesem Steppenvolk zugewiesen. (red)

  • Der Nordkaukasus ist eine archäologische Schatztruhe. Funde weisen auf das legendenumwobene Volk der Kimmerer hin.
    grafik: der standard

    Der Nordkaukasus ist eine archäologische Schatztruhe. Funde weisen auf das legendenumwobene Volk der Kimmerer hin.

  • Jäger des - fast - verlorenen archäologischen Schatzes im Nordkaukasus: Aleksandr Sasonow (li.) und Lazar Golubew mit ihrem gleichfalls unverwüstlichen Geländewagen russischer Provenienz.
    foto: sladkevich

    Jäger des - fast - verlorenen archäologischen Schatzes im Nordkaukasus: Aleksandr Sasonow (li.) und Lazar Golubew mit ihrem gleichfalls unverwüstlichen Geländewagen russischer Provenienz.

  • Der Lohn ihrer romantischen Hartnäckigkeit: eine Speerspitze und Keramikreste aus der Zeit der legendären Kimmerer.
    foto: sladkevich

    Der Lohn ihrer romantischen Hartnäckigkeit: eine Speerspitze und Keramikreste aus der Zeit der legendären Kimmerer.

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