Die Hoffnung liegt in einem fernen Land

26. August 2013, 18:29
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Frankreich galt bisher als Immigrationsland. Doch die Krise hält nun schon seit Jahren an und verändert die Vorzeichen: Immer mehr junge Franzosen wollen oder müssen ihrer Heimat den Rücken kehren

Catherine hat einen Master in internationalem Recht von der prestigereichen Polit-Uni Sciences Po. Ihr Leben fristet sie aber mit kleinen Jobs, unter anderem als Kellnerin. Die 27-jährige Französin ist kein Einzelfall in einem Land, wo die Jugendarbeitslosigkeit bei 23 Prozent liegt. Nun ergreift Catherine eine drastische Maßnahme: Sie wandert nach Australien aus - auch wenn sie nicht weiß, wie sie sich dort durchschlagen soll.

Ihr Fall wurde bekannt, weil ihn ein Journalist kürzlich François Hollande vorlegte, verbunden mit der Frage, was der Staatspräsident dazu meine. "Ich würde dieser jungen Person erklären, dass Frankreich ihr Land ist, dass dieses Land sie liebt", erklärte Hollande mit Inbrunst, aber ohne konkrete Fürsprache. "Es ist meine Pflicht, dieser jungen Frau zu sagen, dass sie hier in Frankreich den Erfolg suchen sollte."

Viele Franzosen glauben nicht mehr an solche Beteuerungen. Laut einer Deloitte-Umfrage denken 27 Prozent der jobsuchenden Studienabgänger, dass ihre berufliche Zukunft außerhalb Frankreichs liegt. 2012 waren es nur 13 Prozent gewesen.

Zahlen sind eindeutig

Frankreich ist ein historisches Einwanderungsland für Südeuropäer und Afrikaner. Für größere Ausreisewellen sorgten einzig die protestantischen Hugenotten im 17. sowie Basken und Savoyer im 19. Jahrhundert. Seiner Heimat den Rücken zu kehren war unter Franzosen verpönt und wurde fast als Landesverrat angesehen.

Mit der Wirtschaftskrise ab 2008 hat sich aber vieles geändert. "Wird Frankreich ein Auswanderungsland?", fragt die Zeitschrift "Le Nouvel Économiste". Die wenigen verfügbaren Zahlen sprechen eine klare Sprache: Von den Diplomierten der Pariser Handelsschulen zieht ein Fünftel ins Ausland; bei den Ingenieursschulen sind es zehn Prozent.

Allgemeinere Zahlen fehlen, da das nationale Statistikamt Insee die Emigranten nicht erfasst. Das sei technisch unmöglich, hieß es. Die Zeitschrift "Causeur" meint mit bitterer Ironie: "Diese Zahl will gar niemand kennen. Offiziell gibt es keine französische Auswanderung - schließlich verlässt man nicht einfach das schönste Land der Welt und sein Sozialmodell, von dem wir meinen, dass uns alle darum beneiden."

Laut einer weiteren Umfrage von Gallup würden in Frankreich 37 Prozent der Altersklasse 15 bis 24 Jahre auswandern, wenn sie die Mittel dazu hätten. Dazu erschien in der Zeitung "Libération" ein Aufruf namens "Barrez-vous!" (etwa: Haut ab!) "Junge Franzosen, euer Glück ist anderswo", schrieben darin der Berater Félix Marquardt, der Rapper Mokless und der Journalist Mouloud Achour. Frankreich sei ein "verkalktes, hyperzentralisiertes und altersschwaches" Land; ein Viertel der Jugendlichen sei ohne Job, und in den Banlieue-Vierteln liege die Zahl doppelt so hoch.

Dort glaubten nur noch die immigrierten Eltern an die Vorzüge der "terre d'accueil", des Gastlandes Frankreich. Nach dem Fiskalexil von Schauspieler Gérard Depardieu in Russland präzisieren die drei Autoren: "Das ist kein Appell zur Steuerflucht - sondern zur Flucht schlechthin."

Polemischer, weil auch politischer schildert der konservative Autor Éric Brunet in seinem neuesten Buch "Sauve qui peut" ("Rette sich, wer kann") die Lage auswanderungswilliger Jugendlicher: "Wenn sie von einem Job träumen, offeriert ihnen Frankreich nur seine Bürokratie; wenn sie Kaufkraft verlangen, erschlägt sie das Land mit Steuern - wir zahlen 220 Milliarden mehr an Abgaben als die Deutschen. Und wenn sie schließlich Erfolg haben, belohnt sie Frankreich mit Verachtung."

Brunet bezieht sich auf Hollandes Spruch, er möge die Reichen nicht - und die Schlagzeile, mit der "Libération" den Umzug des reichsten Franzosen, LVMH-Chef Bernard Arnault, nach Belgien vermeldete: "Hau' doch ab, du reicher Depp!"

Dabei zieht es nicht nur gut ausgebildete Franzosen ins Ausland. Auch Kinder von Einwanderern kehren heute ohne Diplome in das Land ihrer Eltern zurück, wo sie über enge familiäre Kontakte verfügen. Und so verkaufen an Marokkos Stränden jetzt junge Banlieue-Franzosen Sonnenbrillen und andere Accessoires aus Paris. Haben sie damit Erfolg, wollen sie wieder zurück in die Heimat. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 27.8.2013)

  • Die Wertigkeiten dieser Weltkarte in Lissabon haben sich umgedreht: Viele Europäer suchen in den alten Kolonien einen Job.
    foto: reuters/rafael marchante

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