Harley Road King: Da fährt die Kraftzeitung

2. September 2013, 17:14
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370 Kilogramm amerikanische Freiheitsemotionen brauchen keine brutalen Leistungsdaten, um die Synapsen feuerwerken zu lassen

"Hast wieder heimlich in der Kraftzeitung gelesen, Junior?" Muttern hat den Satz gern bemüht, wenn ihr Erstgeborener versuchte, selbst sein eigenes Ego zu minimieren – oder gar um den begehrten Darwin-Award zu kämpfen. Oder wenn der Hausdackel wieder drauf und dran war, einem Rottweiler nach Hause zu helfen. Jetzt steht dieser Satz mit einmal über der Szenerie an der Ampel. Zwei Motorräder stehen Vorderrad an Vorderrad knapp vor dem weißen Strich, der auf einmal zur Startlinie wird.

Links ein "Straßenvibrator aus Milwaukee", wie ein Besucher der Harley Days in Wien die Cruiser unlängst nannte. Rechts eine Supersport. Links der Erstgeborene, kurzärmlig, mit Cross-Handschuhen und Trialhelm, direkt hinter ihm die Miss Simmering-bis-Semmering, kurzärmlig, mit Trial-Handschuhen und Cross-Helm. Rechts ein junger Mann, welcher der Sohn der beiden auf der Harley sein könnte. Gewandet in Leder, verdunkeltes Visier. Er sitzt geduckt auf dem Bock, stiert auf die Ampel, und allein aus seiner Haltung erkennt man sein Ziel: "Die Blade mit de zwa Olden versagl ich jetzt."

Cruiser gegen Moped, das ist Brutalität

Links eine Harley Davidson Road King. Rechts eine Yamaha R125. Ich meine, rechnen wir nur einmal aufgrund des Leistungsgewichts nach. Die Road King wiegt 368 Kilogramm und hat 84 PS. Die Yamsen hat grad einmal 15 PS, müsste also 65 Kilogramm leicht sein, um das Licht am Ende des Tunnels zuerst zu erreichen. Nehmen wir die Miss und den Erstgeborenen samt Gwand und Sprit dazu, dann dürfte der Junge samt Eisen 91 Kilogramm auf die Waage drücken.

Aber allein die R125 hat schon 138 Kilogramm. Und nehmen wir das für die Beschleunigung ja nicht ganz unwesentliche Drehmoment her – die Harley stampft 134 Newtonmeter auf den 180er-Hinterreifen – wird die Geschichte noch schlimmer. Jeder Fön hat mehr Drehmoment als eine gesetzeskonforme 125er.

Da ist die Lektüre der Kraftzeitung – in dem Fall dürfte das der Reitwagen sein – tatsächlich eine passende Ausrede sein. Er dreht seine Nähmaschine an der Ampel immer wieder hoch. Das lohnt bei ihm noch weniger als bei der Harley. Die ist so leise, dass man am besten auf den Lenker schaut, ob sie überhaupt läuft. Der fängt dann nämlich epileptisch zu vibrieren an. Von unten massiert der 1690 Kubikzentimeter große V2, den Oberkörper der Lenker. Und rennt die Road King erst einmal ein paar Minuten, dann dampft vom Kraftwerk her eine Hitze nach oben, die Jeans glimmen lässt. Ist die Rotphase an der Ampel etwas länger, beginnt sicher der Asphalt Blasen zu werfen. Doch diese Ampel hier wird rechtzeitig grün.

Was ist der Reiz, Biker zu sein?

Warum diese sekundenlange Episode so einprägend war? Weil es das einzige Mal war, dass die Road King wirklich Aufmerksamkeit erregte. Eine Harley allein ist nicht der Grund, dass die Leut zsammrennen und dem Eisen huldigen. Es ist nicht dieses Auffallen des Motorrades, das die Menschen davon überzeugt, Biker zu werden. Aber wehe, diese Harleys tauchen in größeren Mengen auf... Denken wir nur an die Harley Days, wo Tausende Menschen die Schrittgeschwindigkeitstour der Schwermetaller über den Ring verfolgten. Rattige Harleys, schmerzhaft laute Harleys, gechoppte Harleys, gepeckte Biker und auf einmal rennen die Leut zsamm.

Dabei ist die Road King an sich doch schon recht eindrucksvoll. Den Schlüssel behält man im Hosensack und schaltet sie über einen Drehschalter am Tank frei. Sie trägt einen Glasvorbau, der in den Wintermonaten vermutlich Teil eines Gewächshauses ist. Sie ist 2,4 Meter lang und kostet 26.600 Euro. Gut, das Preisschild lässt man nicht drauf, wenn man sie vom Händler holt, aber dass dieses Bike nicht billig ist, das sieht man von Weitem.

Und sie bewegt sich doch

Je nachdem, wen man fragt, ist eine Harley ja mehr oder weniger zum Fahren gedacht. Die Biker, die Harley-Owner, wie sie sich selbst nennen, die finden den Reiz der Bergstraße nicht. Fragt man sie, was sie an einer Harley so sehr reizt, dann kommen Antworten wie "Freiheit", "Gemeinschaft", "Lebensphilosophie". Dabei fährt sich die Road King erstaunlich leicht – wenn sie erst einmal rollt. Und das ist ein Los, das sie mit der Vorgänger-BMW GS teilt, die sich ja auch fantastischer fährt, als es die schnöden Daten erahnen ließen.

Gut, am besten kann die Road King gerade aus. Bei einem Radstand von 1625 Millimeter und einem Lenkkopfwinkel von 26 Grad ist da die Physik auf der Seite der Route 66. Dazu passt das satte Drehmoment. Aber selbst in Kurven muss man sich mit der dicken Harley nicht ungewöhnlich quälen. Ja, gut, wenn es ganz eng wird, wie in Serpentinen, dann würde man nach Kehre 5 den Bock am liebsten in den Graben treten oder sich selbst für die Tourplanung ohrfeigen – aber davon abgesehen...

Mit einem stoischen Gesichtsausdruck und schleifenden Trittbrettern schert man durch die Kurve und fühlt sich ziemlich unbesiegbar. So eine kleine Runde mit der Harley, ja, das ist wie eine Stunde Kraftzeitung lesen. Das ist schon ein herrliches Gefühl. Aber irgendwie ist es doch gut, dass die Road King, nach einigen Testtagen, wieder zurück an Harley-Davidson muss – bevor ich eines Tages aufwach, mit selbstgemachten Tatoos, in einem speckigen Ledergilet. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 8.2013)

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Harley-Davidson

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Harley-Davidson Road King: Zweifelsohne ein majestätisches Fortbewegungsmittel.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Harley-Davidson Road King: Zweifelsohne ein majestätisches Fortbewegungsmittel.

  • 368 Kilo treffen auf 84 PS. Imposant.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    368 Kilo treffen auf 84 PS. Imposant.

  • Von unten massiert der 1690 Kubikzentimeter große V2-Zylinder.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Von unten massiert der 1690 Kubikzentimeter große V2-Zylinder.

  • Dieses Trittbrett steht für eine "Lebensphilosophie".
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Dieses Trittbrett steht für eine "Lebensphilosophie".

  • Edel und schick: Weißwandreifen, Chrom und zwei üppige Bremsscheiben.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Edel und schick: Weißwandreifen, Chrom und zwei üppige Bremsscheiben.

  • Diese Rohr-Reifen-Kombination ist im Preis von 26.600 Euro inkludiert.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Diese Rohr-Reifen-Kombination ist im Preis von 26.600 Euro inkludiert.

  • Im Bild: Ein standesgemäßer Auftritt bei den diesjährigen Harley-Days. Nur der Auftritt des Fahrers sollte noch kernoptimiert werden.
    foto: herwig peuker

    Im Bild: Ein standesgemäßer Auftritt bei den diesjährigen Harley-Days. Nur der Auftritt des Fahrers sollte noch kernoptimiert werden.

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