"Wiedersehen mit Brideshead": Requiem auf das Gurkensandwich

26. August 2013, 17:07
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Evelyn Waughs "Wiedersehen mit Brideshead" harrt in herrlicher Neuübersetzung der Besichtigung: Ein Gipfelpunkt der Romankunst nach 1900

Wien - Die heimliche Hauptfigur in dem Roman Wiedersehen mit Brideshead (Brideshead Revisited) ist ein haariger Geselle. Aloysius begleitet seinen Herrn Sebastian Flyte 1923 an das berühmte Hertford College nach Oxford. Dort wird er Zeuge studentischer Ausschweifungen. Die Jungakademiker kleben sich falsche Bärte an. Sie steigen mitten in der Nacht in kaltes Brunnenwasser und deklamieren Verse von T. S. Eliot.

Die Kinder der britischen Upperclass sind an einer zügigen Beendigung ihrer Studien wenig interessiert. Aloysius verliert über den Unfug, den die jungen Ästheten in ihrem "Arkadien" treiben, kein Wort. Kann er auch nicht, denn Aloysius ist ein Teddybär. Sebastian, Spross einer sagenhaft reichen Familie von Katholiken, lässt den Bären die stumme Treue schlecht entgelten. Er nennt ihn aus einer Laune heraus sogar "aufgeblasen".

In der Welt der gutherzigen Snobs ist es am wichtigsten, amüsant zu sein. Noch besser: "höchst amüsant". Diesem Imperativ gehorchte zeit seines Lebens auch Evelyn Waugh (1903-1966), der seinen Roman Wiedersehen mit Brideshead 1945 veröffentlichte. Waugh kannte die von ihm geschilderte Gesellschaft nur zu genau. Er hatte sich den Zugang zu ihr mühsam genug erkämpfen müssen.

Brideshead, das nun in einer trocken-präzisen Neuübersetzung vorliegt, erzählt vom Untergang der heilen Welt. Noch werden die unvermeidlichen Gurkensandwiches gereicht. Die Reichen und die Superreichen feiern Partys, während die alten Kindermädchen in klammen Schlosszimmern über Handarbeiten sitzen und auf den Tod warten.

Suche nach Sinn

Das Ende der postviktorianischen Kultur ist eingeleitet, wenn Charles Ryder, der Ich-Erzähler, die Szene betritt. Die Rahmenhandlung des Buches hat die Kritik schon zum Zeitpunkt der Ersterscheinung in Erstaunen versetzt. Ryder, der mittellose Freund des labilen Sebastian, kehrt als Reserveoffizier der Weltkriegsarmee in das aufgelassene Schloss Brideshead wieder. Die Familie, die ihm während der vergangenen zwei Jahrzehnte gute Gastgeberdienste geleistet hat, ist in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Ryder tut folgerichtig, was jeder moderne Romanheld im 20. Jahrhundert zu leisten hat. Er begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit.

Waugh, das scharfzüngige Scheusal, lässt den Bewohnern von Schloss Brideshead die zärtlichste Liebe angedeihen. Die Verhältnisse laufen aus dem Ruder. Der Hausherr beschließt, nach dem Ersten Weltkrieg nicht wieder zurückzukehren. Die düpierte Gemahlin sucht beim Katholizismus Zuflucht. Der ältere Sohn bringt das Herrschaftshaus nicht etwa auf Vordermann, sondern sammelt Zündholzschachteln. Sein jüngerer Bruder Sebastian wird ein strammer Alkoholiker, den es an die Maghrebküste verschlägt.

Die zierliche Schwester Julia landet dafür in Charles' Armen. Fast übergangslos wechselt der Roman die erotische Tonlage. Charles, das Kind eines kauzigen Londoner Kunsthändlers, gibt den Beobachterposten auf. Er wird, wiewohl ein geschworener Feind des Katholizismus, geduldetes Mitglied der Familie. Sein Job ist die Zeugenschaft. Als Architekturmaler sieht er der Familie Marchmain/Flyte beim Untergehen zu. Lieben muss man Wiedersehen mit Brideshead unbedingt für die Schlagfertigkeit und das Understatement. Fragen der Moral werden vornehmlich ästhetisch behandelt. Zum Beispiel: "Ich war ihm immer treu, bis auf diese letzte Affäre. Es geht nichts über eine gute Erziehung."

Verlorene Generation

Waughs berühmtestes Werk, von manchen als missglückt geschmäht, darf als Gegenstück zu dem ein wenig älteren Großen Gatsby von Fitzgerald gelten. Wiederum tanzt eine Gesellschaft auf dem Vulkan. Wieder sind es eingebildete Hoffnungslichter, die den Vertretern einer verlorenen Generation in die Augen stechen.

Als ärgerlich darf gelten, dass Evelyn Waugh das Schicksal von Aloysius erkennbar wenig am Herzen lag. Immer heftiger dreht sich das Schwungrad der Geschichte. Waugh lässt eine Vorliebe für Glaubensfragen erkennen. Sie bilden ein Hauptmotiv des Romans. Für kuschelige Stofftiere findet sich daneben wenig Platz. Man kann es diesem endlich fein und angemessen "trocken" übersetzten Meisterwerk nachsehen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27.8.2013)

Evelyn Waugh: "Wiedersehen mit Brideshead. Die heiligen und profanen Erinnerungen des Captain Charles Ryder". Aus dem Englischen von pociao. Diogenes 2013

  • Ein sentimentaler Liebling aller "Brideshead"-Leser und Evelyn-Waugh-Fans: Der Teddybär Aloysius, wie er in der TV-Adaption des Romans 1981 (u. a. mit Jeremy Irons) Verwendung fand. 
    foto: reuters

    Ein sentimentaler Liebling aller "Brideshead"-Leser und Evelyn-Waugh-Fans: Der Teddybär Aloysius, wie er in der TV-Adaption des Romans 1981 (u. a. mit Jeremy Irons) Verwendung fand. 

  • Evelyn Waugh: Ansichten eines Erzreaktionärs. 
    foto: bown

    Evelyn Waugh: Ansichten eines Erzreaktionärs. 

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