Uri Caine: Das Original, originell übermalt

26. August 2013, 17:07
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Der US-Pianist glänzte beim Jazzfest in Saalfelden mit George-Gershwin-Bearbeitungen

Saalfelden - Jazzprojekte buhlen gerne um Extraaufmerksamkeit durch Umarmung verblichener Größen, die sich nicht mehr wehren können. Ist legitim. Nur klingt es bisweilen wie ein Marketingschrei mit belanglosen Musikfolgen, wenn mit Hinweisen wie "Tribute to" oder "Bearbeitungen von" gearbeitet wird. Pianist Uri Caine muss, was diese Methode anbelangt, eigentlich als Wiederholungstäter gelten.

Seine Karriere nahm ihren internationalen Lauf durch die Bearbeitung von Mahlers symphonischen Gebirgen. Es folgten Paraphrasen über Schumanns Dichterliebe, Beethovens Diabelli-Variationen, und auch "Wager in Venedig" wurde zum Thema. Caine, und das war schon bei Mahler zu hören, ist jedoch kein Musikwinzling, der Größe zu erlangen sucht, indem er es sich auf Schultern von Originalen gemütlich macht.

Es scheint sich seine Fantasie einfach an Klassikern im Sinne origineller Neudeutungen zu entzünden - zurzeit eben an Gershwin. Nun gehört der Tin-Pan-Alley-Komponist mit seinen Songs seit ewigen Zeiten zum Jazzkanon. Caine allerdings nimmt sich auch dessen großformatige Werke vor, eröffnet mit Rhapsody in Blue. Und: Diese Ansammlung genialer Motive wird durch Übermalungsästhetik mitunter neu erfunden.

Da sind freie Klavierpassagen, in denen Caine zeigt, dass er auch einer der packenden Szenepianisten ist. Da sind Gershwin-Themen, die in witzigem Marching-Band-Format auftauchen und von einem Kammerensemble pointiert umgesetzt werden. Das Faszinierende: Man hört das Original durchschimmern, hört aber in jeder Faser auch Caines kompositorische Subjektivität. Seine freie Variation ist durchdacht, gleichzeitig unbeschwert musikantisch. Und sie bietet zwischen den Arrangierpointen Platz zur Entfaltung des Einzelnen.

Weniger originell sicher der Zugang zu Songs wie They Can't Take That Away from Me. Da ging es relativ konventionell zu, was auch an den Gesangssolisten gelegen haben mag. Hatte Barbara Walker kurze, intensive Momente, wirkte Theo Bleckmann eher unscheinbar. Es gab am finalen Tag in Saalfelden dennoch nichts, was Caines gefinkelte Inspiration übertroffen hätte. Gitarrist Brandon Ross vollführte eine eher verkrampfte Variante des schrägen Jazzrock. Und kitschig gab sich das Trio Reijseger/Fraanje/Sylla.

Immerhin die Combo Angelus 10 mit simplem Konzept: da ein Riff, dort ein Thema, dann ausgiebige Improvisation. Das hatte energetischen Charme, brachte einen Hauch von Entspannung. Schließlich bot das diesjährige Programm einiges an komplexen Strukturen, denen nur mit Grübeln beizukommen war. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 27.8.2013)

  • Inspiriert durch Gershwins Welt: Pianist Uri Caine. 
    foto: saalfelden

    Inspiriert durch Gershwins Welt: Pianist Uri Caine. 

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