"Religiöse Symbole sollten aus der Schule entfernt werden"

30. August 2013, 17:09
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Von Aufrichtigkeit bis Zentralmatura: Ein Bildungs-ABC zum Schulanfang, verfasst von Publizistin Karin Fleischanderl

Aufrichtigkeit in der Bildungsdebatte täte gut.

Bildungsplitiker wissen natürlich, dass es Unfug ist, die breite Masse mit den Inhalten der klassischen humanistischen Bildung zu traktieren, würden dies aber nicht öffentlich eingestehen.

Consecutio temporis, Chiasmus & Co sind deshalb aus den Lehrplänen der Gymnasien gestrichen worden.

Dachdecker, Installateure und Spengler sind arbeitslosen Geisteswissenschaftern vorzuziehen.

Elitär ist Bildung nicht deshalb, weil sie Macht und Prestige verleiht, sondern weil nur die allerwenigsten Freude an ihr haben.

Fun ist ein Wort, das niemals im selben Atemzug mit Bildung oder Lernen ausgesprochen werden dürfte.

Gratis ist Bildung nicht: Ein Studium (auch ohne Unigebühren) kostet ungefähr so viel wie ein fabrikneuer BMW M3. Wer zwei Kinder hat und beide nicht studieren lässt, kann sich zwei davon leisten.

Hauptschule: Schultyp, der der Illusion zuliebe aufgegeben wurde, die Einführung der Gesamtschule würde gesellschaftliche Hierarchien abschaffen.

Ironie des Schicksals: Je mehr Matura machen, desto weniger ist sie wert.

Das duale Ausbildungssystem (sprich die Lehre) ist der beste Schutz gegen Jugendarbeitslosigkeit. (Quelle: Die Zeit)

Kinderuni: Ebenfalls eine Möglichkeit, Eltern weiszumachen, ihre Kinder verstünden die Relativitätstheorie, obwohl sie noch nicht einmal das kleine Einmaleins beherrschen.

Literatur an den Gymnasien ist obsolet geworden, Lesekompetenz reicht.

Mythen in Bezug auf Bildung gibt es mehr als genug, etwa dass Kinder Spaß am Lernen hätten, dass es Chancengleichheit gäbe, dass eine höhere Akademikerquote Arbeitsplätze schüfe ...

Nachzipf und Noten: probate Mittel, um Schüler zu Leistungen anzuspornen.

ORF: Hätte genauso wie die AHS einen Bildungsauftrag.

Privatschulen werden sich regen Zulaufs erfreuen, sobald die Gesamtschule flächendeckend eingeführt ist.

Quereinsteiger werden den in den kommenden Jahren zu erwartenden Mangel an ausgebildetem Lehrpersonal kompensieren, allen Versprechen, nur noch qualifizierte Lehrer auf die Schüler loszulassen, zum Trotz.

Religiöse Symbole sollten aus Klassenzimmern entfernt werden.

Auf dem Altar der Sprech- und Hörkompetenz opfert der gängige Fremdsprachenunterricht die Vermittlung von Inhalten und grammatikalischen Grundlagen.

Mehr Turnstunden wären zu befürworten.

In der Unterstufe der Wiener Gymnasien ist die Utopie der Gesamtschule bereits verwirklicht.

Die Volksschule sollte sich darauf beschränken, Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Hörspielproduktionen, allzu häufige Ausstellungs- und Theaterbesuche anstelle altmodischen Unterrichts befriedigen zwar die Ambitionen der Eltern, fördern aber den Analphabetismus.

Wissen ist in Verruf geraten, "skills" und Kompetenzen sollen es ersetzen.

Malcolm X nutzte seine Zeit im Gefängnis intensiv für das Studium. Er schrieb ganze Fremdwörterlexika ab und lernte sie auswendig.

Das Y-Chromosom prädestiniert seine Träger für technische Ausbildungen und Studien.

Die Zentralmatura wird das allgemeine Bildungsniveau weiter senken. (Karin Fleischanderl, DER STANDARD, Family, 30.8.2013)

Karin Fleischanderl, geboren 1960 in Steyr, Dolmetsch- und Romanistikstudium in Wien. Sie ist Übersetzerin und Literaturkritikerin, Herausgeberin (gem. mit G. Ernst) der Literaturzeitschrift "Kolik". Zuletzt erschienen: Verspieltes Italien. Essays zur italienischen Literatur (Sonderzahl 2012). 2005 Gründung der Leondinger Akademie für Literatur.

  • "Wer zwei Kinder hat und beide nicht studieren lässt, kann sich zwei BMW M3 leisten": Die Publizistin Karin Fleischanderl.
    foto: andy urban

    "Wer zwei Kinder hat und beide nicht studieren lässt, kann sich zwei BMW M3 leisten": Die Publizistin Karin Fleischanderl.

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