Einsamkeitsvirtuosen und Gruppenekstatiker

25. August 2013, 20:18
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Vielfalt der Besetzungen und Strömungen: Es gab zwar reichlich freie Improvisation. Selbige fand sich jedoch immer eingebunden in durchdachte, stilflexible Kompositionen

Saalfelden - Es sind nicht gerade Kilometer, die der Mann im weißen Sakko auf der Bühne zurücklegen muss. Zweifellos aber hat sich Trompeter Wadada Leo Smith als Interpret, Improvisator und Dirigent in Saalfelden ein jazzunübliches Bewegungspensum auferlegt: In verinnerlicht-gekrümmter Position absolviert er seine Instrumentalsoli zwischen rasender Linearität und prägnanten Schmerztönen. So es seine Komposition Ten Freedom Summers erfordert, wendet sich Smith jedoch vom Publikum ab, erteilt dem Kollektiv Anweisungen. Bei Bedarf wird mit einem Sprung ganzkörperlich die Umsetzung deftiger Akkorde eingefordert.

Besetzungsvielfalt

Smiths Komposition versöhnt diverse Jazztraditionen mit klassischer Moderne: Zur Rechten ist ein Streichquartett (plus Harfe) postiert, das wehklagende Flächen produziert und sich bisweilen auch in Einzeltöne zu verfangen scheint. Zu Smiths Linker wartet indes ein Klavier/Bass/Schlagzeug-Trio, den Jazzpart zu übernehmen, der freejazzige, also spontane Strukturbildung erfordert. Es kommt natürlich zur Interaktion zwischen den zwei Klangwelten. Smith, fleißig zwischen zwei Notenpulten pendelnd, nützt die Möglichkeiten dieser Konstellation aus, hinter deren Abstraktheit Geschichten über die Kämpfe und Errungenschaften der US-Bürgerrechtsbewegung schlummern. Da sind subtile Verdichtungen zu finden. Mitunter jedoch ist das Episodenhafte des in Ausschnitten präsentierten Werkes (an sich dauert es über fünf Stunden) einer eleganten Dramaturgie etwas im Wege.

Beim Jazzfest Saalfelden, das heuer mit Großformationen nicht geizt, ist natürlich reichlich Besetzungsvielfalt zu finden, weshalb man auch das Gegenteil von "Musikergedränge" erleben kann. Etwa bei Keyboarder John Medeski. Der an sich im Trio Medeski, Martin and Wood reüssierende Organist ist bekannt für jazzsoulige Hitze und deren Dekonstruktion. Auch bei Kooperationen mit Gitarrist John Scofield war es zu vernehmen. Hier jedoch wandelt der impulsive US-Amerikaner überraschend subtil auf einsamen Klaviersolopfaden: Ein sattsam bekanntes Stück wie Gershwins Summertime wird zur tiefschürfenden Rhapsodie, in der melodisches Material mit großer Geste durch den Fleischwolf des Freitonalen geschickt wird.

Medeski wird später etwas gefühlig in balladeske Regionen abdriften, sich dem romantischen Moment hingeben. Zwischendurch jedoch, so er einen konventionellen Blues mit rhythmischer Raffinesse ins Schräge dreht, leuchtet neuerlich eine gestalterische Intelligenz auf, der die souveräne Handhabe improvisatorischer Variationsmittel zur Verfügung steht. Durchaus spannend auch der heimische Klavierbeitrag: David Helbocks smarte Integration von disparaten Stil- und Klangelementen lässt einen munteren Mix aus Thelonious Monks Motivexzentrik, Lyrik, freiem Spiel und Elektronik entstehen.

Reichlich massige Klänge

Überhaupt war an den ersten beiden Festivaltagen in Saalfelden durchwegs hohes Niveau zu konstatieren: Der glänzende Gitarrist Marc Ducret gruppierte um sich elf Musiker, die rhythmische Vertracktheiten effektvoll mit massigen Bläsersounds überlagerten. Und Trompeter Franz Hautzinger versammelte mit Gitarrist Keiji Haino, Bassist Jamaaladeen Tacuma und Schlagzeuger Hamid Drake exzentrische Kapazitäten zu freiem Spiel, das ein oft funkiges Fundament besaß, jedoch charmant unberechenbar blieb. Besonders Keiji Haino sorgte mit gruftigem Gesang, Gitarrenattacken wie bisweilen extrem theatralischer Körpersprache für musikalische Querschläger im Rahmen einer Stilistik, die letztlich zu einer schwebend-kosmischen Soundästhetik tendierte.

Als wäre es der guten Musiknachrichten nicht genug, kamen auch solche der Politik hinzu: Die zur Eröffnung erschienene Salzburger Landespolitik (unter anderen Landeshauptmann Haslauer, Kulturlandesrat Schellhorn) versprach, für jene Rahmenbedingungen zu sorgen, die ein international renommiertes Festival benötigt, um ein solches auch zu bleiben.

Gut so. Schließlich bewegen sich im Jazz relevante Fehlbeträge zumeist in Bereichen, die man zwar auch bei Operninszenierungen diskutiert. Allerdings nur, wenn es um die Frage geht, ob man ein Bühnenmöbelstück unbedingt benötigt oder nicht ... (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 26.8.2013)

  • Eigenwilliger Zugang zur Improvisation war in Saalfelden häufig zu erleben. Der Gitarrist Keiji Haino bot in dieser Disziplin allerdings doch den markantesten Beitrag.
    foto: jazzfestival saalfelden

    Eigenwilliger Zugang zur Improvisation war in Saalfelden häufig zu erleben. Der Gitarrist Keiji Haino bot in dieser Disziplin allerdings doch den markantesten Beitrag.

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