Meeresversauerung bringt einige Tierklassen auf die Verliererstraße

25. August 2013, 19:14
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Fische kommen mit Veränderung besser zurecht als Weichtiere und Stachelhäuter - Forscher ziehen Vergleich mit früheren Perioden der Erdgeschichte

London - Die Ozeane der Erde nehmen gut ein Viertel der in die Atmosphäre ausgestoßenen Kohlendioxid-Emissionen auf. Was nach einem willkommenen Puffer gegen den Treibhauseffekt klingt, hat jedoch Folgen: Im Wasser löst sich das CO2 und lässt den pH-Wert des Wassers sinken, man spricht von der "Versauerung der Meere".

Expertenschätzungen zufolge wird der pH-Wert der Meere bis 2050 um etwa 0,26 Einheiten unter den vorindustriellen Wert sinken. Bis Ende des 21. Jahrhunderts ist ein Absinken um 0,4 bis 0,5 Einheiten denkbar - je nachdem, wie stark der Kohlendioxid-Ausstoß weltweit steigt.

Die Folgen für die Meeresfauna

Dieser Effekt hat Auswirkungen auf die marine Tierwelt - insbesondere Spezies, die einen Schutzmantel aus Kalk bilden, werden von einem geringeren pH-Wert in Mitleidenschaft gezogen. Wissenschafter des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven präsentierten nun in "Nature Climate Change" eine Meta-Studie, mit der sie die Auswirkungen der Versauerung auf verschiedene Tierklassen zu prognostizieren versuchten.

Astrid Wittmann und Hans-Otto Pörtner werteten 167 wissenschaftliche Studien aus, in denen insgesamt 153 Arten betrachtet worden waren. "Wir haben beispielsweise untersucht, ob sich der Stoffwechsel, das Wachstum, die Kalkbildung oder das Verhalten bei erhöhten Kohlendioxidkonzentrationen verändern", erläuterte Pörtner.

Empfindlichere und resistente Gruppen

Die Neuauswertung zeigte, dass bei wirbellosen Tieren vor allem Korallen, Weichtiere und Stachelhäuter - also beispielsweise Seesterne und Seeigel - unter der Versauerung leiden. Krebstiere hingegen scheinen mit einem verringerten pH-Wert besser zurechtzukommen. Ihre Empfindlichkeit könnte sich laut den Forschern jedoch erhöhen, wenn die Wassertemperaturen steigen.

Dass Fische von der Veränderung bislang ebenfalls relativ unbeeinträchtigt bleiben, überraschte das Team. Untersuchungen zufolge reagieren nämlich zumindest die Larven der Fische empfindlich auf die Versauerung. Pörtner dazu: "Nicht alle Effekte, die wir derzeit messen, sind möglicherweise langfristig für das Schicksal einer Art entscheidend."

Dass die verschiedenen Tiergruppen unterschiedlich auf die Versauerung reagieren, liege daran, dass sich ihre Körperfunktionen so grundlegend unterscheiden, schreiben die Wissenschafter. Fische könnten zum Beispiel sinkende pH-Werte in ihrem Blut wieder ausgleichen. Korallen hingegen fehlen die physiologischen Mechanismen, um erhöhte Kohlendioxid-Werte zu kompensieren.

Der Vergleich mit früher

Die Forscher verglichen ihre Daten anschließend mit dem Massenaussterben vor etwa 250 Millionen Jahren und dem Thermal-Maximum während des Eozäns vor etwa 55 Millionen Jahren. Während dieser beiden Perioden war die Kohlendioxid-Konzentration ebenfalls hoch und Korallen verschwanden drastisch, während die Fische sich gut anpassen konnten.

Insgesamt kommen die Forscher zu der - nicht wirklich überraschenden - Prognose, dass sich bei anhaltender Versauerung die Artenzusammensetzung der Meere langfristig verändern werde. Doch halten sie erste spürbare Veränderungen bereits bis zum Ende dieses Jahrhunderts für möglich. (APA/red, derStandard.at, 25. 8. 2013)

  • Schön, aber nicht auf der sicheren Seite: Der sieben bis acht Zentimeter langen Meeresschnecke Clione limacina bekommt die ozeanische Versauerung nicht.
    foto: m. boeer, awi

    Schön, aber nicht auf der sicheren Seite: Der sieben bis acht Zentimeter langen Meeresschnecke Clione limacina bekommt die ozeanische Versauerung nicht.

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