Die 68 Titel und der fleißige Organist

Porträt25. August 2013, 17:55
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Vor mehr als 25 Jahren fixierte Judith Draxler bereits Rekord im Kraulsprint. Sie hält ihn immer noch. Die Feldbacherin, die mit einem Chefredakteur verheiratet und nach Wien übersiedelt ist, blieb als Psychologin und als Personal Coach auf der "Erfolgswelle"

Wien - Das wissen die wenigsten, womit sich Herr Hermes für "Willkommen Österreich" qualifiziert hat. Schon, schon, via FM4. Vor allem aber hat Herr Hermes eine überaus witzige Performance hingelegt, als die steirische Schwimmerin Judith Draxler ihre Karriere zu beenden sich anschickte. Im Wiener Gasthaus "Vorstadt" wurden im September 2004 lustige Dias an die Wand geworfen und von Hermes kommentiert, der zunächst auf "100 Jahre Judith Draxler", dann auf "68 Jahre Judith Draxler" und schließlich auf "15 Jahre Judith Draxler" zurückblickte. Tatsächlich war Draxler 1989 bei der EM in Bonn erstmals international aufgetaucht, und bei der Kurzbahn-EM 2004 in der Wiener Stadthalle sollte sich der Kreis schließen.

Jedenfalls ist Feldbach, die Bezirkshauptstadt des politischen Bezirkes Südoststeiermark, von Judith Draxler auf die Sportlandkarte gebracht worden, auf der Zwiebacklandkarte war Feldbach vorher schon. Den TUS, den Turn- und Sportverein, hat es auch längst gegeben, Mitte der Achtzigerjahre hat er seine Schwimmsektion reanimiert, und also landeten die drei Draxler-Kinder in der Schwimmhalle. Ihrem jüngeren Bruder Michael war, wie Judith sagt, "das Wasser zu kalt", er hörte rasch wieder auf. Ihr älterer Bruder Alfons war talentiert und auf steirischer Landesebene auch erfolgreich, warf aber quasi das Handtuch, als er die Tischler-Lehre absolvierte. Judith, die erst mit 15 ernsthaft zu trainieren begonnen hatte, blieb dabei. Sie hatte auf Anhieb, in der ersten Saison, bei den Staatsmeisterschaften 1986 zwei zweite und zwei dritte Plätze geschafft.

Der Rekord

1987 schwamm Judith Draxler österreichischen Rekord über die 50 Meter Kraul, sie hält ihn bis heute, eine ganz kurze Unterbrechung gab es 1989, als Birgit Jus wenige Wochen lang flotter war. Bei der EM holte sich Draxler die Bestmarke zurück, im Lauf der Jahre hängte sie sich sozusagen selbst immer wieder ab, zuletzt am 13. Juli 2002 in Graz. Die 25,54 Sekunden von damals sind von keiner Österreicherin mehr unterboten worden - obwohl die Ära der superflotten Ganzkörperanzüge erst hernach begonnen (und inzwischen wieder geendet) hat. "Deshalb bin ich doppelt stolz", sagt Draxler, "dass der Rekord immer noch besteht."

Unterstufe in Gleisdorf, Matura am Borg Feldbach, Psychologiestudium in Graz. Draxler hat nicht nur Training, sondern auch Ausbildung vorangetrieben. Trainiert wurde sie zunächst vom legendären Gerd Schauschütz, später von ihrem Bruder Alfons. 1988 und 1992 - nach einem misslungenen Höhentrainingsexperiment - hatte sie Olympia noch verpasst, sie brachte es dennoch auf drei Teilnahmen (1996, 2000, 2004). Wobei 2004 in Athen neben anderen Journalisten auch Fritz Hutter zugesehen hat, der mittlerweile Chefredakteur des "Sportmagazins" und Draxlers Ehemann ist. Geheiratet haben sie 2005, neun Monate nach ihrem Rücktritt, das war Zufall, und 2006, neun Monate nach der Hochzeit, kam Johanna zur Welt, das war eher kein Zufall.

68 und das Goldene Verdienstzeichen

Judith Draxler-Hutter blickte und blickt auf eine schöne Karriere zurück. Dass Herrn Hermes im Gasthaus "Vorstadt" seinerzeit die Zahl 68 ausgekommen ist, war kein völliger Zufall, es handelt sich um die Menge ihrer gewonnenen Meistertitel. Auf internationaler Ebene hat sich der ganz große Erfolg, sprich eine Medaille, nicht eingestellt, WM- und EM-Finalplätze waren aber drinnen, ein fünfter Platz bei der Kurzbahn-WM 2002 in Moskau ragte leicht heraus. Letztes Highlight war der fünfte Platz bei der Kurzbahn-EM 2004 in der Wiener Stadthalle, am Ende bekam Draxler noch das Goldene Verdienstzeichen der Republik, und das unvermeidliche "I Am from Austria" erklang.

Das Moskauer WM-Finale 2002 ist übrigens skurrilerweise zweimal geschwommen worden. Draxler war zunächst als Siebente angekommen, sie hatte sich schon umgezogen und saß im Bus, der sie ins Hotel bringen sollte, als sie von der Neuaustragung erfuhr. Der Startsockel einer Gegnerin hatte gewackelt, der Protest der Gegnerin hatte Erfolg. Draxler hastete zurück in die Halle, wo man ihretwegen mit dem zweiten Start zuwartete. "In der Zwischenzeit", sagt sie, "hat ein Hammondorgelspieler eine Nummer nach der anderen gespielt." Letztlich konnte sich Draxler, die zwei Plätze gutmachte, beim wackelnden Startsockel und beim fleißigen Organisten bedanken.

Mit Judith Draxler sind Zeit ihrer Karriere und auch danach sehr viele Menschen sehr gut ausgekommen. Nicht nur deshalb würde sie wenig anders machen. "Vielleicht würde ich, wenn ich noch einmal die Wahl hätte, doch zum Bundesheer gehen." 1998, als die ersten Sportsoldatinnen einrückten, posierte Judith zwar in Uniform und mit Sturmgewehr. Dann wollte sie, da sie schon Magistra der Psychologie war, aber doch lieber auf den Doktortitel losgehen als in die Grundausbildung. "Auch weil ich nie gedacht hätte, dass ich noch sechs Jahre schwimmen würde." Auf den Doktortitel wartet sie noch, und vielleicht wartet er auch auf sie. "Ich hab mich bei meinem Professor nie offiziell abgemeldet."

Umgelegte Sportstrategien

Neben Fritz, dem Ehemann, und Johanna, der Tochter, ist aber bald auch recht viel Arbeit dazwischengekommen. Nach ihrem Rücktritt ist Draxler-Hutter nach Wien übersiedelt und auf der "Erfolgswelle" geblieben. So heißt ihre Firma. Die Sport- und Gesundheitspsychologin betreut Athleten und Trainer, zum Beispiel steht sie der Hürdensprinterin Beate Schrott und dem Leichtathletikverband zur Seite. Sie arbeitet aber auch als Personal Coach in der Wirtschaft, hält Vorträge, organisiert Seminare, legt Strategien aus dem Sport zur Anwendung im Geschäfts- und Privatleben um.

Ex-Schwimmerin, Psychologin, Coach - man könnte meinen, Judith Draxler ist prädestiniert dafür, zwischen Schwimmverband und Dinko Jukic zu vermitteln. "Bin ich nicht", sagt sie, "weil ich die Beteiligten zu gut kenne." Ein Außenstehender müsste vermitteln, und sie hofft, dass Peter Schröcksnadel der vermittelnde Außenstehende sein kann. Wenn sie ins Schwitzen kommen will, schnürt sie lieber die Laufschuhe. Der Donaukanal liegt fast vor der Tür. Auch dann sind weder 100 noch 68 ein Thema, aber 15 Kilometer Judith Draxler können sich schon ausgehen. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 26.8.2013)

  • Judith Draxler-Hutter blickte und blickt auf eine schöne Karriere zurück.
    foto: kucera

    Judith Draxler-Hutter blickte und blickt auf eine schöne Karriere zurück.

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