"Jetzt ist er tot und kann sich nicht mehr wehren"

Interview mit Video25. August 2013, 17:34
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Marc Pommer-Gutschy, Chef der orangen Nachwuchsorganisation, ist wegen Jörg Haider in die Politik gegangen - Nun müsse das BZÖ aber in die Zukunft schauen

STANDARD: Dass es das BZÖ nach dem 29. September noch gibt, ist unwahrscheinlich. Sind Sie als Chef der orangen Nachwuchsorganisation naiv oder optimistisch?

Pommer-Gutschy: Ich bin optimistisch-realistisch. Die Chancen stehen nicht gut, aber sie sind intakt. Ich gehe davon aus, dass wir fünf bis sechs Prozent erreichen.

STANDARD: Wieso ist das BZÖ für Sie die ideale Partei?

Pommer-Gutschy: Weil es eine junge Partei ist, trotzdem aber eine Geschichte hat, also von erfahrenen Personen profitieren kann, aber auch neue politische Talente in sich versammelt. Es macht uns aus, dass wir keine Abhängigkeiten haben.

STANDARD:  Ist Ihnen das wichtiger als die Themensetzung?

Pommer-Gutschy: Die ist auch wichtig, und da finde ich mich auch wieder. Aber gerade der freie Gestaltungs- und Spielraum, den das BZÖ lässt, schätze ich sehr.

STANDARD:  Als Sie 15 waren, hat sich das BZÖ von der FPÖ abgespaltet und sich das dritte Lager damit beinahe selbst zerstört. Hat Sie das Ereignis politisiert?

Pommer-Gutschy: Ja. Gerade als ich begonnen habe, mich für Politik zu interessieren, hat Jörg Haider die Partei gegründet. Und er war nun einmal ein faszinierender Politiker, eine politische Ausnahmegestalt. Das hat mich beeinflusst, dem BZÖ beizutreten.

STANDARD:  Warum nicht der FPÖ?

Pommer-Gutschy: Die FPÖ hatte und hat für mich etwas Abschreckendes, auch aufgrund diverser Figuren wie Heinz-Christian Strache. Dazu kommen die Themen: Das Beharren auf der Antiausländerpolitik ist für mich populistisch und unverständlich.

STANDARD: War Ihr Elternhaus politisch?

Pommer-Gutschy: Ja, mein Vater war langjähriger ÖVP-Gemeinderat. Das war sicher ein gewisser Abnabelungsprozess zu Hause und hat zu Diskussionen geführt. Mittlerweile ist er BZÖ-Mitglied.

STANDARD:  Die ÖVP wäre für Sie nicht infrage gekommen?

Pommer-Gutschy: Nein. Mich stört, dass sie versuchen, sich vor Wahlen immer neu zu erfinden. Sie predigen Steuersenkungen, stellen aber seit 25 Jahren den Finanzminister. Das ist unglaubwürdig. Letztendlich ist ein Parteiapparat zu behäbig, das würde mich zu sehr behindern.

STANDARD:  Sie sind Chef der Jugendorganisation. Jetzt ist das Interesse der Gesamtbevölkerung am BZÖ schon enden wollend. Wieso sollte sich die Jugend dafür begeistern?

Pommer-Gutschy: Das Spannende für Jugendliche an uns ist: Wenn sie zu uns stoßen, dann haben sie die Möglichkeit, direkt und schnell in der Parteihierarchie aufzusteigen. Jugendliche leiden generell an einer Politikerverdrossenheit. Das liegt am aktuellen politischen Personal. Werner Faymann etwa hat sein Leben lang nichts anderes gemacht als Parteipolitik. Das stumpft ab. Es frustriert die Jugendlichen zu sehen: Der hat sich zwar die Parteistrukturen hinaufgedient, aber mit Lebensrealitäten nicht viel zu tun.

STANDARD:  In den vergangenen Jahren sind über das System Haider viele unerfreuliche Dinge an die Öffentlichkeit gekommen: Freunderlwirtschaft, Geldströme zwischen staatsnahen Unternehmen und Parteien. Wirkt das denn einer Politikerverdrossenheit entgegen?

Pommer-Gutschy: Gerade Jörg Haider hat als Politiker Jugendliche angesprochen! Jetzt ist er tot und kann sich nicht mehr wehren. All die Details, die aufkommen und ihm vorgeworfen werden, kommen von Personen, die rechtskräftig verurteilt sind. Die versuchen, einen Schuldigen zu finden. Dass manches nicht unbedingt erfreulich gelaufen ist, mag schon sein.

STANDARD:  Zum Beispiel?

Pommer-Gutschy: Gewisse Personen, die in Haiders Umfeld groß geworden sind, sollte man schon mit Vorsicht genießen. Karl-Heinz Grasser etwa mit Sicherheit.


BZÖ-Jungpolitiker Marc Pommer-Gutschy nennt Erzherzog Johann als politisches Vorbild. Foto: Maria von Usslar

STANDARD:  Haider hat nichts falsch gemacht?

Pommer-Gutschy: Das kann ich nicht beurteilen. Aber man muss ihm zugestehen, dass er ein sehr, sehr großer Politiker der Zweiten Republik war, der viel verändert hat und geholfen hat, das rot-schwarze System aufzubrechen.

STANDARD: Das Aufkommen der Fälle in den vergangenen Jahren hat an Ihrem Politikverständnis nichts geändert?

Pommer-Gutschy: Nein. Haider stellt unsere Wurzeln dar. Aber wie wir es in unserem Namen haben, sollten wir in die Zukunft schauen. Haider hatte die Antworten in den 90ern und den frühen Nullerjahren, wir versuchen jetzt, eine neue Politik für ein neues Jahrzehnt zu machen.

STANDARD:  BZÖ-Chef Josef Bucher hat bei der Bundesliste versucht, sich von den Haiderianern zu entfernen. Wie sehen Sie das?

Pommer-Gutschy: Es war für mich etwas befremdlich, dass Bucher die gesamte Liste handverlesen allein entschieden hat. Da könnten wir von anderen Parteien lernen.

STANDARD:  Eine Erstellung wie etwa bei den Grünen?

Pommer-Gutschy: Ja, eine parteiinterne Abstimmung über Listenplätze fände ich gut. Aber Bucher wollte allein entscheiden, er wird damit hoffentlich erfolgreich sein.

STANDARD:  Hätten Sie Altgediente wie Stefan Petzner oder Ewald Stadler vorn gereiht?

Pommer-Gutschy: Die beiden wurden ja nicht abgesägt. Petzner hat einen aussichtsreichen Listenplatz in Kärnten, Stadler in Niederösterreich. Wenn das BZÖ ins Parlament kommt, sitzen sie wahrscheinlich drinnen.

STANDARD: Bucher will die Linie als rechtsliberale Partei festigen. Ist das auch die Linie der Jugendorganisation?

Pommer-Gutschy: Diese Stoßrichtung war immer unsere Intention: so viel Staat wie nötig, so wenig Staat wie möglich. Ich bin etwa der Meinung, dass die Geschäfte am Sonntag öffnen dürfen, wenn sie das wollen. Hier wurden im Fall Dayli Arbeitsplätze vernichtet, weil die Regierung das nicht zugelassen hat. Das muss man den Unternehmern überlassen. Wie kommt der Staat dazu, jemandem vorzuschreiben, wann er sein Geschäft aufsperrt und wann nicht?

STANDARD: Um Arbeitnehmer zu schützen?

Pommer-Gutschy: Natürlich braucht es einen gesetzlich festgeschriebenen hundertprozentigen Sonntagszuschlag für Arbeiter, aber dann sehe ich kein Problem.

STANDARD:  Was wollen Sie tun, wenn es das BZÖ nicht ins Parlament schafft?

Pommer-Gutschy: Ich denke jetzt einmal bis zum 29. September. Aber ich werde das Gleiche machen: Ich bin Gemeinderat, Student und fürsorglicher Familienvater. Der Mensch Pommer-Gutschy wird immer der Mensch Pommer-Gutschy bleiben. (Saskia Jungnikl, DER STANDARD, 26.8.2013)

Marc Pommer-Gutschy (22) ist Gründungsmitglied des steirischen BZÖ und steht auf dem 26. Listenplatz der Bundesliste. Der gebürtige Deutschlandsberger ist seit 2009 Bundesjugendobmann der GZÖ, der Generation Zukunft Österreich. Bei den Gemeinderatswahlen 2010 wurde das BZÖ in seiner Heimatgemeinde St. Peter im Sulmtal mit 18 Prozent zweitstärkste Kraft, seither sitzt er dort im Gemeinderat. Er ist seit September 2012 verheiratet und hat einen neun Monate alten Sohn. Pommer-Gutschy studiert an der Universität Graz Volkswirtschaftslehre.

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