"Der größte Zuhälter ist oft die Familie"

Interview25. August 2013, 18:23
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Die Debatte um Zuhälterei hält Christoph Lielacher, Chef eines großen Saunaklubs in Wien, für scheinheilig. Seine eigenen Kinder würde er dennoch nicht als Nachfolger akzeptieren

STANDARD: Was ist ein Zuhälter?

Lielacher: Jemand, der mehr als eine Frau auf den Strich schickt. Mich stört der Begriff "Rotlicht".

STANDARD: Was ist Ihr Problem?

Lielacher: Mit Rotlicht verbindet man Zuhälterei und verprügelte Frauen. Dagegen wehre ich mich. Wir sind nett zu den Mädchen. Wer gehen will, geht.

STANDARD: Wie beurteilen Sie Wiens neues Prostitutionsgesetz?

Lielacher: Es wird noch nicht wirklich exekutiert, aber im Prinzip ist es gut. Im Saunaklub zahlen die Männer und Damen Eintritt, die Dienste werden mit dem Kunden direkt verrechnet.

STANDARD: Die Frauen zahlen Ihnen also keine Provision?

Lielacher: Nein. Wir sind quasi nur die Schlichtungsstelle.

STANDARD: Kommt es oft vor, dass Kunden nicht zahlen wollen?

Lielacher: Etwa dreimal im Monat. Wir rufen die Polizei, das Mädchen kriegt ihr Geld immer.

STANDARD: Kann man heute noch viel Geld mit Sexarbeit verdienen?

Lielacher: Schwer.

STANDARD: Was hat sich verändert?

Lielacher: Der "Piccolo"-Nepp fällt weg. Bevor überhaupt etwas Erotisches passiert ist, war der Gast früher oft tausend Euro los.

STANDARD: Lohnt es sich überhaupt noch für die Frauen?

Lielacher: Wer sich vermarktet und einen Jagdinstinkt hat, verdient immer noch viel Geld.

STANDARD: Wie viele Kunden kann eine Frau am Tag erwarten?

Lielacher: Die Relation ist etwa drei Kunden pro Mädchen am Tag.

STANDARD: 60 Euro zahlt die Frau bei Ihnen Eintritt. Bleiben ihr also 120 Euro, die sie noch versteuern muss. Ist nicht besonders gut, oder?

Lielacher: Der durchschnittliche Gast geht zweimal pro Besuch auf ein Zimmer, viele buchen Extras. Es wird immer eine geben, die 1000 Euro am Tag macht, und eine, die mit 200 Euro nach Hause geht.

STANDARD: Kriegen Sie mit, ob illegale Prostitution zunimmt?

Lielacher: Wenn Sie Prostitution in einem bestimmten Bereich verbieten, verteilt sie sich überall.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das Sexgewerbe in Österreich?

Lielacher: Politisch hat es sich sicher zum Positiven gewandelt. So ein Unternehmen kann ein "Strizzi" nicht mehr führen. Die Leute müssen qualifizierter werden.

STANDARD: Mussten Sie viel umbauen, um bewilligt zu werden?

Lielacher: Wir mussten Kleinigkeiten nachbessern, obwohl wir alle Bescheide hatten. Es hat uns trotzdem rund 100.000 Euro gekostet.

STANDARD: Die Wiener Regierung wirbt damit, dass sich Prostituierte jetzt leichter selbstständig machen können. Sehen Sie diese Chance?

Lielacher: Es gibt Schutzgelderpressungen. Wenn ein Mäderl ein Studio aufmacht, glaube ich, dass sie Probleme kriegt. Ich würde es keiner empfehlen.

Standard: Was passiert mit den alten Gürtel-Strizzis?

Lielacher: Auf die Gefahr hin, dass morgen 20 vor der Tür stehen - sie haben keine Existenzberechtigung mehr.

STANDARD: Was halten Sie von der Idee eines Mega-Laufhauses?

Lielacher: Das ist eine absolute Utopie. Viele Leute können einfach nicht rechnen.

STANDARD: Wenn Sie eine Tochter hätten, wäre das ein Problem, wenn Sie in das Gewerbe einsteigt?

Lielacher: Natürlich. Absolut.

STANDARD: Wenn Ihre Söhne das Geschäft übernehmen wollen?

Lielacher: Ich würde es nicht akzeptieren.

STANDARD: Wieso nicht?

Lielacher: Jeder Vater möchte, dass sein Kind die möglichst beste Ausbildung und den möglichst besten Job bekommt. Jede andere Antwort wäre massiv gelogen.

STANDARD: Bekommen Sie mit, aus welchen Gründen die Frauen bei Ihnen hier arbeiten?

Lielacher: Der größte Zuhälter ist oft die Familie. Das ist eine Riesenscheinheiligkeit: Wenn die Tochter 3000 oder 4000 Euro im Monat nach Hause schickt, können die Eltern doch nicht glauben, dass sie das als Kellnerin verdient. Sie machen die Augen zu. Die Mädchen bauen ihnen Häuser und Existenzen auf.

STANDARD: Glauben Sie, dass Frauen den Job freiwillig machen?

Lielacher: Sie haben gerne Geld.

STANDARD: Hätte ein Flatrate-Puff in Österreich Chancen?

Lielacher: Meiner Auffassung nach ist es nicht rechtskonform. Ich halte es für unmenschlich.

STANDARD: Warum werben Sie dann mit einem Flatrate-Angebot?

Lielacher: Das ist eine Marketing-Aktion. Die Gäste bekommen ein Ticket, am nächsten Tag bekommen die Mädchen von mir das Geld dafür. Ist auch mit der Polizei so abgestimmt. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 26.8.2013)

Christoph Lielacher, Bruder des ehemaligen Börsengurus "Mike" Lielacher, führt seit 2008 den Wiener Saunaklub Funpalast. Zuvor war er Chef diverser Marketing- und Medienfirmen.

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