Das Asien-Zeitalter muss warten

Blog25. August 2013, 08:30
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Die Währungskrisen der Schwellenländer zeigen, dass die USA und Europa noch lange den Ton angeben werden

Man sollte nicht zu viel in eine kurzfristige Marktentwicklung hineinlesen. Aber die jüngsten Währungsturbulenzen in mehreren großen Schwellenländern – vor allem in Indien, Brasilien und der Türkei – sowie die Konjunkturabkühlung in China sind eine dramatische, vielleicht sogar historische Entwicklung.

Seit vielen Jahren sprechen Experten aller Art von einem Zeitenwechsel, von einem Ende der vom Westen geführten Weltwirtschaft (und in weiterer Folge auch Weltordnung). An seiner Stelle soll, je nachdem, eine asiatische Hegemonie oder eine multipolare Struktur kommen, in der Europa und die USA nur noch ein Spieler von vielen sind.

Nachdem China Japan 2010 als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt verdrängt hat, gewannen diese Prognosen an Fahrt. Schließlich sei es nur eine Frage von wenigen Jahren – manche sprachen bereits vom Jahr 2018 -, dass China auch die USA überholen würde.

Mehr als ein Einzelfall

Aber die Idee des asiatischen Zeitalters beruhte nicht auf China allein. Die Tatsache, dass auch Indien viel rascher wuchs als die westlichen Staaten machte aus dem Einzelfall China einen welthistorischen Megatrend.

Bis ungefähr 1880 waren China und Indien stets die größten Volkswirtschaften der Welt gewesen; nun würde dieser Normalzustand wieder hergestellt werden und die westliche ökonomische Vorherrschaft zu Ende gehen.

Nun ist es immer noch so gut wie sicher, dass China Bruttoinlandsprodukt das der USA übertreffen wird, wenn man die lokalen Preise nimmt. Schließlich leben in China viermal so viele Menschen. Aber das Bild von der unaufhaltsamen Verschiebung der Wirtschaftskraft nach Osten bzw. Süden hat zuletzt einige tiefe Kratzer abbekommen.

Billiges Auslandskapital

Es ist nicht nur, dass das Wachstum in fast allen Schwellenländern deutlich zurückgegangen ist und sie eine schwierigere Phase durchleben. Es hat sich gezeigt, dass einiges vom spektakulären Wachstum der vergangenen Jahre auf dem Zufluss von billigem Kapital aus dem Ausland basiert und nicht unbedingt nachhaltig ist.

Die Turbulenzen machen vor allem deutlich, dass wirtschaftlicher Erfolg immer auch von einer klugen Wirtschaftspolitik abhängt und nicht vom Schicksal vorbestimmt ist.

So kommt die sich rasant verschlechternden Daten aus Indien nicht überraschend: Das Land hat über Jahre wichtige Strukturreformen – Handel, Energie, Finanzen, Infrastruktur – verabsäumt und ist immer noch überreguliert, protektionistisch und zutiefst ineffizient. Auch in Brasilien – dem größten Hoffnungsland außerhalb Asiens – rächen sich nun zahlreiche Versäumnisse der an sich erfolgreichen sozialistischen Regierungen.

Und in der Türkei, wo Premier Tayyip Erdogan und seine AKP dank hoher Wachstumsraten schon größenwahnsinnige Tendenzen gezeigt hat, droht nun ein tiefer Fall: Das Land ist wegen seines riesigen Leistungsbilanzdefizits von ausländischem Kapital abhängig. Indem Erdogan nun die Banken und Investoren attackiert, weil er sie als Verbündete der Gezipark-Demonstranten sieht, schneidet er das Land von seiner finanziellen Lebensader ab.

Das größte Fragezeichen ist China

Das größte Fragezeichen ist China. Dort wurden weniger Fehler im Wirtschaftsmanagement gemacht als anderswo. Aber auch Chinas Wirtschaft stößt an seine Grenzen, wie es etwa Paul Krugman vor kurzem in seiner Kolumne aufgezeigt hat (und Krugman hat fast als einziger die Asienkrise vor 1997 vorausgesagt). Das Land muss sich umstellen, weg von exzessiver Export- und Kreditabhängigkeit hin zu einem ausbalancierten Wirtschaftsmodell mit etwas weniger Investitionen und mehr Konsum.

Das ist machbar. Aber Chinas Erfolg wird vor allem von der riesigen Korruption bedroht, für die nicht einzelne KP-Funktionäre wie der derzeit angeklagte Bo Xilai verantwortlich gemacht werden kann, sondern die Teil des gesamten Systems ist. Die Staatsunternehmen beherrschen die Wirtschaft, und dort regiert die Korruption – und oft auch eine erschreckende Ineffizienz.

Noch weit hinter dem Westen

Diese oft selbst gemachten Hindernisse stehen einem Anstieg der Produktivität im Wege, die in allen Schwellenländern immer noch weit hinter der des Westens liegt. Doch wenn die Produktivität nicht steigt, dann haben diese Länder auch keine Chance, bei Wirtschaftsleistung und Einkommensniveau gegenüber Westeuropa und der USA aufzuholen. Bisher haben das nur Südkorea und Singapur wirklich geschafft – dank jahre- und sogar jahrzehntelanger beeindruckend intelligenter Wirtschaftspolitik.

Wenn in Indien endlich die längst überfälligen Liberalisierungen beschlossen und durchgezogen werden; wenn China den Umstieg zu einer wissensgetriebenen Wirtschaft schafft, die nur in einem liberalen politischen Umfeld florieren kann; wenn Vietnam aus den Fesseln seiner Planwirtschaft ausbricht; wenn die Regierung Thailands ihre verrückte Politik des hoch subventionierten Reises aufgibt, der alle ihre Budgetmittel auffrisst, wenn Indonesien seine Kultur der Korruption überwindet – wenn all das passiert, dann werden wir wohl bald vom asiatischen Zeitalter sprechen können. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht hoch.

Auch Politiker in Europa und den USA machen gravierende Fehler, aber sie können es sich eher leisten. Die Schwächen der Politik in den Schwellenländern werden wohl dafür sorgen, dass der alte Westen noch lange Zeit vorne bleibt. Das Asien-Zeitalter muss warten Die Währungskrisen der Schwellenländer zeigen, dass die USA und Europa noch lange den Ton angeben werden. (derStandard.at, 25.8.2013)

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    foto: apa/epa/azubel
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