"Lebenslängliche Lektüre"

Interview23. August 2013, 20:31
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Literaturwissenschafterin Inka Mülder-Bach bringt mit ihrem neuen Buch über Robert Musil einen unentdeckten "Mann ohne Eigenschaften" zum Vorschein

STANDARD:  In Ihrer Einleitung erwähnen Sie das Schicksal, das Leser von Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" ereilt haben soll, und verweisen darauf, dass manche den Roman für "die perfekteste Foltermaschine" halten, "die ein Schriftsteller je für seine Leser ersonnen hat". Soll man sich dieser Gefahr überhaupt aussetzen?

Mülder-Bach: Die "Foltermaschine" ist eine Metapher der Musil-Forschung. Gemeint ist, dass der Roman Leser unentwegt auffordert, alles mit allem zu verbinden und alles von allem zu trennen, ohne diese Verbindungen und Trennungen selbst vorzunehmen. Ich sehe das anders. Die Bindungen und Lösungen werden vorgenommen, aber sie zeichnen sich nur ab, wenn man sich auf Musils außerordentliche Spracharbeit einlässt. Musil wollte die Seelen seiner Leser umfurchen, hat er einmal bemerkt, und es ist keine Frage, dass seine Sprache, wenn man sich auf sie einlässt, etwas mit einem anstellt. Man ist ständig in einem doppelten Register unterwegs, einem logisch-begrifflichen und einem bildhaft-imaginären. Wenn man in den Echoräumen des Romans wie in einem Wachtraum herumwandelt, beginnt sich die Struktur zu erschließen.

STANDARD:  Rühren die Leseschwierigkeiten des Romans nicht zuletzt daher, dass er kein erzählerisches Kontinuum besitzt?

Mülder-Bach: Der Roman weist keine Fabel im traditionellen Sinne auf. Er geht einen Weg und verfolgt dabei eine Methode, und darin besteht seine Handlung. Im ersten Band wird eine Analyse durchgeführt. Die Forschung hat verschiedene Vorschläge gemacht, diesen Band zu strukturieren. In der Regel orientiert man sich an thematischen Blöcken oder an der Figurenkonstellation. Die Folge der Kapitel und die jeweiligen Kontexte finden dabei kaum Berücksichtigung. Aber auch die Themen und Figuren werden im Prozess der Analyse entwickelt. Es ist eben nicht egal, ob etwas im 20. oder im 110. Kapitel steht.

STANDARD:  Sie bezeichnen den Roman als erratischen Solitär - "weithin sichtbar, das meiste überragend und doch unzugänglich und fremd". War das Musils Absicht, den Lesern die Zugänge zu seinem Roman zu verwehren?

Mülder-Bach: Musil wollte einen Publikumserfolg landen, und er hat seine Schreibweise dem Vorhaben angepasst. Das wird deutlich, wenn man den Roman mit früheren Texten vergleicht. Musils Verhältnis zur Gattung des Romans war von Ambivalenz geprägt. Wer Romane schreibt, bedient ein prosaisches Genre, das Musil verächtlich als "Wurstmaschine" bezeichnete, ein Genre, das alles und jedes verhackstücken kann. Er ging da einen für ihn problematischen Kompromiss ein. "Der Mann ohne Eigenschaften" ist von derselben obsessiven Spracharbeit gekennzeichnet, wie die Novellen es sind. Seine Prosa ist über weite Strecken ebenso dicht, aber zugleich greift der Roman in diskursiver Manier auf Totalität aus, und beides zusammen macht den Zugang so schwer. Aber es dürfte kaum seine Absicht gewesen sein, den Lesern den Zugang zu verwehren. Eher umgekehrt: Er wollte den Ausgang versperren, dass seine Leser nicht mehr entkommen und sich lebenslänglich der Lektüre widmen.

STANDARD:  "Österreich erlebte in besonderer Weise die Krise der europäischen Kultur (...) und die daraus sich ergebende Auflösung der künstlerischen Formen", schreibt Claudio Magris und nennt Musil den größten Dichter dieser Problematik. Ist "Der Mann ohne Eigenschaften" ein österreichischer Roman?

Mülder-Bach: Vielleicht ist es ein Roman, der danach fragt, was Österreich war oder ist beziehungsweise hätte sein können oder sein könnte. Schon in seiner Struktur spielt die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie eine zentrale Rolle. "An einem Sprachfehler zugrunde gegangen" - das ist kein Scherz. Musil zieht das grammatisch durch. Kakanien, der Staat, der sich selbst nur mitmacht, der keine zureichenden Gründe seiner Existenz hat, der wie ein torkelnder Radfahrer nicht mehr in die Pedale tritt, gewinnt bei ihm Modellcharakter. Musil wollte das versunkene Kakanien der Vorkriegszeit zum Spiegel der Moderne machen. Was die Sprache betrifft, so gibt es bei ihm Austriazismen, von denen einige affektiv stark besetzt sind. Aber er wollte ein Klassiker nicht nur der österreichischen, sondern der deutschsprachigen Literatur werden.

STANDARD:  Sie legen den Fokus auf die Form. Der Roman ist aber ein Torso und hat nicht die Form, die Musil ihm geben wollte ...

Mülder-Bach: Wenn ihm der Roman gelinge, werde er eine "Gestalt" sein, notierte Musil einmal. Der erste Band ist durchgearbeitet, hat einen erkennbaren Aufbau und nimmt eine bestimmte Entwicklung. Im unvollendeten zweiten Band verhält es sich anders, wir haben es zunehmend weniger mit einem Werk als mit einem Schreibprozess tun. An den veröffentlichten Kapiteln aber kann man einiges ablesen. Im Nachlass kann man sehen, dass Musil den Schreibprozess immer wieder auf einen bestimmten Punkt hin ausgerichtet hat. Das ist nicht nur motivisch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sondern dem entspricht auch ein bestimmtes Element in der narrativen Syntax.

STANDARD:  Dieses Hinschreiben auf ein nie erreichtes Ende nennen Sie konstitutiv für die Form des Romans. Bedeutet das, dass Sie das Fragmentarische als Form des Romans nehmen?

Mülder-Bach: Dieser Konflikt zwischen Finalisierung und Endlosigkeit scheint mir konstitutiv zu sein. Er tritt bereits in der Unfallszene des ersten Kapitels zutage. Dieser Fall ist ein Anfang, aber schon die Kapitelüberschrift legt nahe, ihn zugleich als Endfall zu lesen. Bei näherem Hinsehen stellt sich hier die Frage nach der Endlosigkeit. Weil der Roman finalisiert ist, könnte man sagen, kann Musil endlos an ihm weiterschreiben. Aus der Ausrichtung auf ein Ende kommt die Energie, die es ermöglicht, das Ende bis zum eigenen Tod aufzuschieben.

STANDARD:  Ihr Buch lädt Leser ein, den Roman neu zu entdecken. Wie geht das?

Mülder-Bach: Nehmen wir das sechste Kapitel "Leona oder eine perspektivische Verschiebung". Wir machen dort Bekanntschaft mit Leontine, Ulrichs erster Freundin, einer Varietésängerin, die von ihm in Leona umgetauft wird. Sie trägt ihre Lieder mit der "Stimme einer Hausfrau" vor und zeichnet sich im Übrigen durch zwei unzeitgemäße Eigenschaften aus: die altmodische Schönheit ihres Gesichts und die ungeheure Gefräßigkeit ihres ausgedehnten Körpers. Das Kapitel wird als Einführung in die sexuellen Dispositionen des Protagonisten gelesen. In ein anderes Licht rückt es, wenn man sich auf seine figurative Sprache einlässt. Leona ist das Musenmonster und das ihr gewidmete Kapitel ein atemberaubendes Beispiel Musil'scher Prosa, in dem Satire und Allegorie sich verschränken. Es ist eine Satire auf das Genre Roman. Und es ist eine Allegorie der Melancholie.

STANDARD:  Wie bewerten Sie die These, dass der Roman eine literarische Umsetzung der Heisenberg'schen Unschärferelation ist?

Mülder-Bach: Ich bin skeptisch gegenüber Vorschlägen, den Roman auf eine einzige Großtheorie abzubilden. Es wirken viele Theorien hinein. Für die Form und narrative Entwicklung spielt die Gestalttheorie eine Rolle, ebenso die Evolutionstheorie. Evolution bedeutet Ausdifferenzierung. Ich glaube, dass Musil diesen Prozess im zweiten Band umkehren will. Er versucht sich - und das ist ein ungeheures Experiment - an einem antievolutionären Narrativ. Es gibt auch die These, der Roman folge dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, dem Entropiesatz. Da stellt sich auch die Frage, wie sich Entropie narrativ und sprachlich manifestiert.

STANDARD: Ist Musil jene "Gesamtkonstruktion der Moderne" gelungen, die er anstrebte?

Mülder-Bach: Für mich ist Musils Roman in der deutschsprachigen Literatur nicht nur die umfassendste, sondern auch die am weitesten reichende Konstruktion der Moderne. Die Konstruktion reicht weit über die Lebensepoche des Autors hinaus. Eine Gesamtkonstruktion ist angesichts des zu Konstruierenden unmöglich, aber kein Roman arbeitet sich so an dieser Unmöglichkeit ab wie "Der Mann ohne Eigenschaften".   (Ruth Renée Reif, Album, DER STANDARD, 24./25.8.2013)

Inka Mülder-Bach, "Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften". € 35,90, Hanser-Verlag, München 2013

  • Inka Mülder-Bach ist Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist Autorin zahlreicher Schriften zur Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts.
    foto: katharina martl

    Inka Mülder-Bach ist Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist Autorin zahlreicher Schriften zur Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts.

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