Das Leben ist nur ein Roman

23. August 2013, 20:21
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Einer der letzten seiner Art: Enrique Vila-Matas' Roman "Dublinesk" ist eine Suchanzeige der literarischen Moderne

Er war vielleicht der letzte kunstsinnige Verleger. Der letzte, der noch selbst las. Er war vielleicht der Letzte seiner Art. Zumindest fühlt sich inzwischen Samuel Riba aus Barcelona so, zwei Jahre nachdem er seinen Verlag zugesperrt hat, teils, weil er sich jüngsten merkantilen Trends - Vampiren - verweigerte, teils, weil seine Bilanzkünste es nicht mehr aufnehmen konnten mit der wirtschaftlichen Lage seines kleinen Hauses, das es immerhin fast dreißig Jahre lang gegeben hatte. Und das aus einem fundamentalen Antrieb entstanden war: dem Lesen. Dem eigenen grenzenlosen Lesen.

Riba weiß nun nichts mehr mit seiner Zeit anzufangen, hat auch infolge eines Spitalaufenthalts dem Alkohol entsagt, surft den ganzen Tag im Internet. Und zieht Bilanz, traurige, bedrückende Bilanz: Denn keinen einzigen wahrhaft großen Autor hat er entdeckt und verlegt. Keinen Architekten oder Anarchisten, keinen radikalen Weltenschöpfer, keinen radikalen Weltzerstörer, keinen Joyce, keinen Beckett.

Davon träumt er und lässt trotz des postulierten "Todes des Autors" nicht davon ab. Dann treibt ihn eine Notlüge zu einer Reise nach Dublin an, obschon seine Traumstadt New York ist. Am Fluss Liffey vermischen sich dann endgültig Leben und Literatur, die wenigen eigenen Gedanken mit zahllosen Zitatenechos, die Tristesse des literarisch durchwobenen melierten Bewusstseins mit dunklen Träumen. Seine soeben zum Buddhismus konvertierte Frau verliert die Contenance, trennt sich von ihm, am Ende sitzt er in einem Schaukelstuhl in einem nahezu leeren Zimmer. Als sei Samuel Riba eine Figur des Dubliners Samuel Beckett. Oder als hätte Dublinesk Beckett geträumt. Oder sich und Enrique Vila-Matas.

Der 1948 geborene, in Barcelona lebende Vila-Matas hat immer schon Literaturpuzzles zu Papier gebracht: mit Doktor Passavento eine Hommage an Robert Walser, mit Die merkwürdigen Zufälle des Lebens einen Liebesroman zwischen Ultimaten, Spionen und Volten, mit Paris hat kein Ende eine Etüde über Werden und Sein eines Schriftstellers, Bartleby & Co. kreist um das Syndrom des Verstummens (auf 240 Seiten) und Risiken & Nebenwirkungen um die Obsession namens Schreibwut, die eine Lesewut ist. Nun steigert er seine Metafiktion, seine Hochliteratur-Literatur, ins letztmögliche Stadium, er skelettiert die Romanform radikal.

Weiter kann er dies nicht mehr treiben, ohne endgültig seiner Figuren auf den papierenen Seiten verlustig zu gehen. Schon hier passiert ihm, dem zauberischen Postmodernisten, dies hie und da, oder ist das auf die Übersetzung Petra Striens zurückzuführen, die hie und da leicht hölzern klingt?

Doch selbst noch am Ende, wenn sich die Einsamkeit um Riba ausbreitet, Nebel ihn umhüllt, selbst dann noch glaubt er, der Verleger-Leser, an seine Begeisterung über die Rückkehr des Autors. Schreibt Vila-Matas. Und gibt im letzten Satz zu bedenken: "Nun ja, wer weiß: Immer taucht doch plötzlich jemand auf, an den man nicht im Traum gedacht hätte."    (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 24./25.8.2013)

Enrique Vila-Matas, "Dublinesk". Aus dem Spanischen von Petra Strien. € 37 / 288 S. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013

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    foto: die andere bibliothek
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