Entführung aus dem Hangar 7

26. August 2013, 14:13
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Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" als Live-Event aus dem Hangar 7 am Montag um 20.15 Uhr auf Servus TV. Ein Probengespräch mit den Regisseuren Adrian Marthaler und Felix Breisach.

Salzburg – An sich mache es ja keinen Sinn, Fernsehübertragungen von Opern miteinander zu vergleichen; aber was da soeben als Koproduktion von Salzburger Festspielen und Servus TV im Hangar 7 in Salzburg in die Endprobenphase geht, sei schon viel spannender als TV-handelsübliche Opernware: "Wenn ich eine Oper mit einem Raum verheiraten kann, der an sich schon eine faszinierende Ausstrahlung hat, ist das halt viel schöner, als bloß eine Guckkastenbühne abzufilmen", sagt Adrian Marthaler, ehemaliger Programm- und Kulturchef beim Schweizer Fernsehen und Bruder von Theaterregisseur Christoph Marthaler. Gemeinsam mit Felix Breisach, der an die 60 Opern aus dem Zürcher Opernhaus übertragen hat, inszeniert Marthaler nun Die Entführung aus dem Serail als spektakulären Fernseh-Live-Event: in einem Raum, der für Opernaufführungen von der Akustik und Größe her eigentlich völlig ungeeignet ist.

"Aber das ist nebensächlich, weil wir alles über Mikrofonie machen", erklärt Breisach. "Für die Sänger ist das eine große Herausforderung. Sie sind irgendwo im Raum unterwegs. Und sie müssen für sich klären, für wen sie singen. Ob laut oder leise, ist unerheblich, weil wir das technisch regulieren können."

Eine Art Making-of

Hans Graf dirigiert im benachbarten Hangar 8 die Camerata Salzburg; die Sänger – Desirée Rancatore als Konstanze, Rebecca Nelsen als Zofe, Kurt Rydl als Osmin, Thomas Ebenstein als Pedrillo und Javier Camarena als Belmonte – wie auch das Publikum hören die Musik nur über Knopf im Ohr. Kein Blickkontakt zum Dirigenten. "Auch die Gäste im Hangar 7 sehen keine Oper, wenn sie nicht zufällig gerade dort stehen, wo eine Szene stattfindet. Es können ja nicht 600 Leute wie eine Traube dem Geschehen nachwandern. Das Publikum kann eine Art Making-of einer Fernsehproduktion beobachten. Die gesamte Oper ist nur im Fernsehen zu erleben."

Es ist nicht das erste Mal, dass Breisach und Marthaler eine Oper nach TV-Gesetzen inszenieren. Um Oper auch zu jenen Menschen zu bringen, die üblicherweise mit dieser Kunstform nichts am Hut haben, übertrugen sie 2008 im Auftrag der Zürcher Oper La Traviata live vom Züricher Bahnhof – mit der Auflage, den Reiseverkehr nicht zu stören. Das Ergebnis: Traumquoten, 34 Prozent Marktanteil. Damaliger Chef am Opernhaus Zürich war Alexander Pereira; wenig verwunderlich, dass er, nunmehr Intendant der Salzburger Festspiele, an diesen Erfolg anknüpfen wollte. Dieter Mateschitz wollte offenbar auch.

Ein Jahr Vorbereitung

Nun also Hangar 7 und 8, ein 200-köpfiges Team, Kostüme von Lena Hoschek, 16 Kameras, dar­unter eine Seilkamera, die 150 Meter hoch in den Lüften vom einen zum anderen Hangar fährt, 240 Lampen. Ein Jahr dauerten die Vorbereitungsarbeiten, mehrmals habe man den Raum besichtigt, für den Raum die passende Oper und für Raum und Oper ein überzeugendes Konzept gesucht. "Wir haben alles Türkische, Osmanische, Islamische weggelassen, das hat heute eine ganz andere Konnotation, mit der man nicht leichtfertig umgehen kann. Uns interessiert dieser Kontext auch gar nicht", sagt Marthaler.

Selim Bassa (Tobias Moretti) ist in dieser Entführung aus dem Hangar 7 also ein Modezar, "denn der ist in seinem Bereich ein absoluter Herrscher; man könnte fast sagen, er hat seine Arbeitssklavinnen und -sklaven um sich herum, das Modeimperium ist eine Art zeitgenössischer Harem. Gleichzeitig ist ein Modeimperium für Außenstehende Projektionsfläche für Extravaganz, Exotik, Leidenschaftlichkeit. Und das ist Teil des Faszinosums, das Konstanze verlockt, dem Werben Bassa Selims nachzugeben", sagt Marthaler.

Flugzeuge als Fetische

Mateschitzs im Hangar 7 ausgestellte Flugzeuge und Rennautos spielen auch eine Rolle: als Fetische und Sammelobjekte des spleenigen Modezaren. Und als Hintergrund für Fotoshootings. Fotografen und Models üben ihre Berufe übrigens auch im wirklichen Leben aus, in Schminkräumen wirken echte Hairstylisten. Nur die Näherinnen sind Tänzerinnen.

Es sei "Sudoku für Fortgeschrittene" (Breisach), die (Über-)Gänge, Kamera- und Musikeinsätze, die verschiedenen Schauplätze zu koordinieren. Ein 28 Meter langer Catwalk führt ins Freie, auf den Vorplatz zwischen Hangar 7 und 8. "Es wird", sagen Marthaler und Breisach, "am Montag sicher nicht regnen." Klingt wie eine ernst­zunehmende Regieanweisung ans Wetter. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 24./25.8.2013)

  • "Sudoku für Fortgeschrittene": Felix Breisach (links) und Adrian Marthaler inszenieren im Hangar 7 "Die Entführung aus dem Serail" live für Servus TV.
    foto: red bull content pool / andreas kolarik

    "Sudoku für Fortgeschrittene": Felix Breisach (links) und Adrian Marthaler inszenieren im Hangar 7 "Die Entführung aus dem Serail" live für Servus TV.

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