"Die Realität ist der Politik derzeit voraus"

Interview25. August 2013, 10:05
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Der Vordenker der britischen Konservativen, Philipp Blond, beklagt die Ratlosigkeit der Politik gegenüber der Zukunft

Mit Blond sprach Christoph Prantner.

Standard: In Europa laufen derzeit einige Wahlkämpfe. Ein wichtiger in Deutschland, ein weniger wichtiger in Österreich. Dabei sind Ideologie und programmatische Visionen Fehlanzeige. Politik scheint Verwaltung der Vergangenheit zu sein. Würden Sie dem zustimmen?

Blond: Ja, sehr sogar. In Ländern, die wenig unter der Krise gelitten haben wie Deutschland und Österreich, hat dieser Mangel an Innovation noch keinen Markteintritt der Politik ermöglicht. Im anderen Europa kann man sehen, dass das Versagen der Linken und der Rechten, eine adäquate Vision für unsere Zeiten vorzulegen, Wähler in den Extremismus treibt oder zu neuen Parteien, die eigentlich für gar nichts stehen wie die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. Das ist langfristig ein Rezept für grobe Probleme. Die orthodoxe Linke und die orthodoxe Rechte bieten im Grunde Versionen für ein und dasselbe an: Die Rechte verspricht Prosperität für die Massen, erreicht aber nur Wohlstand für jene an der Spitze der Gesellschaft. Das ist eine Wirtschaftspolitik, die Knechtschaft reproduziert und die Mittelklasse in die staatliche Alimentation treibt. Die Rechte ist auf ihre Art durch und durch marxistisch, weil sie ein neues Niveau an Proletarisierung und Abhängigkeit vom Staat erzeugt. Finanzmittel werden für unproduktive Wohlfahrt ausgegeben und nicht etwa für produktive Infrastruktur oder Bildung.

Standard: Das heißt für die Politik?

Blond: Die Realität ist der Politik derzeit voraus. Die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, können mit den Ideologien der Vergangenheit nicht angepackt werden. Dennoch operieren Politiker und Parteien mit diesen gescheiterten Ideen. Weil nichts im Angebot ist, kommt es zu politischer Entropie: Regierungsparteien wechseln mit jeder Wahl. Die erste Partei, die eine adäquate Analyse dieser Situation vorlegen kann, wird die Zukunft gewinnen.

Standard: Werden wir wieder vermehrt Revolutionen sehen?

Blond: Das hängt davon ab, wo man sich aufhält in Europa. Mittelfristig ist das Überleben des Euro sehr zweifelhaft. Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien haben keine echte ökonomische Zukunft unter den derzeitigen Voraussetzungen. Interne Deflation hilft nicht, denn sie schmälert auch die Nachfragekapazitäten der Wirtschaften dieser Länder und vergrößert so deren Schulden. Diesem Problem werden sie nicht entkommen. Deutschland und Österreich dagegen verstecken die politische Realität der Schuldenproblematik und den Umstand, dass es generationenübergreifende Anstrengungen und Milliarden über Milliarden an Transfers für den Süden bedürfen wird, um die Lage zu stabilisieren. Niemand dort ist willens, das den eigenen Wählern zu erklären. Es kommt also entweder zum Bruch bei den Gläubigern oder zum Bruch bei den Schuldnern. Aus meiner Sicht wird die südliche Peripherie Europas noch größeren sozialen Aufruhr erleben, der zu noch radikaleren Formen der Politik führen wird.

Standard: Wird die politische Führung in Deutschland und auch Österreich nach den Wahlen einräumen, dass wir uns de facto bereits in einer Transferunion befinden?

Blond: Wenn Frau Merkel gewinnt und sie der Ansicht ist, dass das ihre letzte Amtszeit sein soll, dann könnte sie den Mut dazu haben. Wir haben Ehrlichkeit aufseiten unserer politischer Führer bitter nötig, sonst gelangen wir nie zum Kern des Problems. Missverständnisse würden weiter regieren und unser Sozialkapital zerstören. Geht dieses Kapital, andere Regionen in Europa zu fördern, verloren, geht auch Europa verloren.

Standard: In Großbritannien – Stichwort das von Premier David Cameron angekündigte Referendum über den EU-Austritt – scheint Europa bereits verloren.

Blond: Dass die Tories die Wahlen gewinnen, ist sehr unwahrscheinlich. Zwei Gründe sprechen dagegen: Das Votum für die Rechten ist geteilt, UKIP (die rechtspopulistische United Kingdom Independence Party, Anm.) nimmt den Konservativen wichtige Stimmen ab. Zweitens haben die Konservativen und Cameron selbst ihre ursprüngliche Vision aufgegeben und sind auf den Thatcherismus der 1980er-Jahre umgeschwenkt. Damit wird man das Zentrum nicht gewinnen. Die Linke ihrerseits hat kein politisches Kapital daraus schlagen können. Was wir in Großbritannien sehen, ist ein Mikrokosmos dessen, was anderswo geschieht: Diejenige von zwei Großparteien wird gewinnen, die am wenigsten verliert, das ist angesichts der Herausforderungen nicht die beste Voraussetzung.

Standard: Und das Referendum?

Blond: Die Konservativen werden nicht gewinnen, es wird kein Referendum geben. Dennoch spricht Cameron das Richtige an. Europa zerstört sich mit dem Euro selbst. Heute ist es unmöglich, EU-Vollmitglied zu sein, ohne beim Euro zu sein. Das ist sehr gefährlich.

Standard: Je mehr Integration, desto mehr Desintegration in Europa?

Blond: Genau das ist der Punkt. Der Euro war als großes Vereinigungswerk gedacht, tatsächlich spaltet er aber Europa. (DER STANDARD, 24.8.2013)

Philipp Blond (47) ist Philosoph, Theologe und Gründer des Thinktanks ResPublica in London. Er gilt als "Red Tory" und erfand das "Big Society"-Konzept von Premier David Cameron. Blonds Stiefbruder ist der James-Bond-Darsteller Daniel Craig. Kommende Woche wird Blond beim Forum Alpbach sprechen.

  • Philip Blond hat für David Cameron einen kommunitaristischen Konservativismus (Big Society) ersonnen. Der spitzt auf Thatcher.
    foto: standard/urban

    Philip Blond hat für David Cameron einen kommunitaristischen Konservativismus (Big Society) ersonnen. Der spitzt auf Thatcher.

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