Was die "neuen Großeltern" ausmacht

23. August 2013, 17:34
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Die Großmütter und Großväter heute haben Facebook-Profile, eine enorme Kaufkraft - und viel Spaß mit ihren Enkeln

Noch nie gab es so viele fitte Omas und Opas wie heute. Sie sind jung (geblieben) und stehen, wenn auch nicht mitten im Berufsleben, so doch mitten im Leben. Viele sind sportlich aktiv, wandern, fahren Mountainbike oder machen Yoga. Auch ihre Kaufkraft ist enorm, nicht umsonst heißen sie für die Wirtschaft "Best Ager". Sie sind die erste Generation an Selbstoptimierern, die auch nach dem Erwerbsleben ein Motto hat: "Nützlich bleiben". Zudem sind sie weniger autoritär und entspannter als noch eine Generation davor. Ihren Erziehungsstil haben sie meist dem der heutigen Eltern angepasst. Nicht mehr befehlen, sondern verhandeln.

Und: Sie sind eine wichtige sozialpolitische Einrichtung, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren, besonders für berufstätige Mütter. Die Vorteile: Oma und Opa kosten nichts, haben keine Schließzeiten und sind flexibel. Klar ist es Einstellungssache und, wie gesagt, eine Frage der Fitness, wer heute mehr als Besuchsoma oder -opa sein will. Denn Kinder sind anstrengend. Da ist es von Vorteil, dass die vielen neuen Großeltern noch nie auf so wenige (Einzel-)Kinder aufpassen mussten. "Sunseeker" werden diese sonnigen Naturelle genannt, die Sachen unternehmen, die Spaß machen - nicht nur den Kids, sondern ihnen selbst auch: Segelkurse, Kino oder Streichelzoo, immer, ohne die Geduld zu verlieren. Die ganz Passionierten verlegen überhaupt ihren Wohnort, um den Enkeln nahe zu sein.

Großelternprogramm ist Kür

Studien belegen, was logisch ist: Aktive Großeltern sind ein guter Grund, Kinder zu kriegen. In Österreich gibt es immer noch zu wenige Kinderbetreuungsplätze. Auch deswegen ist ein Drittel der Großelternschaft regelmäßig für den Nachwuchs da. Dieser Wert stagniert, trotz erhöhten Bedarfs, schon seit Jahrzehnten, zum einen weil Familienmitglieder heute öfter durch große Entfernungen voneinander getrennt leben und zum anderen weil die Älteren länger berufstätig sind, weil das Antrittsalter für Pensionen steigt. Von der Politik wäre es kurzsichtig, sich in Sachen Kinderbetreuung mit Blick auf die Großelterngeneration weiter abzuputzen. Großelternprogramm sollte keine Pflichtübung sein, sondern Kür. Das entspräche dem Beziehungsmuster zwischen Enkeln und Großeltern viel besser.

Denn dass dieses Gespann ein gutes ist, ist unbestritten. Das bestätigen Studien, die erforscht haben, wie sehr Enkel von der Liebe ihrer Großeltern profitieren. Das klingt wenig überraschend und ist es auch nicht, im Detail sind die Ergebnisse dennoch interessant. Kinder verhalten sich sozialer, wenn Oma und Opa nahe sind, und sie engagieren sich stärker in der Schule. Beides wünschenswert. Und: Die großelterliche Zuwendung zahlt sich auch aus, durchschnittlich zehn Prozent der Pensionen fließt in den Nachwuchs des Nachwuchses.

Anti-Aging-Programm

Kinder lieben Beständigkeit, und Großeltern vermitteln sie: die eine Geburtstagstorte oder Lieblingsspeise, gemeinsame Theater- oder Fußballmatchbesuche. Aktivitäten, von denen auch Großeltern profitieren. Kinder machen stets neue Erfahrungen, Ältere nicht mehr. Enkel sind so gesehen auch ein Anti-Aging-Programm. Nicht selten bekommen heute Oma und Opa von den Kleinen eine Einschulung am Computer oder iPhone.

Natürlich ist das Verhältnis nicht immer friktionsfrei. Deshalb ist es wichtig, dass zwischen Eltern und Großeltern grobe Erziehungsmaßstäbe ausgehandelt werden. Besonders die Kindeseltern empfinden das Arrangement oft als Balanceakt, weil vieles, was sie kritisch am eigenen Elternhaus sahen und sehen, mit den eigenen Kindern wieder aufgewärmt wird. Der goldene Mittelweg läge hier in einem guten Nähe-Distanz-Verhältnis: Großeltern, die sich nicht komplett auf Enkel fixieren, aber doch da sind, wenn sie gebraucht werden. Ein intaktes Verhältnis ist wichtig, auch weil Großeltern so etwas wie das Gedächtnis von Familien sind. Großeltern wissen Geschichten über die Eltern, die Kinder nicht erfahren würden. Und beim Blättern in alten Alben lernen Enkel oft mehr als vonseiten der eigenen Familie. Nicht immer ist Google der ideale Erfahrungsschatz.

Urlaub von zuhause

Auch Erziehungspsychologen können dem Team viel Positives nachsagen. So ein Oma-Aufenthalt ist nämlich "Urlaub von zu Hause". Das bedeutet, dass die Alten mit ihrem Einsatz nebenbei auch die Eltern-Kind-Beziehung stärken. Und bei Großeltern bekommen Kinder ein Gefühl fürs Älterwerden. Die Tatsache, dass Alte immer älter werden, eröffnet Kindern und Großeltern eine lange gemeinsame Lebensphase. Immer mehr Enkel erleben die Demenz eines (Ur-)Großelternteils. Auch da hätten Kinder mit ihrer unverstellten Art eine optimale Brückenfunktion.

Großeltern sind nicht nur gefragt, wenn der Alltag glattgeht. Im Gegenteil: Sie sind Familienfeuerwehr, umso mehr im Einsatz, wenn es irgendwo brennt. Damit sind nicht nur Krankheitsfälle oder Auslandsreisen gemeint. Ein Schweizer Familienforscher hat herausgefunden, dass bei einer Scheidung Großeltern erste Ansprechpartner für die Kinder sind. Umso wichtiger, dass familiäre Bindungen weiter gut funktionieren. Die Realität sieht leider oft anders aus. Vielfach geht der Kontakt zu den Exschwiegereltern verloren und damit auch jener zwischen Enkeln und Großeltern. Das ist schade - und mitunter so traumatisch für Großeltern, dass sich in Deutschland bereits Selbsthilfegruppen formiert haben.

Sandwichposition

Aber auch in intakten Familien haben die Helden der eigenen Kindheit oft ein natürliches Ablaufdatum. Dann, wenn sich Enkel auf dem Weg in Richtung Pubertät befinden und die Freunde mehr Raum bekommen. Das bedeutet: Neue Wege beschreiten. Der Typus der neuen Großeltern tut sich damit vielleicht leichter. Denn je attraktiver gemeinsame Termine von Großeltern und ihren pubertierenden Enkel sind, umso besser ist dies für das Verhältnis. Forscher der Uni Gießen wissen auch: Je weniger autoritär Großeltern agieren, desto enger das Verhältnis zwischen Jung und Alt. Großeltern können weiter Basisstation für neue Entdeckungen bleiben, in Form von Segelkursen, Städtetrips oder Wanderungen. Und bei der steigenden Zahl von Einzelkindern wäre es eine Option, Freunde zu Opa und Oma mitzunehmen.

Die Knochenarbeit mit den kleinen oder großen Enkelkindern verrichten bei alldem mehrheitlich noch immer die Omas. Es sind die Großmütter, die in einem gewissen Lebensalter Gefahr laufen, in eine Art Sandwichposition zu geraten. Oft pflegen sie noch die eigenen Eltern und versorgen schon die Enkelkinder. Da bleibt wenig Spielraum. In der Schweiz macht ein Projekt auf dieses Unvereinbarkeitsproblem der 50- bis 65-Jährigen aufmerksam. Das Projekt "Großmütterrevolution" ist nicht nur Homepage, Plattform und Netzwerk, sondern auch Thinktank. Auf dem Großelternkongress 2012 war der volkswirtschaftliche, soziale und gesundheitliche Nutzen von Großeltern das Thema. Und weil Schweizer gerne rechnen, bekam dieser Einsatz auch eine Zahl: rund eine Milliarde Franken, so der Gegenwert, den Großeltern jährlich in der Schweiz mit über 92 Millionen Stunden Betreuung leisten.

Wie schon gesagt: Sie bekommen auch einiges zurück. Die Frage, die sicher für viele Großeltern mitschwingt, lautet: Was kann ich von mir weitergeben? Denn durch den Transfer von Wissen und Ressourcen entsteht so etwas wie eine symbolische Unsterblichkeit. Wer möchte nicht unsterblich sein? Die Ressourcen dieser neuen Großeltern sind jedenfalls groß: emotional und finanziell auch noch. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD, Family, 23.8.2013)

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"Sunseeker" werden diese sonnigen Großeltern-Naturelle genannt, die Sachen unternehmen, die Spaß machen, nicht nur den Kids, auch ihnen.

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