Judith Brandner: Warum steigt Japan aus der Atomenergie nicht aus?

25. August 2013, 17:00
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Seit Jahren frage ich mich, wieso ausgerechnet das Land, dessen Bevölkerung das Leid der Atombomben erfahren hat, Atomkraftwerke hat. Eine Analyse der Situation in Japan

Unlängst habe ich Kaya kennengelernt. Kaya ist fünfzehn, ihr zartes Gesicht von einem schwarzen Pagenkopf eingerahmt, püppchengleich. Sie hatte gerade die Mittelschule erfolgreich abgeschlossen und als Geschenk ein neues Handy bekommen, mit dem sie herumspielte, während wir uns unterhielten. Wir trafen uns in Matsumoto in den japanischen Alpen. Dort lebt sie mit ihrer Mutter seit ihrer Flucht aus Miharu in der Präfektur Fukushima, 45 Kilometer vom AKW entfernt, ein idyllischer Ort in idyllischer Landschaft, berühmt für seinen 1000 Jahre alten Kirschbaum. "Freiwillige Flüchtlinge" sind sie, keine Zwangsevakuierten, die Anrecht auf Entschädigung hätten.

Kaya erzählt, wie sie im Herbst 2011, mit einer Gruppe von Kindern aus Fukushima, nach Tokio aufgebrochen war, um mit den Bürokraten in Kasumigaseki zu sprechen. In einem Saal sitzen sie nebeneinander aufgereiht, tragen weiße, kurzärmelige Hemden und haben Ausweise um den Hals gehängt. Ihnen gegenüber sitzen die Kinder, Kaya in schwarz-weiß karierter Bluse, und wie Fürbitten tragen sie ihre Fragen vor: Warum habt ihr so viele Atomkraftwerke gebaut? Warum habt ihr nicht alle Kinder aus der Präfektur Fukushima weggebracht? Werde ich einmal ein gesundes Kind gebären, wie lange werde ich leben?!

Die Bürokraten machen verlegene Gesichter, tuscheln miteinander, einer trommelt nervös mit den Fingern auf den Tisch. Die Bürokraten wissen keine Antworten - sagen irgend etwas. Sie sei von ihnen so enttäuscht, sagt Kaya und blickt von ihrem Handy auf. Ob sie wütend sei, frage ich sie. Sie weine, wenn sie allein sei, sagt sie, seit zwei Jahren weine sie. Warum sperrt Japan die Atomkraftwerke nicht für immer zu, fragt sie mich, und auch ich habe keine Antwort. Vielleicht, weil die Radioaktivität, die beim Reaktorunfall entwichen ist, keine unmittelbaren gesundheitlichen Folgen hatte? Vielleicht, weil dank rechtzeitiger Evakuierungen zehntausender Menschen nach dem Super-GAU im AKW Fukushima kein erhöhtes Krebsrisiko besteht?

Wie es jedenfalls der Tenor des Ende Mai veröffentlichten Fukushima-Berichts von UNSCEAR ist, dem "Wissenschaftlichen Komitee der Vereinten Nationen für die Folgen von Strahlung". Im Oktober 2013 wird dieser Bericht der UN-Generalversammlung vorgelegt werden. Hierzulande hat er erstaunlich wenig mediale Beachtung gefunden, wurde am Rande erwähnt - knapp, kaum hinterfragend, die Ergebnisse rapportierend. Erstaunlich, wenn man sich an den medialen Hype vor zwei Jahren erinnert, in den Tagen und Wochen, als die dreifache Katastrophe in Japan geschah. Auffällig jetzt hämische Kommentare à la: Nun ist den linken Katastrophenszenarienbeschwörern der Stoff abhandengekommen! Oder auch Fazit aus rationaler Sicht: Pkw kann töten, AKW eher nicht.

Der UNSCEAR Bericht - auch wenn er dies nicht beabsichtigt - passt ins Bild: Japan rüstet für die Wiederinbetriebnahme aller seiner Atomkraftwerke, von denen derzeit nur zwei in Betrieb sind. In einem eben vorgelegten Weißpapier zur Energie fehlt jeder Hinweis auf Ausstieg aus der Atomenergie. Die japanische Atomaufsichtsbehörde (NRA) hat neue Sicherheitserfordernisse erarbeitet, es müssen z. B. noch höhere Tsunami-Schutzwälle gebaut werden, und Reaktoren, die auf seismischen Bruchlinien sitzen, dürfen nicht mehr in Betrieb genommen werden.

Japan ist, daran sei erinnert, ein Land mit tausenden Erdbeben pro Jahr. Spätestens im Herbst werden die stillgelegten Reaktoren wieder ans Netz gehen, das ist beschlossene Sache. Beschlossen von wem? Vordergründig von der Regierung Abe und seiner Liberaldemokratischen Partei, jener rechts-konservativen Vereinigung vorwiegend alter Männer, und deren Söhnen, Enkelkindern und Vettern, deren Politik Japan seit 1945 mit nur wenigen Unterbrechungen prägt. Hinter den Kulissen sind ganz andere Kräfte am Werk. Das genjimura zum Beispiel, wie die mächtige Atomlobby aus Politik, Industrie und Wissenschaft genannt wird. Mura ist das Dorf, genjimura eine eingeschworene Atom-Gemeinde.

Seit Jahren frage ich mich, wieso ausgerechnet das Land, dessen Bevölkerung das Leid der Atombomben erfahren hat, Atomkraftwerke hat. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. bzw. 9. August 1945 sind der letzte Akt im Pazifischen Krieg und der erste Schritt im Kalten Krieg. Solange Japan unter US-amerikanischer Besatzung ist, bis 1952, ist jene neuartige Waffe, die schwarzen Regen und ein zuvor nie da gewesenes Ausmaß der Zerstörung bringt, ein Tabu. Es herrscht Pressezensur, darf nicht darüber berichtet werden. Die Bevölkerung bleibt von den grauenhaften Bildern und dem Wissen um Gefahren und Risiken der Radioaktivität weitgehend verschont.

1953 kommt US-Präsident Eisenhower mit "Atoms For Peace". Die Idee von der "friedlichen Nutzung der Kernenergie" ist in der Welt und auch in Japan. Fortan lernen die JapanerInnen streng zu unterscheiden zwischen Atombomben (böse) und Atomenergie (gut), was sich bis in die Sprache hinein manifestiert. Vielen ist das gar nicht bewusst, sie werden stutzig, wenn man sie drauf aufmerksam macht. Dabei war genau dieser Widerspruch Identität stiftend: Japan als erstes Opfer der Atomwaffen ist Gegner der militärischen, aber Unterstützer der friedlichen Nutzung der Atomtechnologie.

1954 werden japanische Fischer Opfer radioaktiver Verseuchung durch die amerikanischen Wasserstoffbombentests auf den Bikini-Inseln. Kurz zuvor hat das japanische Parlament ein Budget für Atomreaktorforschung verabschiedet. 1969 geht der erste, von General Electric errichtete Reaktor ans Netz. Mittlerweile werden sie von Mitsubishi, Hitachi oder Toshiba gebaut.

Latente atomare Abschreckung

Wenn ich in Japan nachfrage, flüstern mir Bekannte ein offenes Geheimnis zu: Weil Japan Atomkraftwerke hat, ist es jederzeit in der Lage, Atombomben zu bauen. Neu ist, raunen sie, dass offen über Japan als potenzielle Atommacht gesprochen wird. Wie es z. B. Rechtsaußen Shintaro Ishihara, der frühere Tokioter LDP Bürgermeister, getan hat, der auch den Konflikt mit China um die Sengaku-Inseln angeheizt hat. Ist es eine Drohgebärde? Wie so oft finde ich eine Antwort bei den klugen Gedanken von Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe.

Oe, moralische Instanz seines Landes und an vorderster Front der Anti-AKW-Bewegung, analysiert in seiner Zeitungskolumne den Begriff der latenten atomaren Abschreckung und zitiert einen LDP-Abgeordneten: "Die Tatsache, dass Japan Atomkraftwerke hat, bedeutet eine latente atomare Abschreckung, denn dadurch lassen sich in kurzer Zeit Atomwaffen herstellen. Wenn man aus der Atomenergie aussteigt, bedeutet dies eine Abkehr vom Prinzip der latenten atomaren Abschreckung."

Wo sei die demokratische Legitimierung für diese Drohung, wann sei die Bevölkerung gefragt worden, schäumt Oe. Und präsentiert seiner Leserschaft gleich eine "Richtlinie für diplomatische Maßnahmen bezüglich Atomwaffen" des japanischen Außenministeriums aus 1969, in der davon die Rede ist, dass Japan das wirtschaftliche und technologische Potenzial habe, Atomwaffen zu produzieren. Ist es ein Zufall, dass im selben Jahr der erste Reaktor ans Netz ging, überlege ich.

Ich frage mich, weshalb die Stimme des brillanten Kenzaburo Oe von den Mächtigen so wenig gehört wird wie die Forderung einer satten Mehrheit der Bevölkerung nach einem Ausstieg aus der Atomenergie. Was hat die Schützenhilfe aus den USA zu bedeuten, die die Befürworter einer Fortführung der "friedlichen Nutzung der Kernenergie" erhalten? Wie jene Empfehlung des ehemaligen Vize-Außenministers Richard Armitage, Trustmanager des Center for Strategic and International Studies, der in einem Bericht über die amerikanisch-japanische Allianz und die Verankerung von Sicherheit in Asien schreibt: "Die Wiederaufnahme der Atomkrafterzeugung ist der richtige und verantwortungsvolle Weg für Japan."

Zynismus pur angesichts des neuerlichen Störfalls in Fukushima, den sogar Tepco als "ernsthaft" einstuft und zugeben muss, dass radioaktiv verseuchtes Wasser ausströmt und nicht zu stoppen ist und zu dem die japanische Atomaufsichtsbehörde eine internationale Warnung ausgibt. Ein Beweis mehr, dass die Lage im Inneren des havarierten Reaktors nicht in den Griff zu bekommen ist.

Wie kann ich das Kaya erklären, die alle ihre Freunde in Fukushima zurückgelassen, in Matsumoto noch keine neuen gefunden hat, die sich weder da noch dort zu Hause fühlt und deren Familie trotz aller Beruhigungsspillen von "oben" Angst hat vor radioaktiver Verseuchung?  (Judith Brandner, Album, DER STANDARD, 24./25.8.2013)

Judith Brandner, geboren 1963 in Salzburg, studierte unter anderem Japanologie und verbringt immer wieder längere Zeit in Japan. Sie ist mehrfach ausgezeichnete Radio- und Printjournalistin, Ö1-Moderatorin und Autorin. 2012 erschien im Picus-Verlag ihre Reportage "Japan. Außer Kontrolle und in Bewegung". Derzeit arbeitet sie mit dem japanischen Fotografen Katsuhiro Ichikawa an der Porträtserie "Fukushima - Lebensgeschichten und Bilder".

  • Artikelbild
    foto: reuters
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