Sehen und Verständnis säen

23. August 2013, 19:42
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Über wenig in der Welt herrscht so viel Einigkeit wie über die Uneinigkeit, was wirklich "Kunst" sei. Publikationen versuchen dem Abhilfe zu schaffen

"Wir alle wissen, dass Kunst nicht die Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können", deklamierte Picasso. Van Gogh meinte, "Kunst, das ist der Mensch". Beuys blieb gewohnt erratisch: "Das Kunstwerk ist das allergrößte Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung". Allzu pathetisch hingegen die hehre Sichtweise Johann Heinrich Füsslis aus dem 18. Jahrhundert: "Die Kunst ist die Dienerin der Natur, Genie und Talent sind ihre Gehilfen."

Der zweifellos komplexen Frage, was wann wo wie von wem als Kunst definiert wird und wurde, geht Sibylle Zambon in Kunst sehen und verstehen nach. Reich illustriert, gewährt der Guide der Zürcher Kunsthistorikerin einen Überblick über die "fünf Schubladen der Gattungsgeschichte". Trotzdem ihr Fokus in der Malerei liegt, streift sie verwandte Genres wie Architektur, Bildhauerei, Literatur etc. Von der Antike über Renaissance und Barock bis zum Manierismus und heutigen Strömungen erklärt sie Begrifflichkeiten und Merkmale klar verständlich. Anfängern, die sich nicht auf Termini wie Schönheit, Bauchgefühl oder Gefälligkeit verlassen wollen, nimmt Zambon die Angst, sich bei zeitgenössischer Kunst zu blamieren. Aber auch für Connaisseure sind ihre Rätsel und Frage-Antwort-Spiele durchaus amüsant. Mit der Mär, dass "Kunst von Können kommen müsse", räumt sie ebenso auf, wie sie erläutert, warum vor manchen Museen die Menschen Schlange stehen, mancher Künstler von Markt, Medien und Händlern gehypt wird, während andere unbeachtet bleiben.

Wer sein theoretisch neu erworbenes Wissen überprüfen möchte, dem sei das unbescheiden programmatisch Art Now! titulierte Kompendium zeitgenössischer Kunst ans Herz gelegt. Wer derzeit in der internationalen Kunst- und Galerienszene angesagt ist, welche Preise wer gewonnen, respektive welche Werte welche Werke am Markt erzielen dekuvriert die Aktualisierung dieses virtuosen Rundgangs durch den illustren Wanderzirkus, den der globalisierte Kunstmarkt darstellt. Als Guided Tour durch die weltweit wichtigsten Ausstellungsorte präsentiert Art Now!, welche Positionen sich im ersten Dezennium des jungen 21. Jahrhunderts verändert und welche weiterhin Bestand haben. Alphabetische Einträge zu über 100 Kunstschaffenden zeigen deren wichtigste Werke. Essays, Ausstellungschroniken und Bibliografisches ergänzen Kontakte, Adressen sowie Preise - separat gelistet.

Ein Special Feature widmet sich dem boomenden Markt Ostasiens, verrät, was die Kunstszene in Peking und Schanghai bewegt; spannungsgeladen die kunsthistorischen Entwicklungen in China, Japan und Korea nach dem Zweiten Weltkrieg - von traditioneller Kalligrafie zu Avantgarde und westlich determinierten Einflüssen. Ein Appendix der Hot Spots und der aktuellen Auktionsergebnisse rundet den Wegweiser perfekt ab. (Gregor Auenhammer, Album, DER STANDARD, 24./25.8.2013)

  • Sibylle Zambon, "Kunst sehen und verstehen". € 25,-/224 S., Styria-Premium 2013.
    foto: styria-premium

    Sibylle Zambon, "Kunst sehen und verstehen". € 25,-/224 S., Styria-Premium 2013.

  • H. W. Holzwarth (Hrsg.), "Art Now! Vol. 4" (Dt./E./Frz.). € 40,-/576 S., Taschen, 2013.
    foto: taschen

    H. W. Holzwarth (Hrsg.), "Art Now! Vol. 4" (Dt./E./Frz.). € 40,-/576 S., Taschen, 2013.

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