Wir präsentieren: Die Tabelle der politischen Stimmung

Blog26. August 2013, 12:37
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Ein Einstieg in die angewandte Umfrageanalyse und warum manche Titel weniger sexy sein sollten

Bisher war dieser Blog eher theoretischer Natur, doch in diesem Beitrag gehen wir erstmals auf die angewandte Umfrageanalyse ein. Deshalb dürfen wir die Tabelle der politischen Stimmung vorstellen, die wir auf wahlfang.at täglich neu berechnen. Ausgehend von einer Datenbank mit allen veröffentlichten Umfragen seit 1999 konnten wir Wahlumfragen mit historischen Wahlergebnissen systematisch vergleichen und somit wichtige Informationen über die Genauigkeit von Umfragen herausfinden.

Diese ermöglichen uns, die aktuellen Wahlumfragen zu synthetisieren und für jede Partei den wahrscheinlichsten Wert und dessen Schwankungsbreite zu berechnen. Das Ergebnis einer heute stattfindenden Wahl würde mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent im Intervall Mittelwert +/- Schwankungsbreite liegen. Für den Montag, 26. August sehen wir Folgendes:


Politische Stimmung am 26. August 2013

 ParteiMittelwertWahl 2008
SPÖ 27,5 ± 3,0 % 29,3 %
ÖVP 24,9 ± 3,0 % 26,0 %
FPÖ 19,3 ± 2,9 % 17,5 %
Grüne 14,5 ± 2,8 % 10,4 %
Stronach 7,9 ± 2,7 % -
BZÖ 2,5 ± 2,5 % 10,7 %

Ein Lesebeispiel: Wäre an diesem Montag gewählt worden, würden die Grünen zwischen 11,7 und 17,3 Prozent liegen, jedoch höchstwahrscheinlich circa 14,5 Prozent erreichen. Wir können somit die Entwicklung von Parteien anhand des Mittelwertes und der Schwankungsbreite verfolgen. Weiters können wir auch Parteien untereinander besser vergleichen: Die FPÖ würde jetzt auf 16,4 bis 22,2 Prozent kommen. Auch bei den aktuellen Umfragewerten hätten die Grünen also eine kleine, aber doch existierende Chance, den dritten Platz zu erreichen. Eine täglich aktualisierte Tabelle gibt es auf der Startseite dieses Blogs unter derStandard.at/Umfragencheck.

Mittelwert und Schwankungsbreite

Wie wir den Mittelwert und die Schwankungsbreite genau berechnen, wird in den kommenden Beiträgen erklärt. Für jene, die es nicht abwarten können: Wir lassen die Zeit, die Institute, die Größe der Stichproben und einiges mehr einfließen. Die Nagelprobe für unser Modell wird es aber erst am 29. September geben, wenn wir die von uns berechnete Stimmung am Wahltag mit dem Wahlergebnis vergleichen können. Mehr dazu aber in Kürze.

Kleinparteien und statistische Signifikanz

Das Thema der "kleinen" Parteien, die bundesweit antreten (Neos, Piraten und KPÖ), wurde von unseren Lesern oft angesprochen. Wir haben sie bisher nicht in unsere Tabelle aufgenommen, weil sie in sehr wenigen Umfragen explizit angeführt werden. Deshalb ist eine statistisch signifikante Aussage über sie nicht möglich. Das bedeutet nicht, dass sie keine Chance auf den Einzug in den Nationalrat haben. In einem der nächsten Beiträge werden wir uns ihnen explizit widmen.

Zum Abschluss noch ein kleiner Aufruf: Wir wollen uns nicht als mathematische Wahrsager positionieren, sondern zum Umdenken anregen. Während viele Leute eine Umfrage eins zu eins übernehmen, würden wir uns wünschen, dass die Information "SPÖ mit 28 Prozent voran" als "Die SPÖ erreicht mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit 24 bis 32 Prozent" angenommen wird. Das ist zwar weniger sexy, der Realität aber doch ein paar Schritte näher. (Laurent Millischer, derStandard.at, 26.8.2013)

Update um 15:25 Uhr: Nachdem einige User im Forum über die Schwankungsbreite des BZÖ diskutiert haben, folgt hier eine kurze Erklärung: Bei kleinen Mittelwerten ist die Wahrscheinlichkeitsverteilung asymmetrisch, das heißt, die Standardabweichung hat eine andere Bedeutung als bei Gausskurven und ist auch asymmetrisch. Beim BZÖ beträgt sie z. B. -2% bzw. +3%, wie man hier sehen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass das BZÖ negative Werte erreicht, ist selbstverständlich gleich null.


Laurent Millischer, geboren 1985 in Wien, hat Physik in Paris und Cambridge studiert und am CERN promoviert. Er ist Mitbegründer des Wahlumfragen-Statistikblogs wahlfang.at.

  • Die politische Stimmungslage auf derStandard.at/Umfragencheck
    foto: derstandard.at

    Die politische Stimmungslage auf derStandard.at/Umfragencheck

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