Firma flüchtet in Ferien heimlich nach Polen

22. August 2013, 14:45
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Ein italienischer Unternehmer übersiedelt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Polen. Mitarbeiter und Politik toben

"Lieber Arbeitnehmer, wir erwarten dich in Polen": So hieß eine Firma im norditalienischen Formigine einige ihrer 40 Mitarbeiter nach den Betriebsferien willkommen. Der Unternehmer Fabrizio Pedroni ließ während des traditionellen Ferragosto Maschinen und Bauteile seiner Heizelementefabrik Firem nach Polen übersiedeln. Die steigenden Steuern würden ihm keine andere Wahl lassen. Die Mitarbeiter kämpfen um ihre Gehälter, gemeinsam mit Gewerkschaft und Politik wollen sie ihn nun dazu überreden, wieder zurückzukommen.

Kampieren am Betriebsgelände

Bisher traut er sich aber nicht, weil ihm von aufgebrachten Betroffenen körperliche Gewalt angedroht worden sei. "Ihr seid eine Schande für Italien. Nun gebt uns unsere Löhne. Ihr habt 40 Familien ruiniert. Indem ihr euch wie Diebe davonschleicht, zeigt ihr, dass ihr keine Menschlichkeit habt, ihr Feiglinge", steht auf einem Plakat vor den Eingangstoren der Firma, wie ein Video der "Gazzetta di Modena" zeigt. Die Mitarbeiter kampieren seit eineinhalb Wochen auf dem Betriebsgelände, wo sie die Übersiedlung des letzten Lkws blockieren.

Er ist einer von vielen, die für den polnischen Ort Olawa in der Nähe von Warschau bestimmt waren, 1.300 Kilometer von Formigine entfernt. Die ersten Maschinen sollen dort schon im Probebetrieb laufen. Ein Zeichen, dass Pedroni, dem Firem zusammen mit seiner Schwester Sabrina gehört, nicht nur mit Abwanderung droht, sondern sie tatsächlich durchzieht. Die Nacht-und-Nebel-Aktion rechtfertigt er damit, dass die Mitarbeiter die Übersiedlung sonst verhindert hätten und damit den Fortbestand der Firma.

Italienisches Dilemma

Am Freitag bittet Formigines Bürgermeister Franco Richeldi nun einige Gewerkschafter, die Familie Pedroni und einige Regionalpolitiker zu einem zweiten Krisentreffen. Beim ersten gab es keinen Durchbruch, zudem ließen sich die Pedronis von ihrer Rechtsanwältin vertreten.

Bürgermeister Richeldi spricht sich laut der Zeitung "Unità" für Annäherung aus: "Der Fall ist ein Schaukasten, der den schlechten Zustand der Wirtschaft zeigt. Ich habe kein Problem mit der Freiheit des Arbeitgebers, aber er hat auch eine soziale Funktion. Die Familien können nicht von heute auf morgen auf die Straße gesetzt werden."

Zukunftsangst

Auch viele Regionalpolitiker wollen den einseitigen Schritt nicht hinnehmen. Man dürfe aber auch nicht ausklammern, dass Energiekosten, Bürokratie und Steuern "Hindernisse für jeden sind, der eine Firma führen will", wird einer davon in der "Unità" zitiert. Derweil hat auch die Staatsanwaltschaft von Modena eine Untersuchung eingeleitet.

Die Mitarbeiter bleiben laut der Zeitung jedenfalls kämpferisch: "Wir wollen nicht nur um uns kämpfen, sondern auch um zu verhindern, dass unsere Firma ein gefährlicher Vorbote für ganz Italien ist." (Hermann Sussitz, derStandard.at, 22.8.2013)

  • Neuer Einsatzort Polen, 1.300 Kilometer nordöstlich von Modena, hieß es für die Mitarbeiter des Heizkörperherstellers Firem nach den Ferien.
    foto: standard/hendrich

    Neuer Einsatzort Polen, 1.300 Kilometer nordöstlich von Modena, hieß es für die Mitarbeiter des Heizkörperherstellers Firem nach den Ferien.

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