Essen als Therapie

18. September 2013, 17:00
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Die Ernährung ist eine wichtige Säule bei der Behandlung von Stoffwechselerkrankungen und Krebs

Ob  Liebe durch den Magen geht, darüber lässt sich streiten. Sicher aber geht Gesundheit durch den Magen. Ernährung ist der wichtigste 'Umweltfaktor' für den menschlichen Organismus, auch weil sie beständig ein Leben lang auf ihn einwirkt. Welche Nahrungsmittel gesundheitsfördernd wirken, darüber entscheidet nach jüngsten Forschungsergebnissen die genetische Ausstattung eines Menschen. Die Vision der Wissenschaftler ist, das komplexe Zusammenspiel zwischen Nahrungsbestandteilen und Genen soweit zu entziffern, dass Stoffwechselstörungen diätetisch behandelt werden können.

Schon jetzt ist die Ernährung ein bedeutender Bestandteil von Therapien. Unter anderem spielt sie bei Erkrankungen wie Gicht, Diabetes oder auch Krebs eine große Rolle.

"Diabetes – gleichen welchen Typs – ist ein Paradebeispiel dafür, wie komplex das Zusammenspiel zwischen Genen, Ernährung und Bewegung sein kann", fasst ein Bericht des deutschen Ministeriums für Bildung und Forschung über Stoffwechselforschung zusammen. Der ungesunde Mix aus Übergewicht und wenig Bewegung gilt als häufigster Auslöser für die inzwischen weit verbreitete Form der Zuckerkrankheit.

Schwerer Brocken

"Erst der Lebenswandel führt zu einer andauernden Insulinresistenz", schreiben die Stoffwechselexperten. Denn Fettzellen bilden in großer Menge Hormone, die die Insulinwirkung hemmen. In Kombination mit körperlicher Betätigung, die die Insulin-Andockstellen an den Zellwänden wieder an den richtigen Platz rückt, ist die Ernährung eine effiziente Waffe gegen Typ-2-Diabetes.

"Risiko und Schwere der Erkrankung lassen sich trotz genetischer Veranlagung durch eine bewusste Ernährung beeinflussen", kann man weiter in dem deutschen Bericht lesen. Auch Studien am Deutschen Institut für Ernährungsforschung haben gezeigt, dass ein durch kohlenhydratreiche Ernährung bedingter Anstieg des Blutzuckerspiegels eine entscheidende Rolle bei der Diabetes-Entstehung spielt. Die Wissenschaftler raten zu Ballaststoffen aus Vollkornprodukten, denn sie verlangsamen den Anstieg des Blutzuckerspiegels und verbessern die Insulinwirkung. Damit liefern die Getreideprodukte einen signifikanten Beitrag zur Senkung des Typ2-Risikos.

Neben dieser relativ einfachen Regel bedeutet der ernährungsbasierte Kampf gegen den Typ-2-Diabetes generell eine Änderung des Lebensstils. Das ist ein schwerer Brocken für Betroffene, weiß Andrea Hofbauer, Präsidentin des Verbands der Diaetologen Österreichs. "Über Jahrzehnte lieb gewonnene Ernährungsweisen zu ändern, ist schwierig und verlangt Disziplin. Lebensgewohnheiten aufzugeben ist ein langer Prozess, die Änderungen kann man nur Schritt für Schritt vollziehen." Daher sei es bei der Erstellung eines Ernährungsplanes notwendig, auf die individuelle Situation der Diabetiker einzugehen, rät Hofbauer. "Die Diät sollte das Krankheitsbild und die Einnahme von Medikamenten ebenso berücksichtigen wie die berufliche und familiäre Situation des Patienten."

Schlüssel zum Erfolg

Auch die Gicht gilt als Stoffwechselerkrankung, bei der eine Kombination von Ernährungsgewohnheiten und genetischer Prädisposition aufeinander trifft. Früher galt das "Zipperlein" als Krankheit der Reichen, die sich allzu üppig ernährten. Auch die heutige Forschung bescheinigt dem Lebensstil einen gravierenden Anteil an den schmerzhaften Gelenksentzündungen. Fleisch- und Wurstwaren, aber auch Hülsenfrüchte und Bier enthalten Purine, die der menschliche Körper zu Harnsäure abbaut. In einem gesunden Körper ist der Harnsäurespiegel im Blut auf einem stabilen und für die Gelenke verträglichen Niveau. Das Gleichgewicht zwischen Aufnahme und Ausscheidung der Harnsäure ist bei Gichtpatienten gestört. Bringen purinreiche Lebensmittel die Harnsäure im Blut über ein gewisses Niveau, dann bilden sich Kristalle. Diese sorgen in Gelenken für schmerzhafte Entzündungen.

"Eine Modifikation der Ernährungsgewohnheiten kann bei Gicht viel bringen", erklärt Andrea Hofbauer. "Bei den meisten Betroffenen zeigt die Anamnese, dass der Wurst- und Fleischkonsum viel zu hoch ist, meist spielt Übergewicht eine Rolle." Auch hier liege der Schlüssel zum Erfolg in langsamer Gewichtsreduktion und Ernährungsumstellung. Fastenkuren können laut Hofbauer die Harnsäureproduktion vorübergehend sogar verstärken.

Ausgewogene, gesunde Ernährung gilt bei Stoffwechselerkrankungen wie im onkologischen Bereich, als gemeinsamer Nenner. "Das sind evidenzbasierte Empfehlungen, von denen wir ausgehen und die individuelle Situation betrachten. In Zukunft werden auch genetische Profile die Ernährungsberatung noch mehr maßschneidern", sagt Hofbauer.

Körper stärken

Anders als im Stoffwechselbereich haben Diäten bei Krebserkrankungen jedoch nicht die Gewichtsreduktion zum Ziel. In der onkolgischen Diaetologie geht es vor allem darum, Mangel- oder Unterernährung, die unerwünschte Begleiter von Chemo- oder Strahltherapie und der Erkrankung sind, zu vermeiden und den Körper zu stärken. "Die Ernährung ist eine wichtige Säule der Therapie, ihr Stellenwert in der Behandlung hat sich in den vergangenen zehn Jahren extrem gesteigert", sagt Christine Pall, die sich an der Innsbrucker Universitätsklinik die erste Vollzeitstelle als onkologische Diaetologin erkämpft hat.

Onkologischen Patienten wird ein Fettanteil von bis zu 50 Prozent empfohlen, auch weil Fett von der Tumorzelle nicht direkt verwertet werden kann und dem Menschen unmittelbar zugute kommt. Ein Eiweißanteil von 1-2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht soll verhindern, dass Muskelmasse abgebaut wird.  Appetitlosigkeit, Schluckbeschwerden oder geschmackliche Veränderungen erschweren es zudem vielen Patienten ausreichend zu essen. Auch bei Krebsarten im Mund-, Speiseröhren- oder Magenbereich kann es schwierig werden, wichtige Nährstoffe aufzunehmen. Die Ernährungsmedizin steuert mit hochkalorischen Nahrungsergänzungen oder künstlicher Ernährung dagegen.

Vor Krebsdiäten wie der Saftkur nach Breuss kann Pall nur warnen: „Den Krebs kann man nicht aushungern und es gibt leider noch keine Diät, die Krebs heilen kann. Aber mit Ernährung kann man viel machen, um eine Linderung der Beschwerden zu erreichen." (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 18.9.2013)

  • So kärglich fallen Diäten als Behandlungsmaßnahme in aller Regel nicht aus.
    foto: apa/georg hochmuth

    So kärglich fallen Diäten als Behandlungsmaßnahme in aller Regel nicht aus.

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