"Like Someone in Love": Identitäten puzzeln in Tokios Neonlicht

21. August 2013, 17:49
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Seinen jüngsten Film hat der iranische Regisseur Abbas Kiarostami in Japan gedreht. "Like Someone in Love" ist ein Spiel mit Perspektiven: Handelnde Figuren und ihr Verhältnis zueinander sind nie gänzlich fixiert

Wien - Die erste Einstellung schafft keine Übersicht, sondern verwirrt den Betrachter zunächst einmal. Ein Telefongespräch ist im Gange. "Ich lüge dich nicht an", hört man eine Frauenstimme energisch sagen - aber wer da spricht, das ist nicht zu erkennen. Die Kamera nimmt das Innere einer Bar ins Bild, mehrere Personen sitzen an Tischen, keiner von ihnen kommt als Subjekt infrage. Abbas Kiarostami beginnt seinen Film Like Someone in Love mithin wie ein Suchbild. Er steigt einfach ein in eine Realität und lässt uns Zuschauer selbst die Puzzlestücke zusammentragen.

Es handelt sich um den zweiten Spielfilm, den der renommierte iranische Regisseur (Quer durch den Olivenhain, Der Geschmack der Kirsche) nicht in seinem Heimatland realisiert hat. Mit Copie conforme (Die Liebesfälscher) hat er 2010 eine Arbeit um ein Paar gedreht, das in der Toskana von einer ersten Begegnung schnurstracks in einen Tonfall lang gewachsener Vertrautheit wechselt.

War dieser Film ein Pastiche einer bestimmten Tradition des europäischen Autorenfilms, so wechselt er mit Like Someone in Love nun nach Japan, in ein Land, dessen Zeichensystem als besonders schwer dechiffrierbar gilt.

Tokio im Neonlicht

Kiarostami entwirft darin eine fragmentarische Erzählung um eine junge Frau, die sich neben ihrem Studium als Escort-Dame verdingt. Vergleichbare Dramen um weibliche Figuren in Abhängigkeitsverhältnissen sind im japanischen Kino nicht ohne Vorbilder; doch der Regisseur blickt aus einer gewissen Distanz auf seine Heldin, die erzählerischen Zusammenhänge deutet er nur an.

Eine längere Fahrt im Taxi durch ein durch Neonschilder beleuchtetes, utopisch wirkendes Tokio steht paradigmatisch für Kiarostamis raffinierten Stil. Aus Wahrnehmungsbildern heraus erschließt er die inneren Dynamiken seiner Figuren. Akiko (Rin Takanashi) hört im Taxi ihre Mailbox ab, auf der sich mehrere Nachrichten ihrer Großmutter stapeln, die sie am Bahnhof nicht getroffen hat. Die auf den Fenstern des Wagens reflektierenden Bilder der Stadt verschmelzen mit dem Gesicht der jungen Frau, über das sich ein Ausdruck von Wehmut legt - es ist eine der schönsten Autoszenen im Werk von Abbas Kiarostami, ein Markenzeichen des Regisseurs.

Ein zentrales Thema des Films, die Entkoppelung von Herkunft und urbaner Identität, wird hier auf beiläufige Weise angerissen. Geschärft wird diese Auseinandersetzung noch durch das Zusammentreffen Akikos mit ihrem Freier, dem alten, freundlichen Professor Wakanabe - so hieß auch der todkranke Protagonist aus Akira Kurosawas Klassiker Einmal wirklich leben.

Er sieht wie ein gutmütiger Opa aus einem Animationsfilm von Hayao Miyazaki aus und ist dann auch nicht an Sex, sondern an langen Konversationen interessiert, während Ella Fitzgerald die Titelnummer des Films haucht. Kiarostami scheint in Like Someone in Love bewusst mit archetypischen Figuren zu arbeiten, die allerdings nie nur eine Seite an sich haben. Wakanabe, Akiko und ihr eifersüchtiger Freund, mit dem sie schon in der ersten Szene telefoniert, werden in den Augen des bzw. der anderen schnell für jemand anderen gehalten.

Identität und Perspektive

Doch es geht weniger darum, aus dem Spiel mit Identitäten eine dramatische Handlung zu entwickeln, als darum, dieses Spiel immer weiter zu treiben. Wer jemand ist, bestimmt die Perspektive - wie auf dem Gemälde, das in Watanabes Wohnung hängt und das auch Akiko aus ihrer Kindheit kennt: Die darauf porträtierte Frau hätten so viele für sie gehalten, bis Akiko dies auch selbst geglaubt hat.

Like Someone in Love endet ähnlich abrupt, wie er begonnen hat. Man kann das als Zeichen für einen unfertigen Film sehen. Man kann es aber auch als Ausdruck einer Befremdung sehen, die Kiarostami um keinen Preis ausräumen wollte - nicht ohne Grund gibt es darin so viele Bilder, die andere reflektieren. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 22.8.2013)

Ab Freitag im Kino

  • Autoszenen sind ein Markenzeichen für die Filme von Abbas Kiarostami. Diese aus "Like Someone in Love", dem neuesten Spielfilm des iranischen Regisseurs, zählt zu den schönsten in seinem Werk.
    foto: thimfilm

    Autoszenen sind ein Markenzeichen für die Filme von Abbas Kiarostami. Diese aus "Like Someone in Love", dem neuesten Spielfilm des iranischen Regisseurs, zählt zu den schönsten in seinem Werk.

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