Private Vorsorge: Einmal erste Klasse, bitte!

23. September 2013, 16:55
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Jeder dritte Österreicher sorgt vor: 2,9 Millionen Menschen sind zusatzversichert. Was sich die Versicherten davon erhoffen

Keine Wartezeiten bei OPs, ein komfortables Einzelzimmer im Spital, bezahlte Wellnessaufenthalte und Honorare für Ganzheitsmedizin. Die Verheißungen der Versicherer im Bereich der Gesundheitsvorsorge klingen verlockend. Kein Wunder, dass 35 Prozent der Österreicher eine private Zusatzkrankenversicherung abgeschlossen haben.

Eine Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2011 zeigt, was die Versicherten dazu antreibt: 36 Prozent der Befragten erhoffen sich durch eine Zusatzkrankenversicherung als Vorteil eine bessere medizinische Versorgung, 17 Prozent eine bessere Betreuung und Pflege und zehn Prozent kürzere Wartezeiten auf Behandlungen. Alles Leistungen, die man sich mit einer privaten Krankenversicherung aber gar nicht kaufen kann, kritisiert der Verein für Konsumenteninformation (VKI).

Kein Unterschied in Versorgung erlaubt

Tatsächlich muss die medizinische Versorgung für alle Patienten gleich sein, der Unterschied darf sich lediglich auf die Unterbringung im Krankenhaus (Ein- oder Zweibettzimmer), auf die freie Arztwahl und auf zusätzliche Leistungen wie alternative Heilmethoden beschränken, so der VKI. Nur ein kleinerer Teil der Befragten hat also Motive, die man sich wirklich erkaufen kann: 13 Prozent erhoffen sich mehr Komfort durch eine Zusatzkrankenversicherung und fünf Prozent freie Arztwahl. 20 Prozent der Befragten machen sich hingegen Gedanken über einen möglichen Ausfall der gesetzlichen Krankenkasse.

Für Wirbel sorgten 2011 Tests des VKI, die zeigten, dass Privatpatienten aber dennoch raschere Operationstermine bekamen. Die Ärztekammer wies die Vorwürfe zurück. Bei den getesteten Operationen (Grauer Star, Hüft- oder Kniegelenksoperationen) habe keine Gefahr für Gesundheit und Leben bestanden, so Harald Mayer, Bundesobmann der angestellten Ärzte der Österreichischen Ärztekammer. Akutfälle würden laut Ärztekammer ohnedies immer vorgereiht. Die Kritik hatte aber ein Nachspiel: Seit Herbst 2012 sind Krankenhäuser gesetzlich zu transparenten Wartelisten für Operationen verpflichtet.

Lukratives Geschäft mit den Privatpatienten

Ganze 24 Prozent der Gesundheitsausgaben werden laut Statistik Austria (System of Health Accounts) in Österreich von privater Hand bezahlt. Die privaten Versicherer finanzieren fünf Prozent der gesamten laufenden Gesundheitsausgaben.

Insgesamt 1,8 Milliarden Euro Prämie gaben die Österreicher 2012 für private Krankenversicherungen aus, 1,1 Milliarden Euro kamen von den Versicherungsunternehmen als Leistung wieder retour. Den Löwenanteil davon erhalten die Krankenhäuser: 2012 waren 70 Prozent Ersatzleistungen für Krankenhauskosten, neun Prozent Spitalsgeld und lediglich sieben Prozent Arztleistungen, so die Zahlen des VVO (Versicherungsverband Österreich).

Ärztekammer sieht Zusatzversicherungen positiv

Der VVO sieht Privatpatienten folglich als eine nicht mehr wegzudenkende massive Stütze für das österreichische Gesundheitssystem. Diese würden in Privatspitälern einerseits öffentliche Spitäler entlasten. Andererseits wäre das Abwandern von Privatpatienten in Privatspitäler natürlich auch mit Mindereinnahmen für die öffentlichen Spitäler verbunden. „Mehr Einnahmen durch Zusatzversicherungen bedeuten mehr Qualität und Kapazität und damit auch kürzere Wartezeiten", heißt es auch von Seiten der Ärztekammer.

In Medienaussagen bezifferte Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely den Anteil der Privatpatienten in öffentlichen Spitälern für 2012 mit fünf Prozent. Dieser solle künftig auf elf Prozent gesteigert werden, was 60 Millionen Euro Mehreinnahmen bedeuten würde. Derzeit seien es alleine in Wien rund 30 Millionen Euro an Einnahmen für den Krankenanstaltenverbund. Der Anteil der Sonderklasse-Betten in öffentlichen Krankenhäusern darf laut VVO übrigens 25 Prozent nicht überschreiten.

Zweiklassenmedizin?

Doch welche Auswirkungen haben private Zusatzversicherungen? Müssen Kassenpatienten nun eine schlechtere Grundversorgung in Kauf nehmen? Die Ärztekammer wehrt sich jedenfalls gegen Vorwürfe der Zweiklassenmedizin. Die Grundversorgung werde durch Zusatzversicherungen definitiv nicht schlechter, heißt es auf Anfrage von derStandard.at. Behandelt werde nach medizinischen Standards und nicht nach dem Umfang der Geldbörse. Es gebe keine Qualitätsunterschiede bei der Behandlung von Privatversicherten und Kassenpatienten, Privatversicherten würden lediglich die „Hotelkomponente" in Anspruch nehmen können: ein besseres Zimmer, mehr Komfort und freie Arztwahl.

Für den Mediziner Günther Loewit ist die Zweiklassenmedizin hingegen längt Realität. Er spricht sich im Fachmagazin „Hausarzt" dafür aus, zwischen einer ethisch vertretbaren und einer ethisch abzulehnenden Zweiklassenmedizin zu differenzieren: „Es beschwert sich ja auch niemand darüber, dass es in einem Flugzeug zwei Klassen gibt." Die Grund- und Hauptleistung, nämlich eine sichere Reise von A nach B in der gleichen Zeit, sei die gleiche, nur die Umstände der Reise würden sich unterscheiden.

Gesundheitstourismus

Eine neue fragwürdige Entwicklung in Sachen Zweiklassenmedizin sieht er aber im Medizintourismus: Wohlhabende Menschen aus ärmeren Ländern verbinden ihren Österreich-Urlaub gleich mit einer medizinischen Behandlung. Doch die lukrative Einnahmequelle sorge bei einheimischen Patienten für Unmut: "Sie haben Angst, dass die guten Geschäfte mit den Ausländern die Preise für medizinische Leistungen bald in unerschwingliche Höhen treiben werden."

Die Ärztekammer sieht jedenfalls keine Gefahr: "Sollte sich der Medizintourismus im Bereich der Kassensysteme abspielen, so wird im In- und Ausland von der zuständigen Krankenkasse nur das gezahlt, was auch im Herkunftsland beglichen wird", heißt es auf Nachfrage. "Die preisliche Flexibilität kann sich daher nur auf private Gesundheitsleistungen beziehen."

Diese Preise würden sowohl durch die nationalen, als auch durch die internationalen privaten Krankenversicherungen bestimmt. Wenn Österreich zum Ziel von Gesundheitstourismus werde, dann spreche das für die Qualität des heimischen Gesundheitswesens. (Sonja Tautermann, derStandard.at, 23.9.2013)

  • Mit Zusatzversicherungen kann man sich zum Beispiel Einzelzimmer sichern, eine bessere medizinische Versorgung verbietet aber das Gesetz.
 
    foto: robert newald

    Mit Zusatzversicherungen kann man sich zum Beispiel Einzelzimmer sichern, eine bessere medizinische Versorgung verbietet aber das Gesetz.

     

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