Smarte Phones, smarte Fernseher, smarte Küchen

21. August 2013, 17:05
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Neue Technologien sollen uns in die richtige Stimmung versetzen und auf uns aufpassen, wenn wir einmal nicht mehr so fit sind

Es ist nicht lange her, da galt eine Technologie noch als innovativ, wenn sie mobil war. Doch längst hat dem Mobiltelefon, dem mobilen Internet und mobilen Computern ein anderes Prädikat den Rang abgelaufen: "smart". Smartphones, smarte Fernseher, smarte Autos - nach und nach werden die Technologien unseres täglichen Gebrauchs in Smart-Version produziert. Unsere Wohnungen werden zu "Intelligent Homes" aufgerüstet, unsere Städte zu "Smart Cities". Aber was macht die intelligenten Technologien intelligent?

Vernetzung

Die Smartness neuer Technologien hat freilich wenig mit menschlicher Intelligenz zu tun. Sie liegt nicht in der individuellen Genialität einzelner Gerätschaften, sondern vielmehr in deren Vernetzung. Unter dem Schlagwort "Ambient Intelligence" sollen technologische Umgebungen geschaffen werden, die menschliche Bedürfnisse erkennen und eigenständig darauf reagieren können. Intelligente Wohnungen sollen - mithilfe von zahlreichen Sensoren - den Gemütszustand ihrer Bewohner erkennen. Bei Stress spielen sie eine Bachsonate, bei Nervosität ändern sie das Lichtambiente. Und: Bei einem Unfall verständigen sie die Rettung.

Ein Wohnbereich, auf den es die Technikforschung besonders abgesehen hat, ist die Küche. Eine smarte Küche weiß Bescheid, welche Lebensmittel vorhanden sind, wann sie ablaufen, bestellt automatisch Nachschub. Sie schlägt Rezepte vor und leitet den Hobbykoch mit Licht und Ton Schritt für Schritt an. Das soll einerseits eine schicke Küche noch moderner machen. Doch auch andere Ziele werden damit verfolgt: Eine smarte Küche kann Menschen mit geistiger Behinderung ermöglichen, selbstständig zu kochen.

"Smart Lighting" ist ein anderer Aspekt, der gerade stark im Kommen ist. Von intelligenter Beleuchtung erwartet man sich eine effizientere Energieverteilung im öffentlichen Raum. Aber auch in Innenräumen könnten die Lichtverhältnisse so gesteuert werden, dass Konzentration und Arbeitsmotivation steigen oder Kopfscherzen verschwinden. So brachte Philips kürzlich Lichtsysteme für Schulen und Krankenhäuser auf den Markt. Der Konzern setzt aber auch auf Lifestyle-Angebote für Private. Etwa Smartphone-bediente Lichtsysteme, die versprechen, das Ambiente von einem Urlaubsfoto direkt ins Wohnzimmer übertragen zu können.

Beleuchtung spielt aber auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von technologischen Lösungen für chronisch kranke und die wachsende Generation der älteren Menschen. Das EU-Projekt "Guiding Light" setzt auf die positive Wirkung von richtig eingesetztem Licht. Das "Lichtassistenzsystem" ermittelt durch Sensoren den individuellen Tagesablauf des Bewohners und versucht unauffällig Anreize zu geben, diesen einzuhalten. "Wir versuchen unterschwellig das optimale Licht für eine bestimmte Tätigkeit bereitzustellen", schildert Guido Kempter, Leiter des Forschungszentrums für User Centered Technologies der Fachhochschule Vorarlberg. Wenn etwa morgens der Frühstückstisch angenehm beleuchtet ist, kann das helfen, einen gesunden Tagesrhythmus aufrechtzuerhalten.

Das Haus, das jede Bewegung registriert

Auch Wolfgang Zagler, Leiter des Zentrums für Angewandte Assistierende Technologien an der Technischen Universität Wien, arbeitet an "intelligenten Wohngegenden", die zum Ziel haben, älteren und chronisch kranken Menschen mehr Sicherheit, Lebensqualität und Selbstständigkeit zu gewähren. Das "Bewusstsein" des intelligenten Hauses geht inzwischen weit über Sensoren hinaus, die bei einem Sturz Alarm schlagen, und ist sehr viel subtiler. "Es registriert Aktivität, weiß, wann die Fußmatte betreten, das Licht eingeschaltet, der Kühlschrank aufgemacht oder die Toilettenspülung bedient wird", erklärt Zagler. So kann es Auffälligkeiten anzeigen: Die Person geht zu häufig oder zu wenig auf die Toilette oder braucht für den Weg in die Küche doppelt so lange. "Wenn eine demenzkranke Person im Winter um zwei Uhr nachts das Haus verlässt, ist Gefahr in Verzug", gibt Zagler ein Beispiel.

Der meiste Nutzen in solchen Systemen wird also erzielt, wenn so viele Informationen wie möglich gesammelt werden. Gleichzeitig wirft das Probleme von Datenschutz und Privatsphäre auf. Zagler kennt diese Diskrepanz. Stellt er das intelligente Wohnsystem potenziellen Nutzern vor, bekomme er Rückmeldungen wie: Her mit "dem Haus mit eingebauten Schutzengeln", aber bitte ganz ohne Sensoren. Ein Widerspruch, der bei weitem noch nicht aufgelöst ist.

Möglichkeiten

Dass smarte Technologien noch in keiner Weise so breit angewandt werden, wie es technologisch möglich wäre, liegt aber nicht nur an der mangelnden Akzeptanz, sondern auch an der unkoordinierten Forschung. Diese ist selbst noch zu wenig vernetzt - entgegen allem, wofür sie inhaltlich eintritt: "Wir haben die einzelnen Elemente, aber noch keine Infrastruktur", sagt Zagler. Jeder baut zum gleichen Zweck, aber mit verschiedenen Ansätzen. "Mit diesen unterschiedlichen Komponenten werden wir schwer zu einem Gesamtsystem kommen." Daher gründete Zagler mit gleichgesinnten Wissenschaftern und Produktentwicklern den Verein AAL (Ambient Assisted Living) Austria. Schließlich gilt es nicht nur, in der Öffentlichkeit, sondern auch im Gesundheitssystem Gehör zu finden. Noch ist unklar, ob Versicherungen bereit sein werden, Kosten für die teuren Technologien zu übernehmen. Zudem sollen gemeinsame Standards gefunden werden.

Leider gebe es auch wenig Verbindung zwischen Technologien für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, und reinen Lifestyle-Produkten, bedauert Wolfgang Zagler. Denn soll eine Person, die ihre Eigenständigkeit zu verlieren droht, in eine smarte Wohnumgebung einziehen, sei enorme Überzeugungsarbeit zu leisten. Hat sich die Person allerdings schon früher, etwa zu Pensionsantritt, gewisse Technologien "gegönnt", sei es später umso leichter, diese zu assistierenden Lösungen auszuweiten.

Eine Zusammenarbeit zwischen Design und Technikforschung könnte auch optisch einiges bewirken. Heute baumeln unhandliche graue Sturzsensoren, die sofort als solche erkennbar sind, an ihren Benutzern herunter. "Das sollte man besser in ein Schmuckstück einarbeiten", meint Zagler. Schritt für Schritt kann es dann in eine Zukunft gehen, wo nicht wir das Haus hüten, sondern das Haus uns.

(DER STANDARD Printausgabe, 22.8.2013)

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    foto: corn / der standard
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