Meine kleine Energiefarm

23. August 2013, 16:58
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Gerhard Maier hat ein steinaltes Haus in ein kleines Kraftwerk verwandelt: Die Plusenergiepension soll nicht nur Energie sparen, sondern der schrumpfenden Region einen neuen Schub geben

Gerhard Maier sitzt auf der selbst gezimmerten Holzterrasse über dem selbst ausgehobenen Schwimmteich und blickt in das satte Grün ringsum. "Früher sind noch mehr als 400 Busse im Jahr bei uns untergekommen", sinniert er. "Jetzt kommen hauptsächlich Durchreisende. Im Winter ist es besonders bitter. Da ist gar nichts los." Richtig viel los ist auch im Hochsommer nicht. Die paar Straßen, die sich durch Mautern in der Steiermark schlängeln, sind wie leergefegt, an vielen Häusern bröckelt der Verputz. Die nahe Pyhrnautobahn rauscht mit dem Liesingfluss um die Wette. Dahinter nur Wiesen und die aufsteigenden Hügel in Richtung Erzberg.

Gerhard Maier, Wirt und Betreiber des Familiengasthofs Maier am Ortsrand von Mautern, ist darüber keineswegs verbittert. Ganz im Gegenteil: Er sprüht vor Energie. "Wir wollen etwas Besonderes machen. Wir wollen zeigen, was man aus einem alten Gebäude machen kann", sagt er. Damit meint er den neuesten Zuwachs zu seiner Pension: die Villa Stöckl, seit dem Frühjahr ein Gästehaus mit sechs Zimmern - und zugleich ein kleines Kraftwerk. In Eigenregie hat Maier das alte Gemäuer in ein Plusenergiehaus verwandelt, das mehr Strom erzeugt, als es verbraucht. Der Überschuss wird ins Netz eingespeist.

Dabei war die schweinchenrosa Villa bis vor kurzem nur ein weiteres sanierungsbedürftiges Haus in Mautern. Vor drei Jahren hat Maier das Nachbarsgrundstück samt dem schmucken Gebäude dazugekauft. Der einstige Besitzer ist verstorben, die Kinder sind allesamt weggezogen. Das ist kein Einzelfall: Seit dem Niedergang der Schwerindustrie in der Mur-Mürz-Furche ist die Region von Abwanderung gezeichnet. "Es gibt immer weniger Feiern, Taufen und Geburtstage. Nur der Friedhof wird größer", sagt Maier. In den 1970er-Jahren hatte der Ort 2500 Einwohner, heute sind es nur mehr 1800 - ungefähr so viel wie Mitte des 17. Jahrhunderts, wie die Statistik Austria vermerkt. Aus dieser Zeit stammt die Villa Stöckl: Sie wurde 1667 erbaut.

Abreißen - das wäre für Gerhard Maier nie infrage gekommen. Ihm geht es um die langfristige Erhaltung, um die Schaffung von Wohnraum und Arbeitsplätzen. "Da werden Häuser auf die grüne Wiese gestellt, während der Ortskern verkommt", regt er sich auf. Also nahm er sich vor, die Villa Stöckl zu renovieren. Weil er sich immer schon für die neuesten Umwelttechnologien interessiert, hörte er auf einem Seminar vom Programm "Mustersanierung", mit dem der Klima- und Energiefonds - der von Lebens- und Verkehrsministerium gefüllt wird - Vorzeigebeispiele in Sachen energieeffiziente Sanierung fördert. Sein Projekt passte genau ins Konzept.

Energie tanken am Dach

Gemeinsam mit der Grazer Energieagentur erarbeitete Maier einen Schlachtplan. Dann wurde das alte Haus rundumerneuert: Der alte Dachstuhl musste ausgehoben werden, um ihn zu isolieren, die Außenmauern wurden mit Mineralschaum gedämmt, Fenster und eine Eingangstür mit Passivhausstandard eingebaut. Das dreigeschoßige Häuschen hat zwei Seiten: Der Eingangsbereich mit einer Uhr samt Glocke im Giebel hat sich äußerlich wenig verändert. Auf der sonnseitigen Rückseite hingegen dominiert Hightech. Das Dach ist mit einer 80 Quadratmeter großen Fotovoltaikanlage gedeckt, die nicht auf den Ziegeln angebracht ist, sondern sie ersetzt. Zwischen den Dachfenstern liefern Solarthermieplatten Wärme für zwei Wasserspeicher im Keller. Zusätzlich sorgt ein Erdwärmetauscher mit Rohren, die in mehr als 100 Meter Tiefe führen, für die Temperierung des Wassers für die Fußbodenheizung. Den Rest erledigt eine Wärmepumpe.

Drinnen bekommt man davon nicht viel mit. In den Zimmern herrscht das ganze Jahr über ein angenehmes Klima: Die Luft wird permanent getauscht, also von außen angesaugt, gefiltert und durch die Abluftrohre gewärmt. "Mindestens 85 Prozent der Abwärme können so zurückgewonnen werden", sagt Maier. Die Beleuchtung mit nackten Glühbirnen ohne Schirm wirkt auf den ersten Blick sehr spartanisch - ist aber ganz bewusst so gewählt. Denn in den klassisch geformten Glühbirnen verbirgt sich ein Draht aus LED-Leuchten. Aber auch alte Luster hat Maier LED-tauglich gemacht.

Die Bilanz: Der Energiebedarf des Hauses ist siebenmal niedriger als vor der Renovierung, was einer Einsparung von etwa 30 Tonnen CO2 im Jahr gleichkommt. Der Energieüberschuss aus den neuen Quellen beträgt 2700 Kilowattstunden im Jahr. Das bedeutet in drei Jahren eine Kosteneinsparung von mindestens 40.000 Euro, rechnet Maier vor. Die Gesamtinvestition von etwa 400.000 Euro - von denen knapp die Hälfte durch Förderungen finanziert wurde - hat er in spätestens 15 Jahren wieder herinnen, meint der Wirt.

Halbe Sachen hat er noch nie gemacht. "Ich repariere alles, was geht, selber. Es wird so viel verschwendet. Das ist für mich Wahnsinn." Ihm geht es darum, zu zeigen, was technisch möglich ist - und Nachahmer zu finden. "Um zu überleben, ist es notwendig, dass wir vorausschauen und Energie sparen", sagt er. "Gerade in dieser Region." Auch von den Politikern würde er sich mehr Vorbildwirkung wünschen anstatt Worthülsen wie "Nachhaltigkeit". "Nachhaltig zu leben ist für mich schon immer ganz normal." (Karin Krichmayr, DER STANDARD, INNO, 22.8.2013)

  • Durch die Blume: Hinter der Hightech-Fassade der Villa Stöckl in Mautern in der Steiermark verbirgt sich ein Haus aus dem 17. Jahrhundert.
    foto: maier

    Durch die Blume: Hinter der Hightech-Fassade der Villa Stöckl in Mautern in der Steiermark verbirgt sich ein Haus aus dem 17. Jahrhundert.

  • "Um zu überleben, ist es notwendig, dass wir vorausschauen", sagt Gerhard Maier. Nachhaltig zu leben ist für ihn "immer schon ganz normal".
    foto: maier
    "Um zu überleben, ist es notwendig, dass wir vorausschauen", sagt Gerhard Maier. Nachhaltig zu leben ist für ihn "immer schon ganz normal".
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