"Wir sind soziale Tiere"

Interview21. August 2013, 18:34
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Nicht wir kontrollieren Google, Facebook und das Smartphone, sondern sie uns, sagt der Neurowissenschafter Gary Small

STANDARD: Haben Sie schon einmal geschätzt, wie viel Zeit Sie täglich mit Google, Twitter, Ihrem Blog, Ihrem Handy verbringen?

Small: Es ist interessant. Ich rede immer über Studien, die zeigen, dass US-Amerikaner zwischen acht und 18 Jahren im Schnitt etwa elf Stunden pro Tag mit Technologien aller Art verbringen. Gestern war ich da nah dran.

STANDARD: In Ihrem 2009 erschienenen Buch "iBrain" zählen Sie die jungen Menschen zu den "digitalen Eingeborenen" und die älteren zu den "digitalen Immigranten". Was trennt dann heute noch beide Generationen?

Small: Sie unterscheiden sich nach wie vor darin, dass die einen von Kindheit an den Technologien ausgesetzt waren. Was die Zeit angeht, die beide Generationen mit den Technologien verbringen, kommen sie sich wohl immer näher.

STANDARD: Sie gehen davon aus, dass die konstante Präsenz der Technologien unser Gehirn verändert. Inwiefern?

Small: Unsere Gehirne reagieren empfindlich auf jegliche Stimuli, von Moment zu Moment. Je mehr Zeit wir mit einer bestimmten mentalen Erfahrung verbringen, desto stärker und effizienter werden die davon angesprochenen neuronalen Schaltkreise. So ist unsere Hypothese, dass auch jene Schaltkreise stärker werden, die die Nutzung von Suchmaschinen, Facebook usw. kontrollieren. Mehrere Studien sprechen dafür.

STANDARD: Welche Fähigkeiten verlieren wir im Gegenzug?

Small: Schwächer werden wir dabei, mit anderen in direkten Kontakt treten zu können. Zumindest deuten auch hier Studien darauf hin. Bei einem Gespräch schaut man sich etwa nicht mehr in die Augen. Man reagiert nicht mehr auf nonverbale Hinweise. Das zeigte auch ein Experiment bei 17- bis 23-Jährigen: Nach brutalen Videospielen verringerte sich ihre Fähigkeit, ein fröhliches Gesicht zu erkennen.

STANDARD: In Ihrem Blog fragten Sie jüngst, ob das Internet Empathie abtötet. Tut es das?

Small: Das mag eine provokante Überschrift gewesen sein. Aber es gibt Hinweise, die dafürsprechen. Wir smsen, twittern, suchen online nach Informationen und tun ständig all diese anderen Dinge. Aber wir geben uns keine Chance, empathisch zu sein.

STANDARD: Demnach verändert der ständige Gebrauch der Technologien auch unser Verhalten.

Small: Ja, das sollte uns zu denken geben. Es kann dabei auch zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen. Wir wissen, dass Unfälle passieren, weil Menschen beim Fahren smsen. Das ist in vielen Situationen vielleicht sogar schlimmer, als Auto zu fahren und zu trinken. Hier kommen wir nicht einfach mit strengeren Gesetzen weiter. Wir brauchen vielmehr bessere Technologien. In manchen neuen Autos erlauben die GPS-Systeme heute etwa schon keine Eingabe von komplizierten Daten mehr, wenn das Auto nicht steht. Oder: Vor kurzem berichtete die New York Times von der Aussicht auf fahrerlose Autos. Fahren wir mit Autopilot, dann können wir auch smsen.

STANDARD: Welche anderen Vorteile könnten Technologien künftig bieten?

Small: Wir sind soziale Tiere, wir wollen mit anderen verbunden sein. Unsere derzeitigen Kommunikationsprogramme für Computer sind aber relativ primitiv. Sie könnten einmal raffinierter werden und die Erfahrung eines persönlichen Gesprächs imitieren. Zum Beispiel über einen Avatar, der mit einem anderen spricht. Es gibt auch Vorteile in ganz anderen Bereichen: Wenn es etwa um die Betreuung von Älteren geht. Oder das 3-D-Printing: Man kann Körperorgane und Nahrungsmittel drucken - das ist schon erstaunlich.

STANDARD: Forscher wollen bereits belegt haben, dass Computerspiele schlauer machen und manche sogar gegen depressive Symptome wirken können. Demgegenüber steht wiederum die Suchtgefahr.

Small: Die neuen Technologien können enorme Vorteile bringen. Das Problem ist: Wir kontrollieren diese Dinge nicht, sondern sie kontrollieren uns. Menschen werden süchtig - im Online-Kasino, nach Online-Shopping oder eben nach Computerspielen. Es braucht Selbstdisziplin und Gleichgewicht, um dem nicht zu verfallen.

STANDARD: Künftig dürfte wohl auch wichtiger werden, wie wir mit den digitalen Daten umgehen. Das lässt zumindest der Fall Edward Snowden vermuten.

Small: Die Datensicherheit ist ein wichtiges Thema. Wir sind hier auch sehr verletzbar. Alles ist online. Man könnte das System lahmlegen, mit großem Schaden für die Wirtschaft oder für das geistige Eigentum. Es ist erstaunlich, dass es hier nicht mehr Missbrauch gibt, als bekannt ist.

STANDARD: Wurde das Thema bisher unterschätzt?

Small: Vielen Menschen ist das nicht so wichtig. Wir sind zu beschäftigt damit, unsere Computer zu nutzen, als uns um die Sicherheit unserer Daten zu sorgen. Aber wir sollten das tun.

STANDARD: Was ist die größte Herausforderung in einer zunehmend technologisierten und vernetzten Welt?

Small: Die Technologien verändern sich so schnell, dass wir nicht mithalten können. Sobald wir erkannt haben, was für Vorteile sie bringen und was sie gefährlich macht, kommt schon eine neue, die besser und schlauer ist, mehr kann und weniger kostet.

STANDARD: Was sehen Sie als die nächste große Innovation?

Small: Ich habe vergangene Nacht eine Science-Fiction-Show gesehen. Man implantierte Personen Chips, sodass sich etwa die Polizei Daten herunterladen kann und es im Gericht keinen Streit mehr über das ursprüngliche Geschehen gibt. Oder dass man sein Telefon nicht mehr selbst einschalten muss, sondern nur daran denkt und es anspringt. Das alles scheint gar nicht mehr so weit weg zu sein. Der nächste Schritt wird wohl sein, dass die Technologien sich in gewisser Weise mit unserem Gehirn zusammenschließen. Dass Dinge an unser Gehirn angehängt werden, die die Nutzung der Technologien übergangsloser gestalten - man weniger darüber nachdenkt.

STANDARD: Das klingt eher bedrohlich. Wie blicken Sie in die Zukunft?

Small: Ich bin ein Optimist. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit, und ich bin glücklich darüber, in all dem mitten drinnen zu sein. (Lena Yadlapalli, Inno, DER STANDARD, 22.8.2013)


Gary Small ist Neurowissenschafter an der University of California und Direktor des Longevity Center am Semel Institute for Neuroscience & Human Behavior. Das Magazin "Scientific American" zählte den Autor mehrerer Fachartikel, Bestseller und Blogs vor einigen Jahren zu den 50 weltweit innovativsten Personen.




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    foto: standard/corn
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