Stronachs gruselige Superstar-Suche

Blog21. August 2013, 11:20
231 Postings

Der 100.000-Euro-Ideenwettbewerb zeigt Erschreckendes über Weltbild und Persönlichkeit des Parteigründers

Frank Stronach bietet dem Österreicher oder der Österreicherin unter 30 mit der besten Idee für die zukünftige Regierungstätigkeit 100.000 Euro an. Nun könnte man denken, es ist besser, wenn der Milliardär sein Geld für gute Vorschläge als für schicke Plakate ausgibt. Aber die Art und Weise, wie Stronach seinen Wettbewerb strukturiert hat, sagt viel über sein Weltbild und seine Persönlichkeit aus. Und das ist erschreckend.

Für die Einreichung der besten Idee, was man als Bundeskanzler tun sollte, gibt es 100.000 Euro, für weitere 100 gute Vorschläge je 500 Euro. Das heißt, der Gewinner erhält 200-mal so viel wie der Zweit-, Dritt- und Viertbeste. In Stronachs Welt gibt es praktisch nur einen Sieger, alle anderen können höchstens auf Trostpreise hoffen.

The Winner Takes it All

Damit bringt Stronach der heutigen Jugend einen der Megatrends unserer Zeit nahe, die "Winner takes it all"-Wirtschaft. In der  globalisierten und vernetzten Weltwirtschaft können einzelne Unternehmer, Manager, Künstler, Buchautoren oder Sportler Milliarden und Millionen verdienen, während für die große Masse an ähnlich fähigen Mitbewerbern viel weniger übrig bleibt. Das war früher etwas anders und hat viel zur wachsenden Ungleichheit in den reichen Industriegesellschaften beigetragen.

Allerdings: Stronachs Aufteilung des Preisgeldes ist ein Zerrbild dieses Phänomens. In keinem Sektor gibt es nur einen Einzigen, der alles davonträgt. Im Sport werden auch Silbermedaillen gefeiert (und oft gut bezahlt), im Kunstmarkt gibt es ein gutes Dutzend hoch bezahlter Maler, Joanne K. Rowling und Charlotte Roche sind nicht die Einzigen, die Millionen Bücher verkaufen. Apple hatte auch in seinen besten Zeiten harte Konkurrenz von Samsung und anderen. Wo man hinschaut, gibt es zwar überragende Sieger, aber nicht nur einen Sieger.

Bei einem Ideenwettbewerb wird diese Konzentration auf einen Vorschlag besonders absurd. Die zündende Idee, mit der alle politischen Probleme gelöst werden können, gibt es nicht und kann es nicht geben. Erfolgreiche Reformen erfordern immer ein Bündel von oft recht komplexen Maßnahmen. Ein zweiter Preis mit 30.000 Euro, ein dritter mit 10.000 Euro hätten diese Vielfalt zumindest ansatzweise eingefangen. Aber das passt nicht zu Stronach.

Einer hat viel Glück

Was wird also passieren? Angelockt von den 100.000 Euro werden Bürger Ideen formulieren, von denen sie annehmen, dass sie Stronach gefallen. Für eine der Einreichungen wird er sich am Ende entscheiden müssen - wahrscheinlich aus dem Bauch heraus. Einer hat dann viel Glück gehabt, die anderen nicht.

Auch das entspricht der Realität: Zum Erfolg gehört ein gehöriges Maß an Fortune und nicht nur Leistung und Talent. Manche sind einfach mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, andere kommen zu spät oder zu früh. Beim Aufbau aller Milliardenvermögen haben Glück und Zufall eine große Rolle gespielt - auch und gerade bei Stronach.

Das macht diesen Wettbewerb so erschreckend. Stronach zeichnet damit - genauso wie in seiner neuen Autobiografie - eigentlich ein Selbstbild: In Stronachs Welt gibt es eigentlich nur ihn als Riesen - und alle andere sind Zwerge, die mit großzügigen Almosen abgespeist werden. 100.000 Euro für mich, 500 Euro für die, die loyal zu mir stehen.

Dass Stronach auf seinem Weg hinauf viel Hilfe von anderen erhalten hat, dass er ohne deren Unterstützung mehrmals gescheitert wäre, das verschweigt er gerne. Schlimmer: Er ist sich dessen gar nicht bewusst. Narzisstische Persönlichkeiten haben in ihrem Denken keinen Platz für andere.

Brandgefährlicher Wesenszug

Deshalb zeigt dieser Wettbewerb bei seinem Erfinder erschreckende psychopathologische Züge. Menschen wie Stronach - oder etwa Apple-Gründer Steve Jobs - können großartige Unternehmer sein, in der Politik aber sind sie brandgefährlich.

Ein einziger Vorschlag für den zukünftigen Bundeskanzler würde daher wirklich das 100.000-Euro-Preisgeld verdienen: Sorge dafür, dass Frank Stronach politisch keine Rolle spielt. (Eric Frey, derStandard.at, 21.8.2013)

  • Artikelbild
    foto: apa/jäger
Share if you care.