Urlaubsmitbringsel für Lehrer

22. August 2013, 18:06
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Mitbringsel für Lehrer sind völlig verschwendet, es sei denn, man möchte die Welt in Rotwein ertränken

Pro: Daseinsvorsorge
Von Ronald Pohl

Die letzten Augusttage ähneln dem Verblühen einer nicht mehr ganz jungen Person. Morgenfröste überlaufen die von der Sonne gegerbte Haut. Das Licht ist dunkelgelb, und Traurigkeit beschleicht das Herz. Das von gefühlten 14 Ferienwochen verweichlichte Kind gleicht einer jungen Wilden. Die Manieren, so es denn je welche besessen hat, sind vergessen. Die Idee, es an die vollendete Harmonie einer "Kurvendiskussion" neu zu gewöhnen, wird fallengelassen. Zu absurd scheint jeder Gedanke an Schule. Das Vokabelheft wird aus Anlass einer unumgänglich notwendigen Zimmerinspektion - Staub saugen! - unter dem Teppich hervorgezogen.

Der Erziehungsberechtigte blättert darin herum. Der Versuch, dem Kind das Heft zur neuerlichen Lektüre ans Herz zu legen, wird brüsk abgelehnt. Schnee vom vergangenen Jahr. September naht. Es wird Zeit, dem Lateinprofessor die Früchte des "Bildungsurlaubs" zu kredenzen. Die Flasche Wein im Regal ist aus toskanischem Anbau. Mundus vult decipi. Zu Deutsch: Die Welt möchte in Rotwein ertränkt werden.

Kontra: Zeit ist Geld
Von Sigi Lützow

Ein selbstgekeschertes und dann sorgfältig und langsam an der Sonne getrocknetes Seepferdchen aus Kroatien, ein flugs während einer Führung abgebrochenes Puttoärmchen aus dem Vatikan, ein keck der Wache vor Horse Guards in London entrissenes Büschel Nasenhaare - freilich sind das schöne Mitbringsel. Aber an Lehrer sind sie völlig verschwendet, verschwendet wie die Blumen, Bonbonnieren und Liköre, mit denen die Jugendbildner in ihre Kurzurlaube verabschiedet werden.

Sie dürften angesichts verblödeter und/oder moralisch verwahrloster Schüler ausgiebigere Anfütterung erwarten. Bares, strategisch vor mündlichen oder schriftlichen Prüfungen zugesteckt, verspräche im Normalfall mehr Erfolg als der aus aller Welt herbeigeschleppte Plunder. Leider sind die Pädagogen aus Berufung ganz und gar unbestechlich, und ihre Herzen sind allenfalls mit fair bezahlten Nachhilfestunden zu gewinnen. Das ist zu bedenken, wenn jetzt die Lehrverpflichtung überfallsartig und massiv erhöht wird. Lehrern gibt man am besten Zeit. (Rondo, DER STANDARD, 23.8.2013)

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