Schlechtes Benehmen, wo man auch hinsieht

20. August 2013, 17:33
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Finale mit "Der diskrete Charme der Bourgeoisie"

Salzburg - In Luis Buñuels Film Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1972) versucht ein bürgerlicher Freundeskreis zum Essen zusammenzukommen. Doch absurde Gründe verhindern es immer wieder: Man irrt sich im Datum, ein andermal stirbt der Wirt, und ein weiteres Mal wollen die Gastgeber vom spontanen Sex nicht ablassen. Andere unerwartete Vorgänge (Mord, Verhaftungen, Affären etc.) machen allmählich klar, dass das meiste hier ziellos Geschehende nur geträumt ist.

In dieser Ziel- und Sinnlosigkeit der bourgeoisen Manöver liegt die Kritik Buñuels am selbstverliebten, sorglosen Bürgertum. Eine Kritik, die heute in die Jahre gekommen ist. Doch bleibt der Reiz des Films seine Erzählweise, die raffinierte Verschränkung der Realitätsebenen und schließlich die inmitten dieses surrealen Wunderlands ungerührt agierenden Schauspieler.

Jan Mikulásek, der den Filmklassiker im Vorjahr für das Reduta-Theater in Brünn adaptierte und nun beim Young Directors Project damit antritt, geht in seiner Inszenierung den umgekehrten Weg. Er stellt das Absurde aus, unterstreicht es mit einem slapstickhaft aufdrehenden Ensemble. Auch das ist reizvoll, aber nur bedingt, vieles wirkt patiniert. Mit hoch auftoupierten Frisuren betritt die Gesellschaft (drei Frauen, sechs Männer, darunter eine Braut, ein Flittchen und Männer mit extravaganten Krawatten) die Bühne der Arge Kultur im Nonntal. Auf dieser steht eine halb gedeckte Tafel. Ein Leichenschmaus steht an. Und schon hier machen alle alles falsch. Es beginnt damit, dass der Tote noch nicht tot genug ist - ein ziemlich guter Auftakt.

Hinten an der Wand steht "Fauxpas" geschrieben, und um Fehltritte geht es auch. Mikulásek hat es ganz auf das schlechte Benehmen des (er sagt: heutigen tschechischen) Bürgertums abgesehen. Von der konkreten Filmhandlung ist da wenig übrig geblieben. Vielmehr kompilierte der Regisseur Ideen und Träume aus anderen Texten, etwa des tschechischen Surrealisten Jindrich Styrský. Denkwürdig gerät ein überaus schmutziger Heiratsantrag, der jeden "diskreten Charme" ad absurdum führt. Ob es aber für den Young-Directors-Sieg reicht, ist unwahrscheinlich. Heute, Mittwoch, wird der Gewinner bekanntgegeben.

Die Premiere am Montag musste 15 Minuten vor Schluss abgebrochen werden, da Schauspieler Jan Hájek einen epileptischen Anfall erlitt. Hájek ist wieder wohlauf, alle Spieltermine können eingehalten werden. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 21.8.2013)

Bis 23. 8.

  • Zu Gast in einem Restaurant, in dem man am besten Mitgebrachtes verspeist: Jan Hájek in "Der diskrete Charme ...".
    foto: kiva

    Zu Gast in einem Restaurant, in dem man am besten Mitgebrachtes verspeist: Jan Hájek in "Der diskrete Charme ...".

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